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Konjunktur: Deutschland und seine Infrastruktur - unterschätzt und bedroht

Wichtige Entwicklungen verpennt? Wirtschaftsforscher orten Schwarzmalerei: Deutschland steht mit seiner Infrastruktur immer noch mit an der Spitze, aber die Betonung liegt aber auf "noch".

Wenn das Stichwort "Standort Deutschland" fällt, scheint für viele das Urteil klar: Die Bundesrepublik habe wichtige Entwicklungen auf der internationalen Bühne verpasst und hinke der internationalen Konkurrenz weit hinterher. Die hohe Arbeitslosigkeit sei die Quittung für eine Standortpolitik des Stillstands. Diese Schwarzmalerei ist nach Ansicht von Wirtschaftsforscher Rudolf Hickel eine Fehleinschätzung: "Deutschland steht mit seiner Infrastruktur immer noch mit an der Spitze." Seine Betonung liegt aber auf "noch".

Infrastruktur wird oft unterschätzt

Häufig wird die Infrastruktur in der Debatte unterschätzt: Ein dichtes Netz an Verkehrswegen, eine nahezu perfekte Elektrizitäts- Versorgung und modernste Kommunikationstechnik - alle drei Bereiche sind nach Expertenmeinungen Beispiele für die hervorragende Infrastruktur am Standort Deutschland. Ganz banal: Der elektrische Strom ist in Deutschland frei von Unterbrechungen, Oberschwingungen und Spannungsschwankungen. Das können viele Billigproduktionsländer selbst in Asien nicht bieten. Diese Sicherheit ist aber unverzichtbar für die komplexen Produktionsketten der High-Tech-Branchen.

Hiesiger Standard erfüllt alle Wünsche

"Die in Deutschland bestehende Infrastruktur bietet alle Möglichkeiten, die eine hochmoderne, international konkurrenzfähige Wirtschaft verlangt. Auf dieser Ebene besteht also kein Defizit", stellt Siemens-Chef Heinrich von Pierer fest. Insbesondere gelte dies auch für die Belastbarkeit der Telekom- und Datennetze. Digitalisierung, Glasfaserlinien und Breitbandverkabelung seien in Deutschland weiter verbreitet und umgesetzt als in jedem anderen Land der Erde.

Gefährliche Kürzungen bei der Bildung

Nach Meinung Hickels ist auch das Bildungssystem eine hochwertige Ressource im internationalen Vergleich. Vor allem die Berufsausbildung im "Dualen System" werde im Ausland sehr geschätzt und kopiert. In den USA sei es von deutschen Unternehmen an mehreren Produktionsstandorten eingeführt worden. "In diesem Punkt sind 'deutsche Verhältnisse' weltweit eine Orientierungsmarke", betont Hickel. Das deutsche Bildungskapital sei derzeit jedoch bedroht, da die öffentlichen Investitionen infolge der Spar- und Steuerpolitik der Regierung zurückgefahren werden. "Diese Art von Einsparpolitik ist gefährlich für die Standortentwicklung", sagt Hickel als Direktor des Instituts "Arbeit und Wirtschaft" der Universität Bremen.

Öffentliche Investitionen versiegen langsam

Über Jahre hinweg sei die Attraktivität des Standorts maßgeblich durch die "hervorragende" öffentliche Infrastruktur geprägt worden. "Jetzt sind wir dabei, diese Infrastruktur zu demontieren", beklagt Hickel. Die Einsparpolitik setze einseitig vor allem bei öffentlichen Investitionen an. Das bedeute besonders für die Kommunen eine "katastrophale" Belastung. Selbst in den USA und Großbritannien würden gerade die öffentlichen Investitionen hochgefahren, um den Standort zu fördern. "Dort wurden Bildungs- und Verkehrssystem jahrelang vernachlässigt. Der Fehler wurde jetzt aber erkannt."

Gesundheitspolitik: Ist Bismarck schuld?

Ein anderer Punkt in der Bewertung der Infrastruktur ist das Gesundheitssystem. Das Hauptproblem des deutschen Gesundheitssystems sind die hohen Kosten, sagt Rigmar Osterkamp vom Institut für Wirtschaftsforschung (ifo) in München: Der Anteil der Kosten am Bruttoinlandsprodukt sei verhältnismäßig groß, vor allem da die Beitragssätze überproportional zu den Lohnsätzen anstiegen. Doch sei die Gesundheit der Deutschen gegenüber Menschen in anderen Ländern nicht besser. "Dies ist eine Fehlkonstruktion, die von Bismarck vor 120 Jahren eingeführt wurde und völlig veraltet ist", beklagt der Spezialist im internationalen Institutionenvergleich.

Kein Gesundheitssystem ist effizient

Dennoch stehe das deutsche System gut da, weil "ich im internationalen Vergleich kein Gesundheitssystem kenne, welches effizient ist", erläutert Jochen Pimpertz vom Institut der deutschen Wirtschaft(IW) in Köln. Kein Land Europas passe sich hier an den Markt an. In den USA dagegen gebe es nur wenig staatliche Vorgaben, was den Wettbewerb erleichtere. Andererseits explodierten dort die Gesundheitsausgaben wegen des außergewöhnlichen Schadenersatzrechts.

Substanz stimmt

Alles in allem sehen die Wirtschaftsexperten das deutsche Fundament erheblich stabiler als etwa das der USA: "Wir sind nicht in unserer Substanz erschüttert. Die USA hat viel mehr Sorge vor einer Deflation, auch auf Grund des Börsencrash", sagt Hickel.

Von anderen lernen

Deregulierung der Märkte, Aufbau und Pflege einer hochmodernen Infrastruktur, Unterstützung für Existenzgründer und Anpassung des Bildungssystems sind wichtige Punkte auf der Standortagenda. "Bei allen vier Themen ist Deutschland nicht abgeschlagen", ist sich Heinrich von Pierer sicher. Schwarzweiss-Malerei sei unangemessen und wenig hilfreich. Dennoch dürften sich die Verantwortlichen hier zu Lande nicht zu schade sein, die Erfolge in anderen Ländern genauer unter die Lupe zu nehmen, stellt er fest. "Das eine oder andere kann auch für den Standort Deutschland interessant und hilfreich sein und in jedem Fall ist es nötig, über die eigenen Grenzen zu blicken und sich die Stärken und die Dynamik anderer vor Augen zu führen."

DPA