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AEG-Streik: Alte Rituale - Neue Runde

Ohrenbetäubende Pfiffe aus Hunderten Trillerpfeifen, frenetischer Jubel und markige Worte ins Mikrofon: Es sind immer die gleichen Rituale, die sich seit 14 Tagen vor dem Nürnberger AEG-Werk abspielen. Ein Ende ist aber nicht in Sicht.

Selbst die klirrende Kälte konnte bislang keinen der prominenten Unterstützer der AEG-Mannschaft abschrecken. Unter den Streiktouristen sind viele Politiker. Auch Linkspartei-Chef Oskar Lafontaine oder Vizekanzler Franz Müntefering (SPD) nutzten das Streikzelt als Bühne für einen öffentlichkeitswirksamen Auftritt.

Politiker nutzen den Streik als Bühne

Zwei Wochen nach Beginn des Arbeitskampfes verbrüderte sich am Freitag der Vorsitzende der IG Metall Deutschland, Jürgen Peters, mit den Streikenden. In Lederjacke, den grünen Schal elegant um den Hals gebunden, rief Peters Electrolux-Konzernchef Hans Stråberg dazu auf, umzudenken und den Schließungsbeschluss zurückzunehmen. "Noch haben Sie die Chance, die Namen Electrolux und AEG nicht dauerhaft zu beschädigen", betonte der Gewerkschaftsführer.

"Ich bin gespannt, wie lange Electrolux noch braucht, um zu kapieren, dass wir der Verlagerung der Arbeitsplätze nicht tatenlos zusehen", rief Peters ins Publikum. Streikleiter Jürgen Wechsler setzte noch eins drauf: Er kündigte den Besuch einer Delegation von Nestlé-Arbeitern aus Marseille an, die ihre Fabrik mit einem 21 Monate währenden Streik gerettet hatten. "Mal sehen, ob wir das auch hinbekommen", schwor Wechsler die Zuhörer auf einen möglicherweise noch lang andauernden Arbeitskampf ein. "Electrolux muss eines begreifen: Es geht nicht mehr nur darum, was sie wollen, sondern vor allem darum, was wir wollen."

IG Metall will keinen "billigen Sozialplan"

Die Parteien hatten am Donnerstag erstmals seit dem Scheitern der ersten Runde am 12. Januar gemeinsam an einem Tisch gesessen. Wechsler warf Electrolux vor, nicht an einem schnellen Ergebnis interessiert zu sein. Die IG Metall werde sich nicht mit einem billigen Sozialplan abspeisen lassen. Bayerns IG-Metall-Chef Werner Neugebauer bezeichnete das Abfindungsangebot von 0,7 Monatsgehältern und der Bildung einer auf zwölf Monate befristeten Beschäftigungsgesellschaft als "nicht akzeptabel".

Die "messerscharfe Debatte" habe gezeigt, dass die Positionen noch meilenweit voneinander entfernt liegen, kritisierte Neugebauer. AEG- Verhandlungsführer Lange sah dennoch keinen Grund, das "substanzielle und faire Angebot" nachzubessern. Am Freitag warf der Konzern der Gewerkschaft stattdessen vor, eine vernünftige Lösung zu blockieren.

Gemeinsame Lösung oder jede Sparte für sich?

Der erneute Streit entzündete sich an der Frage, ob für das Werk und die ausgelagerten Service-Sparten Logistik, Ersatzteile, Kundendienst und Vertrieb eine gemeinsame Lösung gesucht oder aber jeder Bereich einzeln verhandelt werden muss. Um den Weg für eine schnelle Fortsetzung der Verhandlungen freizumachen, lenkte Electrolux am Freitagnachmittag ein. Jetzt soll bereits am Samstag weiterverhandelt werden. Wenige Stunden zuvor hatte es Europachef Horst Winkler noch grundsätzlich abgelehnt, sich auf "Ultimaten" der Gewerkschaft einzulassen.

Ungeachtet dessen könnte sich der Arbeitskampf ausweiten: Nächste Woche werden sich voraussichtlich die rund 200 Mitarbeiter der Ersatzteilzentrale in Rothenburg ob der Tauber für eine Beteiligung am Streik aussprechen. Andere Bereiche könnten folgen.

Thomas Meiler/DPA / DPA