Adidas Globaler Spieler

Weltweit arbeiten 436.000 Menschen für seine Firma. Adidas-Chef Herbert Hainer über Hungerlöhne, Rekordgewinne und Jürgen Klinsmann.

Herr Hainer, von Ihrem Büro aus sehen Sie, wer gerade zur Kantine hinübergeht. Was tun Sie, wenn Sie einen Mitarbeiter entdecken, der Nike-Schuhe trägt?

Der hätte ein ernsthaftes Problem. Ich will bei uns keinen sehen, der Wettbewerberprodukte trägt. Der bekommt das Gehalt von Adidas, da soll er auch unsere Produkte tragen. Ansonsten sind wir toleranter.

Ihre beiden Töchter sind 21 und 18 Jahre alt. Dürfen die denn Puma oder Nike anziehen?

Nein.

War das nie ein Thema?

Doch. Vor Jahren, als sie noch klein waren, gab es LA Gear, solche trendigen Sportschuhe mit Glitzer und bunten Schnürbändern. Die Kinder wollten unbedingt diese Schuhe, dabei waren das so ... so Pseudosportschuhe.

Und, haben Sie nachgegeben?

Natürlich nicht!

Ist Adidas eine Art Religion?

Es ist bei mir eine grundsätzliche Einstellung. Als ich vor langer Zeit bei Procter & Gamble arbeitete, hatten wir Spüli im Sortiment. Das war nicht das beste, Pril war besser. Aber für zu Hause kaufte ich Spüli, weil das von Procter & Gamble ist. Ganz einfach. Das ist Ehrensache.

Hätte man Ihnen vor 18 Jahren, als Sie vom Waschmittelkonzern zu Adidas kamen, gesagt, dass Sie einen Schuh für 500 Mark verkaufen würden...

...hätte ich gesagt, das wird schwierig.

Jetzt tun Sie es: Der Adidas One kostet 250 Euro, hat einen eingebauten Chip, der die Dämpfung je nach Untergrund steuern soll. Zum Schuh gibt es eine Bedienungsanleitung mit CD-Rom. Wer kauft so was?

Zum einen Läufer, die an den neuesten Entwicklungen interessiert sind. Und dann gibt es Schuhsammler, die sagen: Den muss ich einfach haben. Der Adidas One war in Deutschland nach drei Tagen ausverkauft. Wir rechnen, dass wir in diesem Jahr um die 50.000 in den Markt geben. Wir sind am Anfang mit der Produktion kaum nachgekommen.

Tatsächlich? Sie hatten doch von vornherein das Angebot knapp gehalten, um einen Schuh-Kult zu kreieren.

Da ist sicher was dran.

Ist die Idee mit dem Chip im Schuh verrückt - oder die Zukunft der Sportartikel?

In zehn Jahren werden fast alle Läufer intelligente Produkte tragen. Wenn heute einer gut läuft, dann nimmt er einen Pulsmesser. Das werden wir in Zukunft viel einfacher lösen. Es ist nicht gerade angenehm, sich so ein Plastikband um die Brust zu spannen. Kilometer zählen, Herzfrequenz messen, das wird alles am Körper gehen. Wir arbeiten daran, die Messtechnik in das Textil einzuarbeiten.

Ihre Produkte werden immer teurer. Vor zehn Jahren hat man einen Adidas-Laufschuh für 120 Mark bekommen, heute kostet er 120 Euro. Zockt Adidas ab?

Wir verkaufen im Jahr weltweit etwa 110 Millionen Paar. Wenn Sie heute einen Schweinebraten kaufen, dann schmeckt der nicht anders als der vor zehn Jahren. Ein Laufschuh hingegen hat sich enorm entwickelt. Das ist ein Unterschied wie Tag und Nacht.

Wie viel verdienen Sie an einem Paar?

Nach Abzug aller Kosten etwa zehn Prozent vom Verkaufspreis.

Und wie viel am Adidas One?

Wenn wir die Entwicklungs- und Herstellungskosten mitrechnen, etwas weniger.

2004 haben Sie einen Rekordgewinn von 314 Millionen Euro ausgewiesen. Auf diese Zahlen kommen Sie nur deshalb, weil Sie die Schuhe für Hungerlöhne in der Dritten Welt fertigen lassen. In Ihren Fabriken rund um die Welt verdienen Arbeiterinnen gerade mal 100 Euro im Monat. Ist das gerecht?

Wir bezahlen äußerst fair, in der Regel über den festgelegten Mindestlöhnen. Und wir legen das vierte Jahr einen Umwelt- und Sozialbericht auf, in dem wir deutlich sagen, was wir tun, um die Bedingungen für die Mitarbeiter in den Fabriken zu verbessern, sei es Gesundheitsschutz, Hygiene oder Sicherheit.

Darin versprechen Sie Ihren Kunden, dass Sie nur mit Unternehmen zusammenarbeiten, die ihre Mitarbeiter fair behandeln. Können Sie das einhalten?

Wir tun alles, um das sicherzustellen. Ich will aber nicht meine Hand ins Feuer legen, dass die Richtlinien zum Beispiel im hintersten Winkel von Pakistan nicht doch mal verletzt werden. Wir haben allerdings klare Verträge mit den Fabrikanten. Wenn wir entdecken, dass die Vereinbarungen nicht eingehalten werden, kündigen wir den Vertrag. Das ist schon vorgekommen.

Sehr konsequent sind Sie aber nicht. Die Firma Hugger in Honduras hat nach stern-Informationen klar gegen den Adidas-Verhaltenskodex verstoßen. Frauen mussten sich vor der Einstellung darauf untersuchen lassen, ob sie schwanger sind, die Arbeit von Gewerkschaftern wurde behindert. Warum arbeiten Sie immer noch mit Hugger zusammen?

Wenn solche Vorwürfe hochkommen, dann gehen wir denen sofort nach. Wenn Verfehlungen vorgekommen sein sollten, werden wir diese abstellen.

836 Fabriken mit insgesamt 436.000 Menschen arbeiten für Adidas weltweit. Wie viele Kontrolleure mit den drei Streifen sind unterwegs?

Wir haben über 30 Mitarbeiter, die Standards entwerfen, diese kontrollieren, die Mitarbeiter vor Ort trainieren und mit lokalen Organisationen zusammenarbeiten. Wir sind sicher einer der Vorreiter in der Industrie. Selbst wenn die Vorwürfe aus Honduras zutreffen sollten, sind sie bei dieser Vielzahl von Fabriken ein kleiner Prozentsatz.

Sie wissen, dass dem nicht so ist.

Wir werden ja von der ganzen Welt beobachtet, auch von Menschenrechtsorganisationen. Wir sind bisher sehr gut weggekommen. Wir haben im Bereich Soziales und Umwelt enorm viel getan. Ist es genug? Man kann immer mehr machen. Aber wir verbessern uns ständig.

In China und Lateinamerika wird unter Bedingungen gearbeitet, die hierzulande unzumutbar wären: zwölf Stunden pro Tag an sechs bis sieben Tagen pro Woche.

Ich glaube, dass das eine zu starke Vereinfachung ist. Gehen Sie mal in Deutschland aufs Land und schauen sich zum Beispiel einen metallverarbeitenden Betrieb an. Da sieht es auch anders aus als bei VW in der gläsernen Fabrik in Dresden, wo sie alle mit Lackschuhen rumlaufen. Genau solche Unterschiede sehen Sie da drüben auch. Sie werden nicht von mir hören, dass wir jede Fabrik in Zukunft dreimal im Jahr besichtigen. Ich muss einmal eines klar sagen: Globalisierung hat für Deutschland einen großen Vorteil. Wir sind Exportweltmeister. Wenn es die Globalisierung nicht gäbe, könnten wir unsere Produkte nicht zu vernünftigen Preisen produzieren. Und wir schaffen so Arbeitsplätze in armen Ländern. Das ist ein gerechteres System, als wenn es nur zehn bis 15 reiche Industrienationen gäbe.

Menschenrechtsorganisationen sehen das sehr viel kritischer. Demnach haben sich die Fabriken in China darauf eingestellt, dass sie von Ihnen kontrolliert werden - prompt werden die Bücher und Arbeitsverträge gefälscht. Es wird Ihnen vorgegaukelt, dass die Standards eingehalten werden. Arbeitnehmerinnen werden bestochen oder mit Kündigung bedroht, wenn sie den Adidas-Kontrolleuren die Wahrheit sagen.

Gegen kriminelle Energie würden auch 500 zusätzliche Kontrolleure nichts ausrichten können.

Laut Adidas-Kodex ist es in Ordnung, wenn die Arbeiterinnen 15 Jahre alt sind. Die arbeiten dann zwölf bis 14 Stunden am Tag. Muss das sein?

Ein junger Deutscher, der von der Hauptschule abgeht, fängt auch mit 15 Jahren an. Meine Tochter lernt Köchin in München, die ist 18 Jahre und arbeitet am Tag auch manchmal bis zu zwölf Stunden.

Was halten Sie von dem Vorschlag, alle Adidas-Produkte mit einem Zuschlag von 50 Cent zu versehen und den dann an die Arbeiterinnen weiterzugeben?

Wenn Sie als Konsument bereit sind, das zu bezahlen! Wir schreiben dann drauf: 99 Euro plus 50 Cent. Da geben wir die 50 Cent gerne weiter. Ich fürchte nur, keiner will etwas dazubezahlen.

Es gibt auf der Schwäbischen Alb den Textil-Fabrikanten Wolfgang Grupp, der sagt: Ich produziere meine Ware in Deutschland, und beschimpft Manager, die ihre Produktion ins Ausland verlagern. Was müsste passieren, damit Adidas in Deutschland wieder in großem Stil produzieren würde?

Wir bauen in Deutschland Arbeitsplätze auf. Wir haben in den letzten zehn Jahren unsere Mitarbeiterzahl verdoppelt, von 1200 auf 2500. Wir werden in diesem Jahr 150, 200 neue Leute einstellen. Wir sind ein Vorzeigeunternehmen in Deutschland. Deswegen mache ich mir die Schimpfkanonade, die Herr Grupp von sich gibt, nicht zu Eigen.

Das Gros der Arbeitsplätze, die Adidas schafft, entsteht im Ausland. In den Kategorien von SPD-Chef Franz Müntefering gehören Sie zu den "asozialen" Managern, die nur an Profit denken.

Ich denke, dass die Vorwürfe von Herrn Müntefering nicht zielführend sind. Die Regierung sollte sich lieber mit allen Beteiligten hinsetzen und Strategien erarbeiten, um Deutschland wieder zu mehr Wachstum zu verhelfen.

Ihre Eltern besaßen eine kleine Metzgerei. Auf dem Saumarkt sollen Sie immer besonders clever gewesen sein: Da haben Sie die Tiere gekauft, bevor sie gefüttert wurden, so wogen sie weniger.

Das habe ich von meinem Vater gelernt. Der hat mir gezeigt, wie man von den Bauern hinters Licht geführt wird und was man dagegen tut.

Haben Sie als Kind gern mit Geld gespielt?

Geld zählen und aufpassen, dass wir mehr einnehmen als ausgeben, das hat mir schon damals gefallen. Ich bin absolut gewinnorientiert. Einige bei Adidas werden sagen, dass ich oft zu knauserig bin. Zum Beispiel habe ich hier im Hause die Kekse abgeschafft. Wenn jemand Kekse haben will, kann er sie sich gerne selbst mitbringen. Das Unternehmen hat andere Aufgaben.

Bei der Fußball-WM 2006 ist Adidas Hauptsponsor, rüstet viele Spieler, die Schiedsrichter und Millionen Fans mit den drei Streifen aus. Da kommen Sie aus dem Geldzählen gar nicht mehr raus?

Ich bin überzeugt, wir werden die WM ausgezeichnet nutzen. Alles, was ich an Ideen sehe - wir arbeiten seit neun Monaten an der WM -, haut mich vom Hocker. Das wird toll für Deutschland, toll für uns. Im nächsten Jahr werden wir allein im Fußball eine Milliarde Euro umsetzen. Ich bin überzeugt, dass es ein gigantisches Turnier wird, das auch die Grenzen sprengt, die man von Weltmeisterschaften kennt. Es wird Deutschland wieder in einem besseren Licht darstellen. Ich hoffe auch, dass es bei uns eine Aufbruchstimmung erzeugt, dass die Menschen sehen: Deutschland kann eine Menge.

Sie haben viele Weltstars, die nach Deutschland kommen werden, unter Vertrag. Welcher Name wird bei Ihnen auf dem Trikot stehen, wenn Sie 2006 im Stadion sitzen?

Ballack wäre sicher einer. Es gibt mehrere.

Wofür steht Ballack als Werbefigur?

Er ist einer der talentiertesten Fußballer in Deutschland. Man hat ihm früher vorgeworfen, er sei kein Führungsspieler. Das hat sich klar gewandelt. Man sieht das auf dem Platz. Er ist aggressiv, diskutiert mit dem Schiri, mit seinen Leuten.

Sehen Sie das nicht mit Sorge?

Überhaupt nicht. Menschen mit Ecken und Kanten sind interessanter als Leute, die glatt geschliffen sind. Und Ballack sieht auch noch gut aus. Er ist klasse zu vermarkten - wie natürlich auch David Beckham.

Adidas hat sich für 77 Millionen Euro zehn Prozent vom FC Bayern München gekauft. Sie selbst sitzen im Aufsichtsrat des Klubs. Was bringt das?

Der FC Bayern ist die klare Nummer eins in Deutschland, wir sind die klare Nummer eins in der Welt des Fußballs. Wir haben eine sehr lange Historie mit Bayern. Alle Produkte, die wir neu entwickeln, gehen sofort nach München. Wir holen uns auch Input von denen, bekommen also einen besseren Einblick in die Geschäftsfelder, TV-Werbung, Sponsoring.

Die klare Nummer eins in den USA ist Nike - wie kommt es, dass Adidas dort nur einen Marktanteil von 10 Prozent hat, Nike aber 40 Prozent?

Die sind dort zu Hause, die verstehen ihren Markt so gut wie wir den deutschen. Aber wir holen auf. 1992 haben wir in den USA 250 Millionen Dollar Umsatz gemacht. Heute fast 1,5 Milliarden.

Ist das so schwer: herauszufinden, was die jungen Leute dort cool finden?

Es geht vor allem darum, eine Verbindung zu diesen Black Urban Kids zu bekommen. Das ist ja eine enge Community, die sind sehr vernetzt. Die entscheiden teilweise nach Nuancen der Hautfarbe, ob sie einen NBA-Basketballer mögen. Wenn der zu hell ist, ist er kein echter "Straßenköter", der in der Bronx aufgewachsen ist.

Wie viel bekommt der Sänger Robbie Williams, damit er auf der Bühne Adidas trägt?

Nichts. Wir sind happy, dass er das macht. Robbie Williams bekommt natürlich Produkte geschenkt, wenn er welche haben will. Vor zwei Jahren hatte er in Berlin ein Konzert. Da ist der abends nach Geschäftsschluss in unseren Originals-Laden gegangen und hat fünf volle Taschen rausgetragen. Natürlich haben wir ihm keine Rechnung geschickt.

Schließen Sie bitte die Augen, und stellen Sie sich das Szenario am 9. Juli 2006 vor, der Abend des WM-Endspiels. Was sehen Sie?

Das Berliner Olympiastadion, gefüllt mit Fußballfans, ich mittendrin. Dann hoffe ich, die deutsche Nationalmannschaft zu sehen. Argentinien wäre ein guter Gegner. Ein tolles Team.

Wen sehen Sie am Spielfeldrand?

Jürgen Klinsmann, lächelnd, zufrieden. Ich habe eine Menge Respekt vor ihm. Das war nicht einfach, sich dieser Aufgabe zu stellen, zu kommen und zu sagen: Mein Anspruch ist, Weltmeister zu werden. Da sind wir Deutsche wieder fast umgefallen. Das können wir uns gar nicht erlauben, wir werden ja arrogant, denken wir sofort, wir haben doch den Zweiten Weltkrieg verloren. Wenn Klinsmann es nicht schafft, hat er jedenfalls die Genugtuung, alles versucht zu haben.

Interview: Rüdiger Barth/Norbert Höfler print

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