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Unternehmensführung: Das Familienunternehmen als Leihgabe

"Ich betrachte das Unternehmen nur als geliehen. Deshalb denken wir langfristig in Generationen." Bewahren und Weitergeben: Das sind zwei Schlüsselbegriffe im Denken von Jürgen Heraeus.

"Ich betrachte das Unternehmen nur als geliehen. Deshalb denken wir langfristig in Generationen." Bewahren und Weitergeben: Das sind zwei Schlüsselbegriffe im Denken von Jürgen Heraeus. Als Aufsichtsratsvorsitzender lenkt er die Geschicke des Edelmetall- und Technologieunternehmens Heraeus, das vor gut 150 Jahren von seinem Urgroßvater gegründet wurde. Mit einem Umsatz von über sieben Milliarden Euro und weltweit 9.000 Mitarbeitern ist der Konzern mit Sitz im hessischen Hanau eines der größten Familienunternehmen Deutschlands.

Der 67-Jährige macht sich zum Fürsprecher für die "moralischen Werte des ehrbaren Kaufmanns" und empfiehlt sie als Rezept für eine langfristig erfolgreiche Unternehmensführung. Mit Blick auf immer neue Wirtschafts- und Finanzskandale macht er den Werteverfall und Ehrverlust bei zahlreichen Führungskräften für viele Krisenerscheinungen in der heutigen Wirtschaftswelt verantwortlich.

Heraeus kritisiert Werteverfall bei Top-Managern

Gerade die eigentümergeführten, mittelständischen Unternehmen haben seiner Ansicht nach die Aufgabe und die Chance zu beweisen, dass es auch anders geht. "Die Wirtschaftswelt wird sich auf längere Sicht scheiden in ehrbar geführte, gesunde Unternehmen mit Zukunft und andere, die Gesundheit und Ertragskraft nur vortäuschen, indem sie an der eigenen Substanz zehren."

Vielen Top-Managern in börsennotierten Großunternehmen sind nach Meinung des promovierten Betriebswirtes die sittlichen Tugenden des ehrbaren Kaufmanns abhanden gekommen - als einziger Wertemaßstab bleibt ihnen dann die Höhe des persönlichen Einkommens übrig. "Diese Führungskräfte bedienen sich dann in einem Ausmaß, das in keinem Verhältnis zu dem Einkommen anderer Beschäftigter, beispielsweise dem der Facharbeiter, steht", bemängelt Heraeus.

Familiengesellschaften im Vorteil

Eine gut geführte Familienfirma hat nach Einschätzung des erfahrenen Wirtschaftskapitäns gegenüber anderen Unternehmensformen eine Reihe wichtiger Vorzüge. So könne sich die Familiengesellschaft den Luxus leisten, in längeren Zeiträumen zu planen und zu handeln, ohne sich dabei wie die börsennotierten Aktiengesellschaften dem Druck der Quartalszahlen beugen zu müssen. "Man ist nicht dem Zwang ausgesetzt, sich jedem Trend zu unterwerfen", sagt Heraeus.

Das gelte beispielsweise für den Druck der Börse, Unternehmen mit breitem Produktportfolio in ihre Bestandteile aufzuspalten - eine Politik, die im Gegensatz zu derjenigen der Hessen steht, die in vielen unterschiedlichen Bereichen wie Edelmetallen, Medizintechnik, Sensoren, Quarzglas und Speziallichtquellen ihr Geld verdienen. Gerade diese Mischung aber verleihe seinem Unternehmen eine recht große Sicherheit, erklärt Heraeus. "Diversifikation ist unsere Stärke." Florierende Geschäftsfelder könnten so vorübergehende Probleme in anderen Bereichen abfedern.

Familienstreitigkeiten können eine Firma lähmen

Freilich birgt die Unternehmensform Familiengesellschaft auch Risiken, wie Heraeus freimütig einräumt. So können Familienstreitigkeiten eine Firma lähmen, oder es besteht die Gefahr, dass Herkunft und nicht Leistungsvermögen bestimmt, wer das Unternehmen lenkt. Glücklicherweise gebe es bei Heraeus keine Stämme, die aus Proporzgründen zu berücksichtigen seien. Das Unternehmen habe rund 150 Gesellschafter, was besser sei als nur drei, weil die Einzelinteressen sich so eher aufspalteten als einen starken Block zu bilden.

"Die Familie muss einen starken Repräsentanten in der Geschäftsführung oder im Aufsichtsrat haben", betont Heraeus. Es gelte, die vielfältigen Einzelinteressen zu bündeln und die Beziehungen zwischen Unternehmen und Familie zu pflegen. Einmal im Jahr treffen sich die Gesellschafter des Konzerns, um den künftigen Kurs abzustecken. Die "nächste Generation" der 18- bis 40-Jährigen kommt sogar drei bis vier Mal im Jahr zusammen. Dabei werde den künftigen Erben dann beispielsweise erläutert, welchen Einfluss Ratingagenturen auf ein Unternehmen haben, erklärt Heraeus.

Über die Nachfolgefrage im eigenen Haus will sich der Patriarch nicht konkret äußern. "Wir beobachten, wer in der Lage ist, den Aufsichtsrat zu führen", erklärt Heraeus, der Vater von fünf Töchtern ist. Er selbst zog sich vor rund vier Jahren aus der Geschäftsführung in den Aufsichtsrat zurück. Den Fehler vieler Wirtschaftskapitäne, allzu lange am Steuerrad zu stehen, wollte er vermeiden. "Familienunternehmen gehen nicht wegen hoher Steuern oder Löhne kaputt, sondern wegen Familienstreitigkeiten, schlechten Managements und des Nichtabtretens der Senioren", betont er.

Michael Bauer, AP