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Unicef Deutschland: Neuer Vorstand, neuer Anfang?

Unicef Deutschland hat katastrophale Monate hinter sich: Die Vorsitzende trat zurück, der Geschäftsführer auch, das DZI-Spendensiegel wurde aberkannt. Also hielten sich die Spender zurück - seit Jahresbeginn kamen sieben Millionen Euro weniger als gedacht in die Kasse. Nun soll es ein neuer Vorstand richten.

Von Sebastian Christ

Vor dem Spenden steht das Vertrauen. Wer Geld verschenkt, will es in guten Händen wissen. Was ist aber, wenn das Vertrauen plötzlich weg ist? Verspielt durch allzu undurchsichtige Geschäftsvorgänge, persönliche Streitigkeiten, Rücktritte? Das Deutsche Komitee für Unicef erlebt momentan die schwärzeste Phase seiner 55-jährigen Geschichte. Das Spendenaufkommen ist seit Bekanntwerden des Skandals um Vermittlungsprämien und Verschwendungsvorwürfe um 20 Prozent eingebrochen. Allein im Jahr 2008 fehlen dem Kinderhilfswerk bisher sieben Millionen Euro in der Kasse. Insider glauben, dass der Fehlbetrag bis zum Jahresende auf etwa 20 Millionen Euro anwachsen könnte.

Auf einer Krisensitzung versucht das Deutsche Komitee für Unicef nun einen Neuanfang. Die Mitgliederversammlung wählte am Donnerstag acht neue Vorstände in das zehnköpfige Gremium. Es handelt sich um den ehemaligen UN-Sonderbeauftragten Tom Koenigs, den Kuratoriumsvorsitzenden der deutschen Zwangsarbeiterstiftung Dieter Kastrup, die Grünen-Bundestagsabgeordnete Ekin Deligöz, die ehemalige schleswig-holsteinische Justizministerin Anne Lütkes, die Unternehmer Peter Krämer und Jürgen Heraeus, Ex-Dressurreiterin Ann Kathrin Linsenhoff und die Journalistin Maria von Welser.

Am Freitag dann will der Vorstand aus seiner Mitte den neuen Unicef-Vorsitzenden bestimmen. Dem Gremium gehören als sogenannte geborene Mitglieder weiterhin Carmen Creutz und Andrea Flory-Tilgner aus dem Unicef-Beirat an. Alle anderen früheren Mitglieder hatten ihre Vorstandsämter zur Verfügung gestellt. Das gesamte Treffen fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.

Schwierigste Aufgabe des neuen Vorstands wird es sein, den Ruf der kriselnden Hilfsorganisation wieder herzustellen. "Es geht darum, neues Vertrauen zu schaffen und den Kindern wieder eine Stimme zu geben", sagte Unicef -Botschafterin Sabine Christiansen unmittelbar vor Beginn des zweitägigen Treffens. Sie sei wütend und enttäuscht gewesen, als sie von den Vorgängen erfahren habe, glaube aber an die Arbeit von Unicef, so die Fernsehmoderatorin. Mit der Wahl müsse nach innen sichergestellt werden, dass die Strukturen mit Leben gefüllt werden. Das Treffen gebe zudem die Chance, mit den Mitgliedern etwa über eine begrenzte Amtszeit für die Vorsitzenden und eine Beschränkung der Befugnisse zu diskutieren, so Christiansen.

"Jede Zahl muss nachvollziehbar sein"

Die ehemalige schleswig-holsteinische Justizministerin Anne Lütkes (Grüne), forderte mehr Transparenz. Es müssten künftig Geschäftsberichte vorgelegt werden, in denen "jede Zahl nachvollziehbar" sei, sagte sie im NDR. "Die Krise hat mich sehr traurig gemacht", sagte die Olympiasiegerin von Seoul, Ann Kathrin Linsenhoff. Die Situation biete allerdings auch die Chance für einen Neuanfang. Linsenhoff will "das Inhaltliche wieder an den Mann bringen"

Unicef Deutschland war durch Verschwendungsvorwürfe und verschwiegene Provisionen in die Kritik geraten. Bei der Vermittlung einer Großspende von einer halben Million Euro sollen 30.000 Euro Provision geflossen sein - ohne das Wissen des Spenders. Ende letzten Jahres sorgte zudem ein anonymer Brief für Wirbel, in dem Teilen des Vorstands unter anderem Vorteilsnahme vorgeworfen wurde. Die Anschuldigungen erwiesen sich jedoch als haltlos.

Aberkennung des Siegels

Tiefpunkt war im Februar die Aberkennung des DZI-Spendensiegels, das für Seriosität bürgt. Zuvor war die Vorsitzende Heide Simonis unter Verweis auf unüberbrückbare Meinungsunterschiede zurückgetreten. Geschäftsführer Dietrich Garlichs musste sein sein Amt niederlegen, zahlreiche Mitglieder verließen die Organisation. Nach Auffassung des Interimsvorsitzenden Reinhard Schlagintweit muss der künftige Vorstand auch bei der Kontrolle der Geschäftsführung eine größere Aufsichtsfunktion bekommen. Es müsse auch noch genauere Haushaltpläne geben.

Heide Simonis wollte sich gegenüber stern.de nicht zur Neuwahl des Vorstands äußern.

Mit Material von dpa und AP