HOME

Streik-Ende bei AEG: Werksschließung steht kurz bevor

Nach sechseinhalb Wochen Streik laufen bei AEG in Nürnberg die Bänder wieder. In einer Urabstimmung akzeptieren die Beschäftigten den Sozialvertrag, der ihnen höhere Abfindungen verspricht. Die Arbeitsplätze sind trotzdem weg.

Noch einmal lodern die Fackeln in der Nacht, zum letzten Mal erklingt der Song "Fight for the AEG", und Streikleiter Jürgen Wechsler wird pathetisch: "Es ist vollbracht", ruft er den hunderten Menschen zu, die sich im Schneegestöber vor dem Haupttor versammelt haben. Nach 46 Tagen ist der Streik beim Nürnberger AEG-Stammwerk am Dienstag beendet worden. In einer Urabstimmung hatten sich zuvor 81 Prozent der IG-Metall-Mitglieder für die Annahme des mit dem Electrolux-Konzern ausgehandelten Sozialtarifvertrags ausgesprochen.

Wechsler zeigt sich "sehr zufrieden" mit diesem Ergebnis. Noch einmal versucht er die AEG-ler mitzureißen: "Ihr habt europaweit ein Zeichen gesetzt mit diesem Arbeitskampf!" ruft er aus. Doch die Stimmung ist gedrückt, nur vereinzelt wird müde Beifall geklatscht. Die Beschäftigten versuchen sich mit dem Erreichten zu trösten - 150 Millionen Euro für Abfindungen, Qualifizierungsmaßnahmen und Vorruhestandsregelungen: Aber vielen wird allmählich bewusst, dass der Kampf um den Erhalt des Werks mit seinen 1700 Beschäftigten letztlich verloren wurde.

Kommt das Ende schneller als geplant?

Ende 2007 will Electrolux die Fabrik zusperren. Das Ende könnte nun aber viel schneller kommen. Schon während des Tauziehens um den Sozialtarifvertrag in den vergangenen Wochen hatte der Konzern mit einer früheren Werkschließung gedroht. In den nächsten Wochen muss sich zeigen, ob in Nürnberg überhaupt noch einmal eine rentable Produktion erreicht werden kann.

Am kommenden Dienstag wollen Betriebsrat und Geschäftsführung damit beginnen, über den Weg zur Schließung zu verhandeln: Dann wird festgelegt, wer wann entlassen wird. Mehr als 500 müssen wohl schon zur Jahresmitte gehen, wenn die Trocknerfertigung ausläuft. Das wird die ohnehin geringe Motivation kaum anheben. Rund 450 der 1700 Beschäftigten sind nach IG Metall-Angaben derzeit im Krankenstand. Viele schauen sich nach einem neuen Arbeitsplatz um, manche haben schon einen gefunden. Von den zahlreichen ausländischen Arbeitnehmern wird mancher die Abfindung nehmen und in die Heimat zurückkehren. "In den nächsten Tagen und Wochen werden viele Beschäftigte das Unternehmen verlassen wollen", prophezeit Wechsler.

"Niemand wird sich noch ein Bein ausreißen"

Betriebsratschef Harald Dix erzählt, dass Electrolux eine Prämienvereinbarung schließen wollte, um Produktivität und Qualität zu sichern. "Aber das machen wir nicht mit." Für die meisten Arbeitnehmer sei es jetzt das wichtigste, "so schnell wie möglich hier rauszukommen". Niemand werde sich noch ein Bein ausreißen, glaubt Dix. "Die Menschen werden arbeiten, aber sie werden nicht mit dem Herzen dabei sein."

Das Ende des Streiks besiegeln Dix und sein Vertreter Roland Weiß: Gemeinsam treten sie eine kleine Mauer ein, die symbolisch vor dem AEG-Haupttor errichtet worden war - den "Kapitalisten-Schutzwall", wie jemand darauf gesprüht hat. Dann drängen sich die Beschäftigten durch die enge Pforte, brav schieben sie ihre Kärtchen in die Lesegeräte. Um 6.30 Uhr ist der denkwürdige Arbeitskampf zu Ende.

Stephan Maurer/DPA / DPA