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Jörg Ehmer "Die Augenprobleme nehmen zu": Chef von Apollo-Optik über die Folgen des Corona-Homeoffice

Apollo Jörg Ehmer
Jörg Ehmer ist seit 2014 Chef von Apollo-Optik. Mit rund 900 Filialen ist Apollo neben Fielmann die stärkste Augenoptikkette in Deutschland. Das Unternehmen gehört zum börsennotierten niederländischen Augenoptik-Konzern Grandvision.
© Apollo
Jörg Ehmer, CEO der Optikerkette Apollo, spricht im Interview über Augenschäden durch Homeoffice, verändertes Corona-Kundenverhalten und die Konkurrenz durch Brillenhändler im Internet.

Herr Ehmer, durch vermehrtes Homeoffice, Netflix-Schauen und digitale Kommunikation starren wir mehr auf Bildschirme als je zuvor. Was macht Corona mit unseren Augen? 

Die Augenprobleme nehmen zu. Wir haben eine Umfrage gemacht, die ergeben hat, dass jeder dritte Deutsche wegen Corona mehr Zeit vor dem Bildschirm verbringt. Gerade im Homeoffice sind die Bedingungen aber oft nicht optimal: kleinere Bildschirme, schlechtere Beleuchtung und so weiter. Viele Befragte klagen daher über trockene und erschöpfte Augen. Und jeder Dritte, der mehr Zeit vor Bildschirmen verbringt, sagt sogar, dass sich seine Sehkraft in der Corona-Zeit gefühlt verschlechtert hat.

Das sind für die Optiker doch hervorragende Neuigkeiten. Wenn die Bildschirmstarrer bald alle eine Brille brauchen, klingelt die Kasse.

Naja, 75 Prozent der Betroffenen haben sich nicht um ihre Augenprobleme gekümmert, sind weder zum Augenarzt noch zum Optiker gegangen, um einen Sehtest zu machen. Das ist natürlich nicht gut. Die Menschen schädigen ihre Augen und nehmen sich Lebensqualität.

Und es ist natürlich auch nicht gut für Ihr Geschäft. Wie sind Sie als Unternehmen bislang durch die Corona-Krise gekommen?

Als der Lockdown kam, wurden die Optiker zu den systemrelevanten Unternehmen gezählt. Wir haben uns sehr früh entschieden, dass wir zu dieser Systemrelevanz stehen und den Großteil unserer rund 900 Filialen in Deutschland weitgehend offen gehalten. Natürlich unter Einhaltung strikter Schutzmaßnahmen.

Trotzdem kamen wahrscheinlich weniger Kunden. Wie groß sind Ihre wirtschaftlichen Einbußen?

Konkrete Umsatzzahlen nennen wir nicht. Aber klar, in den ersten zwei Monaten sind weniger Leute in die Läden gekommen, da hatten wir natürlich Einbußen. Auf der anderen Seite sind wir ein kerngesundes Unternehmen, das das wegsteckt.

Kommen die Kunden mittlerweile wieder wie gewohnt in die Optiker-Läden?

Wir sind in vielen Bereichen wieder auf oder sogar über Normalniveau. Aber spannend ist, dass sich die Verteilung der Kundenfrequenz auf die Wochentage und die einzelnen Filialen sehr deutlich verschoben hat.

Inwiefern?

Der Samstag war immer ein sehr starker Tag, ist aber jetzt von der Kundenzahl zu einem mittleren Wochentag geworden. Der zweite Effekt ist, dass einige Filialen nicht mehr die gewohnte Frequenz erreichen: Am meisten leiden die Filialen in großen Einkaufscentern, die vor der Krise absolute Publikumsmagneten waren, und die in absoluten Premium-Innenstadtlagen.

Weil Shopping in großen Menschenansammlungen nach wie vor schwierig ist?

Genau, die Menschen fahren nicht mehr so gerne zum Bummeln in die großen Städte und die großen Center. Wir erleben, dass unsere Standorte in kleineren Städten deutlich stärker aus der Krise herausgekommen sind als andere Standorte. Das spiegelt aus meiner Sicht den generellen Trend, dass die Kunden wieder näher dort einkaufen, wo sie wohnen, sofern es stationär erfolgt.

Der noch größere Trend ist, dass immer mehr im Internet bestellt wird. Auch Brillen kann man längst komplett online kaufen. Wie gehen Sie als große stationäre Kette mit dem Thema Digitalisierung um?

Wir verfolgen schon seit einigen Jahren einen Omnikanal-Ansatz. Das heißt, dass der Kunde auch bei uns Brillen und Kontaktlinsen stationär oder online kaufen kann. Er kann auch eine online gekaufte Brille in der Filiale anpassen lassen oder dort unsere Service-Garantie in Anspruch nehmen.

Im Internet haben Sie allerdings harte Konkurrenz durch Billiganbieter wie Mister Spex oder Brille24.

Wir beobachten, dass rein digitale Geschäftsmodelle bei Brillen schwierig sind und auch die Online-Wettbewerber sich vermehrt in den stationären Handel begeben. Weil sie verstanden haben, dass nur das Omnikanal-Modell auf Dauer Zukunft haben wird.

Wie viele Brillen verkaufen Sie schon online?

Der Anteil für optische Brillen, also nicht die einfache Sonnenbrille, liegt über den gesamten Markt im einstelligen Prozentbereich. Bei Mehrstärken- oder Gleitsichtbrillen spielt online nahezu keine Rolle. Das hängt sicherlich auch mit dem Produkt zusammen. Es gibt aktuell keinen gut funktionierenden Online-Sehtest und die Brille muss immer noch im Laden an den Kopf angepasst werden.

Einige Wettbewerber bieten nichtsdestotrotz schon Online-Sehtest, 3D-Anprobe und vorangepasste Brillen an. Sogar ihr großer Konkurrent Fielmann hat die Digitalisierung für sich entdeckt. Der neue Chef Marc Fielmann steckt Millionen in digitale Technologien und entwickelt gerade eine App, die Sehtest, Anprobe und Anpassung können soll. Sind Sie da nicht hinten dran?

Wir bieten das online an, was aus Kundensicht sinnvoll und gewünscht ist. Eine virtuelle Brillenanprobe hatten wir vor zweieinhalb Jahren testweise im Einsatz, haben sie aber wieder abgeklemmt, weil sie unseren Qualitätsansprüchen nicht entsprochen hat und weil die Kunden es auch kaum genutzt haben. Wenn die Technologien so weit sind, dass sie einen Mehrwert für den Kunden bieten, werden wir sie auch anbieten. Ich denke aber, dass der Brillenkauf in den meisten Fällen noch für längere Zeit einen physischen Kontakt mit einem Optiker erfordern wird.


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