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Ulrich Schuster: Chauffeur in Italien

Seinen Zivildienst absolvierte Ulrich Schuster nicht im heimischen Eching, sondern im fernen Rom. Dort kutschierte er den Abtprimas Notker Wolf herum - und lernte neben Land und Leuten viel über sich selbst - und seine Heimat.

Name: Ulrich Schuster
Alter: 20 Jahre
Heimatstadt: Eching am Ammersee
Organisation: Missionsprokura St. Ottilien (Homepage)
Einsatzort: Rom, Italien

Ich bin im bayerischen St. Ottilien zur Schule gegangen und habe über persönliche Kontakte zu ehemaligen Zivildienstleistenden von der Stelle in Rom erfahren. Auf dem Aventin in dem Benediktinerkolleg S. Anselmo, wo Mönche aus aller Welt zusammenkommen um zu studieren, war ich ein Jahr lang als Fahrer von Abtprimas Notker Wolf tätig. Die beiden Flughäfen und der Vatikan gehörten zu meinen häufigsten Zielen. Ab und zu ging es aber auch zu Orten außerhalb von Rom, wie zum Beispiel nach Monte Casino oder Norcia, dem Geburtsort des Hl. Benedikt.

Papstsegen zu Ostern

Durch das Soziale Jahr haben sich natürlich auch einzigartige Gelegenheiten ergeben, die man als gewöhnlicher Tourist so nicht bekommt: Einer dieser Momente war eine private Führung durch sehr schöne Freskensäle des Vatikans, die früher dem Papst zum Empfang von Kaisern und Königen dienten. Oder die Begegnung mit dem Papst selbst: Am Aschermittwoch hat mir Benedikt XVI. in der Basilika S. Sabina den Aschesegen gespendet. Insgesamt war es schon sehr bewegend für ein Jahr in Rom zu sein. Wenn ich mir vorgestellt habe, wie alt die meisten Plätze sind, was dort alles passiert ist, dann habe ich schon Gänsehaut bekommen.

An meiner Arbeit gab es nur positive Seiten: Ich fahre gerne Auto, vor allem der römische Verkehr hat mir großen Spaß gemacht. Auch die unzähligen Fahrten mit Abtprimas Wolf waren für mich immer etwas Besonderes. In dieser halben Stunde auf dem Weg zum Flughafen konnte ich seinen interessanten Erzählungen der letzten Reise lauschen, mit ihm eventuelle Probleme besprechen oder einfach nur plaudern. Dennoch war meine erste Fahrt sehr anstrengend, weil ich ständig das Gefühl hatte, dass mir jemand in die Seite kracht. Ich glaube, dass ich nur durch ein Wunder unbeschadet ans Ziel gekommen bin. Doch dann habe ich schnell herausgefunden, dass man sicherer und stressfreier fährt, wenn man sich an das Chaos anpasst, einfach mitschwimmt - und die Verkehrsregeln nicht so ernst nimmt. So wurde dann aus dem anfänglichen Stress beim Autofahren auch schnell Entspannung. Oft habe ich die Zeit im Auto, ob alleine oder zu zweit, als willkommene Oase gesehen - und es sogar genossen, nicht besonders auf die Verkehrsregeln achten zu müssen. Einige Male war ich für ein paar Tage im Urlaub zu Hause und die Umstellung auf den geordneten deutschen Verkehr war nicht ganz einfach. Bei den ersten Fahrten durch München zum Beispiel habe ich das ein oder andere Mal zornig gestikulierende Fußgänger im Rückspiegel hinter mir her schimpfen sehen und habe dann mit einem leicht schuldbewussten "mi scusa" versucht zur Ordnung zurückzufinden.

Mit dem "motorino" über die Piazza

Ich habe nebenbei auch im Garten gearbeitet oder versucht, bei den Studenten kleinere Computerprobleme zu beheben. Mein Arbeitsplan war sehr überschaubar und so blieb mir immer viel Freizeit. In dieser konnte ich dann die Stadt, mit allem was dazu gehört, kennenlernen. So habe ich die Vielfalt Roms sehr genossen: Die vielen ruhigen Parks, in denen man die Tage wegdösen kann, die antiken Sehenswürdigkeiten und natürlich die unzähligen "Piazzas". Auf diesen römischen Plätzen blüht das Leben und Busse, Autos und Roller knattern rund um die Uhr vorbei. Oft habe auch ich mir so ein Stückchen Freiheit ausgeliehen - und mich mit einem "motorino" (Roller), kurzer Hose und Flipflops durch den Verkehr geschlängelt.

Doch nicht alles hat mir gefallen. Der schon erwähnte chaotische Stadtverkehr und das schlechte öffentliche Verkehrsnetz haben meine Nerven ganz schön strapaziert, wenn ich mit dem Bus durch die Stadt wollte. Erst an der Haltestelle und dann im rumpelnden, stickig-heißen und kaum vorwärts kommenden Bus wurde meine Geduld auf eine harte Probe gestellt. Auch aus diesem Grund hat jeder Einheimische sein eigenes Fahrzeug - und ein Bummel durch die Gassen Roms war nicht immer ein erholsames Unterfangen.

Viel gelernt

Mir hat mein freiwilliger Dienst in vielerlei Hinsichten sehr viel gebracht. Nicht nur im sprachlichen, sondern auch im kulturellen und zwischenmenschlichen Bereich habe ich Einiges gelernt. Durch den Kontakt zu Menschen aus vielen verschiedenen Nationen ist mir bewusst geworden, wie wichtig Heimat und die eigene Kultur sind. Gleichzeitig habe ich aber auch Freundschaften geschlossen, die von Mexiko über Tansania bis nach Australien reichen. Außerdem habe ich während meines Aufenthalts erfahren, dass man in jeder Situationen, egal ob einer guten oder schlechten, nie alleine ist. Auch wenn es vielleicht so aussieht - es gibt immer jemanden.

Es war für mich aber schon schwierig, ein Jahr lang meine vertraute Umgebung zu verlassen. Am meisten habe ich natürlich meine Freunde, die Familie - und ganz besonders meine Freundin vermisst. Dabei haben sie mich natürlich alle sehr ermutigt und unterstützt, als ich ihnen von meinem Vorhaben erzählt habe. Jetzt, nach meinem Auslandsjahr, sind sie immer noch begeistert und finden es gut, dass ich das gemacht habe. Teilweise werde ich sogar beneidet, dass ich so eine Gelegenheit bekommen habe. Alles in allem war es nicht immer ein einfaches Jahr, doch ich kann es nur empfehlen, für eine gewisse Zeit ins Ausland zu gehen. Dafür eignet sich meiner Meinung nach die Zeit nach dem Abitur besonders gut. Ich würde mich jedes Mal wieder dafür entscheiden, weil man sehr viel über sich und andere lernen kann. Auf jeden Fall sehe ich meine Heimat jetzt mit anderen Augen und schätze sie viel mehr.