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Soziales Engagement: Ehrenamt statt Ruhestand

Das Wort Ehrenamt klingt nach Rotem Kreuz, Klingelbüchse und Kassenwart, dabei versteht sich die neue Freiwilligen-Bewegung mehr als schnelle Einsatztruppe. Hier packen die jungen Alten an, wenn beruflich nichts mehr zu tun ist.

Von Brigitte Zander

Schon eine halbe Stunde vor der täglichen Öffnungszeit abends um sechs sammeln sich ungeduldige Besucher vor der "City Station", dem "Restaurant und mehr..." der Berliner Stadtmission in Ku-Damm-Nähe. "Nun mach man uff, ick hab Hunger", nörgelt ein verhutzelter Mann im Trainingsanzug mit Schirmkappe und zwei Plastiktüren. Zustimmendes Grunzen bei den anderen Gästen, die auch viele vollgestopfte Plastiktaschen und Rucksäcke mit sich schleppen.

Als Lothar Stügelmaier, ein stattlicher Kumpeltyp mit weißem Lockenkopf, auf die Minute genau aufschließt, drängen alle zur Theke. "Hallo, 'n Abend, auch wieder da." Er kennt die meisten Stammgäste, aber zum Plaudern bleibt erst mal zunächst keine Zeit. Auf dem Speisezettel neben die Küchentür steht heute: Geschnetzeltes mit Nudeln für zwei Euro, Eintopf zu 50 Cent, Grütze mit Vanillesauce 60 Cent, ebenso ein Pott Kaffee.

Im Eiltempo reichen Lothar und zwei andere Helfer gefüllte Teller über die Theke. Bis spätabends kommen neue hungrige Gäste. Eine Greisin mit langen weißen Haarzotteln holt sich gleich zweimal Eintopf und gräbt den kleinen Betrag in Kupfermünzen aus ihrer Manteltasche. Lothar kassiert, verteilt, und hört zwischendurch den tristen Lebensberichten der Alten, Armen und Obdachlosen zu.

Den unbezahlten Job in der Arme-Leute-Kantine macht der 65jährige einstige Außendienstler seit fast vier Jahren, immer mittwochs. "Schließlich geht's mir gut". Eigenes Häuschen, ein neues Auto, zweimal im Jahr Urlaub, die beiden Kinder sind wohlgeraten und schon groß. "Da will man doch was für Leute tun, denen es schlechter geht."

Soviel Bürgersinn zeigen nur wenige unserer Vorruheständler und topfitten Jungrentner. Nach dem jüngsten Freiwilligenbericht der Bundesregierung engagieren sich jeder Dritte der 56- bis 75-Jährigen gemeinnützig. Doch bei dieser optimistischen Zahl sind auch Gelegenheitshelfer mitgerechnet, die beim Kirchen-Sommerfest mal Kuchen backen, bei der örtlichen Turngruppe mitmischen, oder als Vereinskassierer alle paar Wochen im Club auftaucht.

Der harte Kern der engagierten Jungsenioren zwischen 55 und 70 Jahren, die mindestes 17 Stunden monatlich nächstenliebend aktiv sind, liegt (laut Alterserhebung des Deutschen Zentrums für Altersfragen) bei 22 Prozent im Westen und 15 Prozent in den östlichen Bundesländern. "Die gesunden jungen Alten sollten für die Gesellschaft mehr tun als bisher. Sie haben das Potential dazu", mahnt DZA-Leiter Clemens Tesch-Römer.

Mehr leisten als Gartenarbeit und Golfspielen

Vielleicht fehlt einfach der Anstoß. Die Ausgangslage war jedenfalls nie günstiger: Die junge Alten im Ruhestand sind die erste deutsche Rentnergeneration, die gesünder, gebildeter, unabhängiger und materiell besser abgesichert ist als frühere. Ein gutes Drittel ihres Lebens liegt noch vor ihnen. Diese Bürgergruppe zwischen Berufs- und Greisensphase, zwischen "Muss" und "Muße", könnte mehr leisten als garteln und golfen", konstatiert auch der Hamburger Zukunftsforscher Horst Opaschowski. Auch wenn unser Gemeinwesen für diese lebens- und berufserfahrene Altersgruppe keine Aufgabe vorsehe, "muss man der Generation 55plus klar machen, dass mit dem Ende der Erwerbsarbeit die Lebensarbeitszeit nicht zu Ende ist. Dass berufliche Entpflichtung nicht gleichzeitig eine soziale Entpflichtung ist", doziert Opaschowski.

Mehr Werbung, gezielte Förderung und finanzielle Anreize sollen die Einsatzbereitschaft ankurbeln. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend steckte in der vergangenen Legislaturperiode zehn Millionen Euro in 54 generationsübergreifende Freiwilligen-Projekte. An der Aktion "Gemeinsam aktiv - Impulse für die Zivilgesellschaft" sind auch Länder, Kommunen und diverse Hilfsorganisationen beteiligt.

Neben etablierten Initiativen wie "Alt für jung", dem "Senior-Experten-Sercive" und der ZWAR ("Zwischen Arbeit und Ruhestand") laufen auch neue kreative Ehrenamts-Modelle an. Wie der "Gründer Support Ruhr" (GSR) in NRW. Dabei unterstützt ein Team von inzwischen 50 Business-Veteranen Start-ups mit ihrem Know-how. Sie helfen bei Betriebsorganisation, Werbung, dem Aufbau des Rechnungswesens, dem Knüpfen von Geschäftskontakten und der Akquisition.

Riesen-Reservoir an qualifizierten Leuten

Als einzige Frau gehört Petra Hartjes zum ehrenamtlichen Paten-Pool. Nach einer 30-jährigen Karriere bei Coca Cola Deutschland sehnte sich die damals 58jährige Betriebswissenschaftlerin nach einem entspannenden Hausfrauendasein mit Mann und Sohn im Eigenheim. Doch schnell "fing die Haushaltsidylle an zu nerven". Seitdem coacht sie zwei Tage in der Woche junge Gründer, vor Ort und am Telefon.

"Unter den Älteren gibt es ein Riesen-Reservoir an qualifizierten Leuten mit freier Zeit, sie müssten mit anpacken und unseren Staat voranbringen", meint Tobias Baur, Projektleiter der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freiwilligenagenturen (BAGFA), Dachorganisation von 200 lokale Freiwilligen-Börsen. Er könnte "jede Menge Mitarbeiter, Helfer, Pate, Engel, Zeitspender" gebrauchen.

Das Wort "Ehrenamt" benutzt Baur ungern. Es klingt miefig, nach Rotem Kreuz, Klingelbüchse und Kassenwart. Die moderne Freiwilligen-Bürger-Bewegung versteht sich eher als schnelle Einsatztruppe. Wer heute Lust hat, engagiert sich sporadisch für eine gute Sache, nicht lebenslänglich.

Unendliche Jobpalette

Die Job-Palette ist bunt, witzig und unendlich. Bundesweit werden Nachhilfelehrer, PC-Betreuer, Handwerker, Museumsführer, Rollstuhlschieber, Theaterspieler, Schriftführer, Trödelmarktverkäufer, Leihomas, Märchenerzähler, Manager und Hundeausführer für gemeinnützige Projekte gesucht. Man braucht: Vorleser im Altenheim, Familienhelfer für chronisch kranke Kinder, Naturfreunde, die Schülerausflüge begleiten, Hobbygärtner, die die Grünanlage am Bürgerheim in Schuss halten, kontaktfreudige Damen und Herren, die Tanzcafés für Senioren organisieren. Und, und, und. Alles Angebote ohne Geschlechts- und Altersbegrenzung, verbunden mit qualifizierender Schulung, Versicherungsschutz und flexibler Arbeitszeit, sogar stundenweiser Einsatz ist möglich. Also maßgeschneidert für die Woopies, die "well-off-older-people".

Arbeitsvermittler in den Stellenbörsen wie der Münchner "Agentur Tatendrang" sorgen dafür, dass "Topf und Deckel passen". Erste Gespräche über den passenden Einsatzort eines Bewerbers dauern oft ein bis zwei Stunden, weiß die "Tatendrang"-Beraterin Monika Kempfle. Der Jobfindungs-Prozess erinnert an heiteres Beruferaten. Möchten Sie allein oder in der Gruppe arbeiten? Mit Dingen oder Menschen? Mit Kindern, Senioren, Tieren?

Kein Geld, aber viel Dankbarkeit

Der Hamburger Peter Klentze, der mit 60 seinen Berufstätigkeit im Schiffsbau aufgab, um danach "noch etwas Anderes, Sinnvolles zu tun", landete bei Kindern. Nach einem ersten Testbesuch in der Kindertagesstätte des Arbeiter-Samariter-Bundes, der "Kita Lerche" in St. Pauli, wußte der kinderlose Senior: "Genau das ist es." Seitdem kommt er immer donnerstags von 9 bis 14 Uhr.

Der patente Onkel mit den spärlichen graue Haarsträhnen in der Stirn und der Lesebrille vorn auf der Nase ist eine willkommene Unterstützung für die Kita-Leiterin Margit Oulad, die mit zwei Vollzeitkräften eine quirrilige Multi-Kulti-Schar von 50 Kinder betreut. Peter macht alles mit. Wollen wir heute Pirat spielen mit vielen Überfällen? Na klar! Oder ein Containerschiff bauen. Machen wir! Er bastelt Holzschwerter, arrangiert bunte Blätter zu Bildern, teilt mittags Essen aus, und wünscht in vielen Sprachen "Guten Appetit". Spiellärm und Gewusel machen dem Senior nichts aus. "Ich gehe immer zufrieden heim", versichert Herr Klentze.

Die gleiche Befriedigung erlebt auch Irmgard Vogt, 68, aus Köln-Ehrenfeld. Vier eigene Kinder hat sie großgezogen, als der Älteste 17 war, suchte die vitale Frau nach "einer neuen Herausforderung". Seitdem betreut sie an zwei Nachmittagen im örtlichen Bürgerzentrum Ausländerkindern bei ihren Schulaufgaben. "Zuhause kann denen ja kaum einer helfen". Ehrenamtliches Engagement bringt kein Geld, ist aber auch nicht umsonst. Der Lohn besteht aus Dankbarkeit, Anerkennung, Lob, wachsendem Selbstbewußtsein, öffentlicher Wertschätzung, neune Kontakten und Erfahrungen, Spaß im Team und der Erweiterung des eigenen Horizonts. Wirtschaftswissenschafter nennen das ein Win-Win-Modell.

Rückzug des Staates wettmachen

Wie die Aktion "Bürger fahren Bürger" in Schwalmtal-Waldniel, einer ländliche Gemeinde mit verstreuten Siedlungen ohne öffentlichen Nahverkehr. Vor vier Jahren fanden sich zwei Dutzend erfahren Führerscheinbesitzer in einem den Bürgerbusverein zusammen und zogen mit einem gestifteten Mercedes-Sprinter einen täglichen Busservice auf. Werktags von 8 bis 20 Uhr kutschieren sie die autolosen Bürger zum Arzt, zu Aldi, zum Altenheim, und zum Bahnhof.

"Ohne uns wären viele von der Welt abgeschnitten", sagt Hans-Josef van der Meulen, 62, der den Einsatz-Schichtplan aufstellt und auch selbst steuert. Das Engagement hat dem Zwangs-Frührentner neuen Lebenssinn gegeben. "Das Busfahren hat viel Unterhaltungswert, und man lernt 'ne Menge netter Leute kennen".

Seit immer mehr staatliche Leistungen wegbrechen, hängen vermehrt öffentliche Aufgaben am bürgerschaftlichen Einsatz. Das Stadtmuseum "Viadrina" in Frankfurt/Oder zum Beispiel wäre ohne Ehrenamtliche und Ein-Euro-Jobber nicht betriebsfähig. "Die Arbeit würde liegen bleibe," sagt der Museumsdirektor Dr. Schieck.

Eine seiner größten Stützen ist der NVA-Oberstleutnant Dietmar Koch, 69. Ein überaus höflicher korrekter Mann, Spross einer alten Soldatenfamilie und sehr motiviert. Dreimal pro Woche hilft er beim Sortieren und Katalogisieren der Bestände, und hat - natürlich - die Militaria-Ausstellung auf Vordermann gebracht. Knifflige Detailfragen beim Eingruppieren verschiedener Waffenröcke, Stahlhelme, Marschgepäckstücke, und Auszeichnungen löste Koch begeistert. "Mein Hobby ist schließlich Militärgeschichte". Dass er in dieser stilvollen Umgebung sein Wissen anbringen und seinen Kopf "wach halten kann", ist ihm "Lohn genug".

Zu wenig Interesse an ideellem Lohn

Leider gibt es zu wenig Rentner, die ideeler Lohn aus dem Sessel bringt. Darum denken Politiker und Wohlfahrtsträger über finanzielle Anreize für Freiwilligenarbeit nach. Immer mehr Organisationen zahlen Fahrgeldersatz, und laden ihre Zeitspender zu Festen oder Ausflügen ein. Hessen belohnt seit neuestem jeden Freiwilligen, der sich mindestens fünf Stunden wöchentlich einsetzt, mit einer Ehrenamtskarte, die landesweite Vergünstigungen wie verbilligte Eintritte in Museen, Sport-Events und Bäder garantiert. Wenn sie tatsächlich mehr Helfer anlockt, wollen andere Bundesländer nachziehen. Stundenlohn wird es jedenfalls fürs Ehrenamt nicht geben. "Dann würden wir mit Hartz IV kollidieren," sagt ein BAGFA-Sprecher.