HOME

Opel-Chef Stracke geht: Kopflos in der Krise

Karl-Friedrich Stracke legte einen mutigen Sanierungsplan vor, Opel in bessere Zeiten zu führen. Mit dem Rücktritt des Firmenchefs ist das Konzept Geschichte. Stattdessen drohen Werksschließungen.

Ein Kommentar von Gernot Kramper

Vor etwa zwei Wochen stellte Auto-Mann Stracke seinen Sanierungsplan für Opel vor. Der war mutig und setzte konsequent auf Angriff. Von Werksschließungen war keine Rede mehr, dafür versprach der Vorstandsvorsitzende neue Modelle, neue Märkte und eine neue Strategie. Eine Titanen-Aufgabe lag vor ihm: Damit seine Rechnung hätte aufgehen können, hätte Opel im geschwächten europäischen Markt deutlich wachsen müssen. Der Aufsichtsrat segnete den Plan ab. Und auch GM-Vizechef Stephen Girsky verkündete: "GM steht hinter Opel".

Allzu lange hat die Unterstützung nicht gedauert. Karl-Friedrich Stracke trat jetzt von allen Ämtern zurück und steht GM in Zukunft für "Sonderaufgaben" zur Verfügung. Detroits Statthalter in Europa, Stephen Girsky, übernimmt kommissarisch die Geschäfte. Stracke, der vor wenigen Monaten erst zum Präsidenten von General Motors Europe ernannt wurde, war seit April 2011 Vorstandschef der Adam Opel AG. Offenbar reichte seine Überzeugungskraft jetzt nur für Europa, aber nicht für die Bosse in Detroit, die das couragierte Unternehmen letztlich hätten finanzieren müssen. Offiziell heißt es allerdings, dass der Plan nach wie vor Bestand habe.

Kein Vertrauen in Europa

Nun haben die Amerikaner dem langjährigen Opelaner Stracke die Führung aus der Hand genommen. Offenbar glaubt man in den USA nicht, dass die Verluste des Europageschäftes durch eine aggressive Wachstumsstrategie zurückgefahren werden können. Stracke stand aber voller Zuversicht immer dafür ein, dass Opel die Wende schaffen könne. Mit guter Qualität, mit neuen Modellen und neuen Motoren, die technisch wieder ganz weit vorn mitgespielt hätten.

Doch diese Offensive hätte zunächst einmal Investitionen erfordert. Geld, das in den nächsten Jahren kaum wieder hereingekommen wäre. Zu weit ist Opel von einer Wende entfernt, zu viel Marktanteil wurden in den letzten Jahren verloren. Und das auch in den Jahren, in denen die Autos von Opel durchaus ein Empfehlung wert waren. Zudem handelt es sich um Anteile in einem seit Jahren schrumpfenden Markt. Das Misstrauen aus Detroit betrifft nicht nur die Fähigkeiten der europäischen Tochter, sondern vielleicht noch mehr das Krisenmanagement der europäischen Regierungen.

Die nackten Zahlen werden regieren

Noch weiß niemand, wer nach Stracke kommt, auch wenn Strategiechef Thomas Sedran als möglicher Nachfolger genannt wird. Aber es wird vermutlich kein Opelaner und kein Automann sein, sondern ein Zahlenmensch. Der Fertigungs- und Entwicklungsspezialist Stracke verantwortet bei Opel unter anderem die Modellanläufe von Astra und Zafira. Zwischen 2009 und 2011 leitete er die globale Fahrzeugentwicklung von GM. Strackes Nachfolger wird die Befehle aus Detroit ausführen. Oder freundlicher ausgedrückt: Die Zeiten für ein eigenes kleines Opel-Königreich in Krisen-Europa sind bei GM vorbei. Der Verlustbringer wird auf Spur gebracht.

Für die Beschäftigten von Opel bedeutet der Abschied von Stracke nichts Gutes, auch wenn sein Verhältnis zum mächtigen Betriebsrat nicht das beste gewesen sein soll. Karl-Friedrich Stracke wollte um jeden einzelnen Arbeitsplatz kämpfen. Diese Schlacht hat GM nun abgesagt, bevor sie überhaupt begonnen hat. Wenn Opel aber nicht wie im Stracke-Plan auf Wachstum setzt, bleibt nur der Weg über Werksschließungen und Entlassungen, um die vorhandenen Überkapazitäten auszulasten. Und auch die Autos von Opel werden sich in Zukunft wohl nicht mehr an den Modellen von VW orientieren. Konzernschwester und Billigheimer Chevrolet wird die neue Messlatte sein. Ein eigenes technisches Profil wird dann keine Rolle mehr spielen, dafür wird der Preis umso wichtiger. Doch Billigautos lassen sich in den Ländern Alteuropas nicht produzieren.