HOME

Preiskampf der Discounter: Preise senken, Angestellte ausbeuten

Die Discounter liefern sich einen erbitterten Preiskrieg. Was nach einer guten Nachricht für die Verbraucher klingt, ist für die Beschäftigten fatal: Viele Discounter geben den Preisdruck direkt an ihre Angestellten weiter. Dabei grenzen deren Arbeitsbedingungen schon jetzt an Ausbeutung.

Von David Meiländer

Die Kriegserklärung kam von Lidl. Am 29. Januar. Die Waffen: Prosecco, Reis und Wattestäbchen. Seitdem herrscht ein Preiskampf unter den deutschen Discountern, der mittlerweile auch Grundnahrungsmittel wie Milch, Butter und Kaffee erreicht hat. Der Preisverfall ist enorm. Bis zu 30 Prozent können Verbraucher bei einzelnen Produkten sparen. "Reduzierungen in dieser Größenordnung hat es in Deutschland noch nie gegeben", sagt Wolfgang Twardawa von der Gesellschaft für Konsumforschung. Aldi, Penny, Lidl und Plus unterbieten sich mit immer günstigeren Angeboten.

In Zeiten knapper Kassen eigentlich gute Nachrichten, doch Ulrich Dalibor macht sich Sorgen. "Die Branche hierzulande befindet sich in einem schlimmen Verdrängungswettbewerb", sagt der Gewerkschafter. Er kümmert sich bei Verdi um den Einzelhandel. "Auf der Strecke bleiben vor allem die Beschäftigten." Immer wieder haben Dalibor und seine Kollegen die Arbeitsbedingungen bei den großen Billigketten, auch Discounter genannt, angeprangert. "Wenn sich die Preisspirale weiter nach unten dreht, könnte es noch schlimmer werden", prognostiziert Dalibor.

"Mehr Arbeit mit weniger Personal"

Denn die Margen sind eng und die Konkurrenz ist groß. Kleine Verkaufsflächen, ein schmales Warensortiment und eine einfache Präsentation - das waren einmal die großen Erfolgsrezepte der Discounter. Heute reicht das nicht mehr. "Der Wettbewerb im Einzelhandel ist in den letzten zwanzig Jahren härter geworden", sagt Markus Preißner vom Institut für Handelsforschung in Köln. "Die Unternehmen müssen jeden Cent mehrfach umdrehen." Und weil der größte Kostenfaktor das Personal ist, sparen die Firmen vor allem hier.

Das lässt sich nachweisen. Zählt man alle Arbeitsstunden der Einzelhandels-Beschäftigten aus dem Jahr 2007 zusammen und vergleicht sie mit dem Jahr 2000, dann bleibt ein Rückgang von sieben Prozent. Das geht aus den Zahlen des Statistischen Bundesamts hervor. Ein Sechstel der Vollzeitstellen wurden abgebaut und nur teilweise durch Teilzeitstellen ersetzt. "Das ist insofern dramatisch, weil gleichzeitig viele neue Märkte eröffnet wurden", sagt Ulrich Dalibor von Verdi. Nach Informationen des Hauptverbandes des Deutschen Einzelhandels kamen weit über acht Millionen Quadratmeter dazu. "Mehr Arbeit und gleichzeitig weniger Personal - das ist eine tickende Zeitbombe", so der Gewerkschafter.

Wer stört, muss gehen

Wie sich der Kostendruck auf Arbeitsbedingungen auswirkt, hat Verdi vor vier Jahren in einem Schwarzbuch veröffentlicht. Davon inspiriert sendete die ARD vor zwei Wochen einen Tatort, der im Umfeld der Discounter-Branche spielt. "Einige Szenen daraus sind wirklich passiert", sagt Agnes Schreieder. Sie hat an dem Schwarzbuch von Verdi mitgearbeitet. Die Szene aus dem Film geht so: Weil eine Mitarbeitern der Konzernleitung zu unbequem geworden ist, zitiert sie der Vertriebsleiter in sein Büro - mit dabei eine Anwältin. Der Vorwurf: Die Kassiererin habe geklaut. Drei Euro aus der Pfandkasse. Ihre einzige Chance: Selber kündigen. Sonst rufe man sofort die Polizei.

"Mit solchen erfundenen Vorwürfen versuchen die Vertriebsleiter immer wieder, unliebsames Personal loszuwerden", sagt Schreieder. Dabei geht es nicht immer um gravierende Dinge. Unbequem sind auch die, die die harten Anforderungen der Konzernleitung nicht sofort erfüllen oder einfach nicht flexibel genug sind. Wie etwa bei Lidl. "Kassenanweisung" heißt eine der wichtigsten Regeln im Konzerndeutsch und kommt direkt aus Neckarsulm, der Unternehmenszentrale. Mindestens 40 Waren pro Minute müssen die Kassiererinnen über den Scanner ziehen - wer das nicht schaffe, so behauptet es Verdi, werde rausgeworfen. Mittlerweile habe der Konzern die Schlagzahl sogar noch erhöht. Gegenüber stern.de möchte sich Lidl dazu nicht äußern.

Auf Kosten der Allerärmsten

Wie so etwas in Extremform aussieht, zeigt die Studie der Kampagne "Saubere Kleidung", die am Dienstag veröffentlicht wurde. Sie untersuchte, wie Angestellte von Zulieferern auch deutscher Discounter bezahlt werden. Die Ergebnisse sind heftig: Eine Näherin aus Bangladesch etwa verdient im Monat zwischen 25 und 35 Euro - weniger als die Hälfte des dortigen Existenzminimums. "Das Discountermodell dieser Konzerne basiert darauf, Lieferanten auszupressen und führt zu schweren Arbeits- und Menschenrechtsverletzungen in der Lieferkette", sagt Gisela Burckhardt von der "Kampagne für Saubere Kleidung". "Dies ermöglicht Discountern große Gewinne, während die Arbeiterinnen Hungerlöhne erhalten." Die deutschen Discounter weisen das zurück, Lidl betont gegenüber stern.de etwa sein intensives Bemühen, in der dritten Welt Produktionsstandards aufrecht zu erhalten und aufzubauen.

Teilzeitvertrag aber Vollzeitbeschäftigung

Dennoch, der Kostendruck ist groß. Auch hierzulande ist das zu spüren. "Jede Filiale untersteht einem ständigen Controlling", sagt Agnes Schreieder. "Gearbeitet wird mit Angst und Druck. Wer nicht flexibel genug ist, um abends noch ein paar Überstunden zu machen, dem wird schnell nahe gelegt, das Unternehmen zu verlassen." Auch in Hamburg in der Lidl-Filiale an der Reeperbahn waren Überstunden an der Tagesordnung. Die 17 Beschäftigten arbeiteten an die 40 Stunden in der Woche und das obwohl fast alle von ihnen nur mit Teilzeitverträgen von annähernd 20 Stunden ausgestattet waren. Die Überstunden wurden regulär bezahlt, doch wer sich nicht in das System fügte, fehlte auf einmal im Dienstplan. "Das war fast schon paradox", sagt Agnes Schreieder, die den Beschäftigten schließlich half, einen Betriebsrat zu gründen. Seit vergangenem November ist Astrid Peters die gewählte Vertreterin der Arbeitnehmer, die sich der Sache annahm. "Die Leute mussten darum betteln, Überstunden zu machen, um auf ihr geregeltes Einkommen zu kommen", sagt sie.

Für Agnes Schreieder eine klare Taktik: "Das Ziel war, die Mitarbeiter klein zu halten und Krankheitskosten zu sparen, denn wer nur einen Vertrag über 20 Stunden hat, kriegt seine 20 Überstunden nicht als Krankengeld angerechnet." Kommentieren will das in der Konzernführung bei Lidl keiner.