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Alstom vs. Siemens: Heißer Wettbewerb um Züge

Mit einem völlig neuen Zug will der Technikkonzern Alstom seine Position im Hochgeschwindigkeitsverkehr ausbauen: Das französische Unternehmen präsentiert den Nachfolger des Superschnellzugs TGV – und will damit Siemens den nächsten ICE-Auftrag streitig machen.

Von Lutz Meier, Angela Maier und Ulf Brychcy

"Der neue Zug fährt schneller, ohne zusätzliche Umweltbelastung und ohne mehr Wartungsbedarf", sagte François Lacôte, Direktor von Alstom Transport. Mit seinem neuen, AGV genannten Zug will Alstom auf den Exportmärkten gegen die Hochgeschwindigkeitszüge der Konkurrenten Siemens und Bombardier bestehen. Überall auf der Welt, wie etwa in China, Russland oder im Nahen Osten, werden derzeit neue Schienenschnellverbindungen geplant. Der drohende Verkehrskollaps auf den Straßen und die Klimaschädlichkeit des Flugverkehrs lassen Zugstrecken mit einem Tempo von über 350 Kilometern pro Stunde auch in Ländern ohne große Bahntradition zur Alternative werden.

Die Branche hofft auf einen Boom. Die drei wichtigsten Hersteller von Hochgeschwindigkeitszügen, die sich bislang vor allem um ihre Heimatmärkte gekümmert haben, nehmen das Exportgeschäft noch stärker ins Visier. So hat Alstom vor einigen Tagen den Zuschlag der neuen privaten italienischen Eisenbahngesellschaft NTL erhalten, die ab 2010 Hochgeschwindigkeitszüge zwischen Rom und Neapel fahren lassen will.

Wie bei diesem Projekt begegnen sich Alstom, Siemens und Bombardier fast überall, wo neue Züge eingekauft werden. Die Deutsche Bahn (DB) will im Jahr 2014 bis zu 15 neue ICE-Züge für den grenzüberschreitenden Hochgeschwindigkeitsverkehr nach Westeuropa in Betrieb nehmen. Das Auftragsvolumen dürfte gut 400 Millionen Euro umfassen. An der Ausschreibung wollen neben dem DB-Hauslieferanten Siemens auch Alstom und Bombardier teilnehmen. Vor allem die Franzosen sehen eine Möglichkeit, in Deutschland das Liefermonopol von Siemens zu durchlöchern.

Hilfe aus dem Elysée-Palast

Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy betätigt sich weltweit als Verkaufshelfer für den TGV. Bei Besuchen in Marokko unterschrieb er einen Vorvertrag für die geplante Schnellstrecke zwischen Tanger und Casablanca, in Saudi-Arabien ein Abkommen über die Strecke von Mekka nach Medina. In Indien, wo drei Schnellstrecken geplant sind, warb Sarkozy Mitte Januar für den TGV. Ob am Ende Alstom die Zuschläge tatsächlich erhalten wird, ist offen. Sarkozy betrachtet die Hochgeschwindigkeitszüge als einen Bereich, in dem er "aktive Industriepolitik" betreiben will.

Sarkozy hat eine besondere Verbindung zu Alstom. Als der Konzern 2003 von der Pleite bedroht war, half der damalige Wirtschafts- und Finanzminister mit einer staatlichen Geldspritze. Damals galt auch Siemens als ein möglicher Interessent. Die Deutschen wurden aber von Sarkozy brüsk zurückgewiesen. Die Sanierung verdankt der Mischkonzern stärker dem Atomkraftwerksbau als der Verkehrstechnik. 2007 musste Alstom hier eine herbe Niederlage einstecken. Bombardier gewann einen Großauftrag für Regionalzüge in der Region Paris.

Anschluss an die Konkurrenz

Mit dem TGV-Nachfolgezug AGV will Alstom technisch wieder Anschluss an die Konkurrenz finden. Der TGV gilt zwar als preiswerter in Anschaffung und Unterhalt sowie weniger wartungsintensiv als etwa der deutsche ICE, den Siemens baut. Siemens hingegen führt ins Feld, dass der eigene Zug technisch ambitionierter sei. "Die neue Technik von Alstom verwenden wir schon seit zehn Jahren", sagte ein Siemens-Sprecher.

Während ältere Züge von Lokomotiven an der Spitze und am Ende des Zugs bewegt werden, ist beim ICE3 oder dem AGV die Antriebs- und Steuerungstechnik platzsparend an den Rädern jedes Wagens angebracht. Siemens hat bislang über 100 dieser Züge ins Ausland verkauft, etwa nach Spanien und Russland. Allerdings gilt die Verkehrstechniksparte des Konzerns wegen ihrer geringen Renditen immer wieder als Verkaufskandidat. Bislang ist Alstom mit einem Anteil von rund 21 Prozent Weltmarktführer für Hochgeschwindigkeitszüge, Siemens folgt mit 17 Prozent. Bombardier kommt mit neun Prozent erst nach Hitachi, dem Lieferanten des japanischen Shinkansen.

FTD