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Praktikum: Worauf es beim Job auf Probe ankommt

Praktika sind ein Pluspunkt im Lebenslauf, die Chance, sich ein Profil zu geben. Doch viele Berufseinsteiger reihen wahllos eine Station an die nächste. Worauf Personalchefs achten und wie die Zeit im Unternehmen zum Erfolg wird.

Wer vor Praktikumsbeginn seine Aufgaben, Rechte und Pflichten in einem Vertrag festhält, hat gute Aussichten

Wer vor Praktikumsbeginn seine Aufgaben, Rechte und Pflichten in einem Vertrag festhält, hat gute Aussichten

Viele Berufseinsteiger reihen wahllos ein Praktikum an das nächste. Weil sie glauben: Viel bringt viel. Doch für Personalchefs zählt nicht Quantität, sondern Qualität.

"Viele Praktikanten verwechseln die Zeit im Unternehmen mit einer Art beruflichen Pubertät: Sie wollen nur ausprobieren und sich nicht festlegen", sagt Berufsberaterin Uta Glaubitz aus Berlin. Sie hält deshalb jedes zweite Praktikum für überflüssig. Oliver Maassen ist Personalchef bei der Unicredit Group und im Beirat des Arbeitskreises Personal Marketing. Er beobachtet eine regelrechte Inflation bei Praktika. "Viele glauben, je mehr sie machen, desto besser. Das ist Quatsch!"

Fünf goldene Praktika-Regeln

Hospitationen sind sinnvoll. Wenn sie mit Bedacht ausgewählt werden, können Studenten damit ihrem Lebenslauf den richtigen Schliff geben. Dabei sollten sie fünf Regeln beachten:

  • • Praktikanten brauchen einen "Praktikumsplan" - am besten vom Chef und dem Praktikanten gemeinsam entwickelt. Darin sollte stehen: Welche Aufgaben hat der Hospitant? Was will er im Unternehmen lernen? Wer betreut ihn?
  • • Jeder sollte vor Beginn einen Vertrag abschließen. Denn auch ein Praktikant hat Rechte - und die sollte er kennen.
  • • Praktika sollen aufeinander aufbauen. Personalchef Maassen sagt: "Ich will einen roten Faden im Lebenslauf sehen, keine Trophäensammlung".
  • • Ein Praktikum im Ausland ist die Kür. Die sollten Einsteiger erst laufen, nachdem sie Erfahrungen im deutschen Berufsalltag gesammelt haben. Und ein Auslandspraktikum ist kein Urlaub.
  • Vier bis fünf freiwillige Praktika sind genug: eins vor dem Studium. Zwei bis drei während des Studiums. Danach sollten Absolventen nur noch ein Praktikum machen, wenn es gar nicht anders geht.

Thomas, 22, studiert Wirtschaftsingenieurwesen. Vor Studienbeginn musste er zehn Wochen lang ein technisches Praktikum machen. Thomas ging dabei ganz pragmatisch vor: "So wie ich zum Autofahren einen Führerschein brauche, brauche ich zum Studieren das Praktikum." Er entschied sich für BMW und arbeitete als Karosseriebauer. "Ich bin stolz, dass ich bei BMW war. Das macht sich gut im Lebenslauf", sagt er. Nach seinem Studium will Thomas nun vielleicht in die Autoindustrie gehen.

"Praktika sind kein Pauschalurlaub"

Ein großer Pluspunkt im Lebenslauf ist das Auslandspraktikum. Doch das verschulte Bachelor-Studium lässt dafür immer weniger Zeit. Kommerzielle Agenturen bieten scheinbar die Lösung, das Rundum-sorglos-Paket: Innerhalb von drei Monaten wollen sie so ziemlich jedes Praktikum organisieren - weltweit.

Personalchefs reagieren allerdings skeptisch auf diese Art, Erfahrungen im Ausland zu sammeln. "Jemand, der schon am Flughafen mit Namensschild abgeholt wird und sich ins gemachte Bett legt, ist für mich uninteressant", sagt Personalchef Maassen.

"Praktika sind kein Pauschalurlaub, den man im Reisebüro buchen kann", sagt auch Günter Müller-Graetschel, Leiter des internationalen Praktikantenprogramms des Deutschen Akademischen Austausch Dienstes (DAAD). Er kennt Fälle, bei denen sich die ausländischen Firmen gar nicht um ihre Praktikanten gekümmert hätten - und das trotz Kosten von mehreren 1000 Euro. Wer einen Vertrag abschließt sollte deshalb prüfen: Gibt es einen Vertrag? Einen Projektplan? Einen Ansprechpartner vor Ort?

Vorsicht vor Ausbeutung

Der Druck, mit Hospitationen den Lebenslauf zu polieren, steigt. Das wissen die Chefs - und einige nutzen das aus. Jedes zweite Praktikum von Absolventen wird nicht bezahlt. In vielen Fällen finanzieren die Eltern den Job auf Probe.

Für Schüler und Studenten mag es noch angehen, wenn sie in den Ferien ein paar Wochen ohne Vergütung arbeiten. Bei Hochschulabsolventen ist das Ausbeutung. Vor allem wenn sie monatelang gratis schuften, in der Hoffnung, anschließend einen Vertrag als Trainee oder eine Festanstellung zu bekommen. Und dann leer ausgehen. Doch das sind Einzelfälle. Hochschulforscher Kolja Briedis vom vom Hochschul-Informations-System (HIS) fand in seiner Studie über die "Generation Praktikum" heraus: "Ja, es gibt Tendenzen zur Ausbeutung. Aber bei Hochschulabsolventen sind Kettenpraktika kein Massenphänomen."

In der Politik wird seit 2008 über die Rechte von Hospitanten gestritten. Das ist das Verdienst von Ex-Praktikanten wie Bettina König, 30, die in Berlin den Verein Fairwork gegründet hat. Ihre Forderungen: Ein Praktikum sollte nicht länger als drei Monate dauern und per Vertrag geregelt werden. Studenten sollten 400 bis 600 Euro brutto im Monat verdienen, Hochschulabsolventen 1200 bis 1500 Euro im Monat. Praktikanten müssen selbst dafür sorgen, dass sie nicht ausgebeutet werden. Besser Zeitarbeit machen, anstatt sich von Praktikum zu Praktikum zu hangeln, rät Bettina König von Fairwork. Dort können Absolventen nicht nur Geld verdienen, sondern auch Kontakte knüpfen. "Auf ein unfaires Praktikum sollte man verzichten. Meist kommt danach nicht der Traumjob, sondern nur das nächste", sagt sie. Und wer zehn Praktika aneinanderreiht, beweist nicht, wie flexibel er ist. Sondern demonstriert nur: Ich habe keinen Plan.

Catrin Boldebuck