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Apothekenmarkt: Tradition war gestern

Nach dem Arztbesuch in die Apotheke? Dieser Gang könnte bald der Vergangenheit angehören. Schon jetzt sind Internet- und Versandapotheken eine ernste Konkurrenz. Nun greifen die Handelsketten an.

Der Karlsruher Drogeriemarktfilialist dm hat den Rechtsstreit um die geplante Abgabe von Medikamenten in Drogeriemärkten verloren. Der Verkauf von Arzneimitteln, befanden die Düsseldorfer Richter, müsse Apotheken vorbehalten bleiben. Die zeitgrößte deutsche Drogeriekette will das Urteil anfechten: "Beide Parteien müssen daran interessiert sein, das Urteil durch alle Instanzen zu tragen, damit für eine künftige Vorgehensweise eine sichere Basis geschaffen wird", sagt Petra Schäfer, Mitglied der Geschäftsführung. Dagegen frohlockt die Bundesvereinigung der Apothekerverbände (ABDA): Arzneimittel seien schließlich sensible Produkte. Einen Vertrieb per Fototasche dürfe es nicht geben. Hintergrund für den seit mehr als einem Jahr verbissen ausgetragenen Streit: Es geht um nicht weniger als um die Öffnung des deutschen Apothekenmarktes.

Pillen aus der Drogerie

Auch andere Handelsunternehmen verfolgen den Streit mit Spannung. Eine steigende Zahl von Anbietern schielt auf den immer noch lukrativen Arzneimittelmarkt und wirbt mit Kostenvorteilen für Krankenkassen und Beitragszahler. "Es ist an der Zeit, unseren Kunden die Möglichkeit zu eröffnen, billiger an Arzneimittel zu kommen", sagt dm-Managerin Schäfer. Über kurz oder lang, glaubt sie, werde sich diese Einstellung in Deutschland durchsetzen.

Ähnlich sieht es Ralf Däinghaus, Chef und Gründer von Europas größter Versandapotheke Doc Morris. Gut 80 Prozent des für 2006 erwarteten Jahresumsatzes von 180 Mio. Euro erwirtschaftet das Unternehmen mit Sitz im holländischen Heerlen mit deutschen Kunden. Die Erlöse wachsen schnell. Etwa 150 Millionen Euro setzte der Arzneiversender noch im vergangenen Jahr um. In Deutschland niederlassen kann er sich allerdings nicht, weil er die rechtlichen Voraussetzungen nicht erfüllt. Alles könnte deutlich schneller gehen, schimpft Däinghaus, wenn erst die Strukturen auf dem deutschen Apothekenmarkt aufgebrochen würden: "Wir werden einen grundlegenden Wandel erleben", betont er und vergleicht die Situation mit dem Lebensmittelhandel: Auch dort sei der nette aber teure Tante Emma Laden inzwischen praktisch vom Markt verschwunden.

Versandhandel mit Medikamenten boomt

Erlaubt ist der Versandhandel von Medikamenten in Deutschland seit mehr als einem Jahr. Immerhin 1034 Apotheken haben inzwischen dafür eine Zulassung. Wer will, kann frei verkäufliche Medikamente im Internet ordern oder dem Versandhändler ein Rezept schicken und sich seine Bestellung nach Hause bringen lassen. Das geht in aller Regel recht schnell, zumeist innerhalb von zwei bis fünf Tagen, bescheinigte die Stiftung Warentest im vergangenen Jahr. Weil Online-Händler mit Rabatten auf frei verkäufliche Arzneien und dem Erlass der seit 2004 fälligen Zuzahlung von fünf Euro pro Kassen-Rezept winken, ist der Einkauf bei Versandapotheken oft auch deutlich billiger. Rezeptfreie Medikamente würden von Versendern um bis zu 30 Prozent günstiger angeboten, so Stiftung Warentest. Vor allem Patienten mit einem chronischen Leiden wie Diabetiker profitieren davon. Dafür lässt, wieder laut Stiftung Warentest, die Beratung in vielen Versandapotheken noch sehr zu Wünschen übrig. Jede zweite von 20 getesteten Versandapotheken, darunter auch Branchenprimus Doc Morris, fiel im Urteil der Verbraucherschützer durch.

Noch erreicht der Marktanteil aller Versandapotheken in Deutschland zusammen kaum ein Prozent. Außerdem schützt der deutsche Gesetzgeber den traditionellen Verkauf von Arzneimitteln. So darf beispielsweise nur ein ausgebildeter Apotheker eine Apotheke besitzen und auch nicht mehr als vier Standorte. Würden diese Regelungen fallen, argumentieren die Niedergelassenen, würde der Apothekenmarkt in kürzester Zeit von finanzkräftigen, brachenfremden Anbietern überrannt: Einzelhandelskonzernen oder Pharmaindustrie und -großhandel. In deren Verkaufsstellen würden Präparate dann vermutlich nicht mehr frei von Eigeninteressen vertrieben, warnen Apothekerverbände.

Mehr "Pillen-Abholstationen"

Heißt im Klartext: ein Pharmahersteller würde vermutlich zunächst versuchen, die eigenen Produkte an den Mann zu bringen. Um ihre Befürchtungen zu untermauern verweist die Bundesvereinigung deutscher Apothekerverbände (ABDA) auf das Beispiel Norwegen. Dort fielen vor vier Jahren die Marktbeschränkungen für Apotheken. Binnen kürzester Zeit hatten Großfilialisten, zumeist aus dem Ausland, einen Marktanteil von 90 Prozent erreicht. Im gleichen Zeitraum stieg der Abgabepreis für Medikamente um 27 Prozent. Außerdem hätte zwar die Zahl der Filialen absolut zugenommen, aber nur in Großstädten, wo die Versorgung ohnehin schon mehr als ausreichend war.

Die Karlsruher Drogeriekette dm lassen solche Vergleiche kalt. Die dm-Filialen sollten ohnehin nur als Abholstellen dienen. Bestellt werden sollten die Arzneien bei der Europa-Apotheke im holländischen Venlo. Der Einzelhändler spekuliert auf zusätzliche Frequenz, wenn Kunden den Einkauf von Pflegebädern und Wattestäbchen mit der Medikamentenbesorgung verbinden können. Das Prinzip, argumentieren die dm-Rechtsanwälte, funktioniere nicht anders als bei einer Poststelle, in der auch Schreibwaren verkauft werden. In den USA ist die Abgabe von Medikamenten in Drogerien schon lange üblich.

Nur in Städten lukrativ

Deutschland verfügt noch immer über ein dicht geknüpftes Netz von mehr als 21.400 stationären Apotheken. Vor allem in Großstädten scheint es viel bequemer, einen kurzen Gang zur nächstgelegenen Apotheke anzutreten, als einen Bestellvorgang über Internet oder Telefon zu starten und auf das Eintreffen der Bestellung zu warten. Allerdings spüren die deutschen Apotheker wachsenden wirtschaftlichen Druck. Der Sparzwang im Gesundheitswesen geht auch an ihnen nicht vorbei. Allein zwischen 2002 und 2005 sei der Wertschöpfungsanteil der Apotheken im Vergleich zur Pharmaindustrie und den Großhändlern von 18,4 auf 16,8 Prozent gesunken, betont die ABDA. Der Großhandel verlor allerdings noch stärker, von 8,5 auf 4,1 Prozent. Mindestens ein Drittel der bestehenden Apotheken würden sich über kurz oder lang nicht mehr rechnen, prognostizieren Branchenfachleute. Vor allem auf dem Land bekommt das dicht gesponnene Netz bereits Lücken.

Dafür stehen neue Anbieter in den Startlöchern. Unter dem Markennamen AVIE gibt es seit kurzem das erste Apotheken-Franchise-Konzept. Über einen gemeinsamen Einkauf, gemeinsame Werbung, Hilfe bei der Standortsuche, der Sortimentsgestaltung oder der EDV bleibe der Apotheker - obwohl rechtlich selbständig -wettbewerbsfähig, wirbt Avie. Nach eigenen Angaben zählt das Avie- Netz bis heute 34 Standorte.

Erfolg mit Nischen-Lösungen

Clever scheint die Idee eines jungen Unternehmens aus dem Saarland: Assist- Pharma bietet individuell bestückte Portionspackungen für den Verkauf an Alten- und Pflegeheime oder Apotheken an. Die tägliche Medikamentendosis wird individuell vorsortiert und abgepackt. Das soll Kranken helfen, die mit der vorgeschrieben Einnahme ihrer Medikamente über einen langen Zeitraum hinweg überfordert sind: Teure Wirkstoffe verpuffen, weil die regelmäßige Einnahme vergessen oder Tabletten falsch kombiniert werden. Vor allem alte Menschen verlieren leicht den Überblick über den täglichen Präparate-Cocktail. Im Augenblick läuft ein Pilotversuch im Saarland: 500 Altenheimbewohner, sieben Apotheken und 25 Ärzte nehmen daran teil. Wissenschaftlich begleitet wird der ungewöhnliche Feldversuch vom Gesundheitsexperten Karl Lauterbach. Langfristig träumt Assist- Pharma-Gründer Edwin Kohl von einer gezielten Zusammenarbeit mit Großabnehmern und Versandhändlern.