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Auszeit von Steve Jobs: Apples Mastermind ist weg

Steve Jobs geht - vielleicht für immer. Technologisch wird Apple den Verlust des Gründers verkraften. Doch wirklich ersetzen kann Jobs nur einer: er selbst.

Von L. Wagner, M. Lambrecht und H. Laube

Team,

At my request, the board of directors has granted me a medical leave of absence so I can focus on my health. I will continue as CEO and be involved in major strategic decisions for the company.

I have asked Tim Cook to be responsible for all of Apple's day to day operations. I have great confidence that Tim and the rest of the executive management team will do a terrific job executing the exciting plans we have in place for 2011.

I love Apple so much and hope to be back as soon as I can. In the meantime, my family and I would deeply appreciate respect for our privacy.

Steve.

14 dürre, traurige Zeilen. "Ich liebe Apple so sehr", schreibt Steve. "Und hoffe so schnell wie ich kann zurückzukommen", schreibt er weiter. Und das ist das Traurige. Ja, vielleicht, HOFFENTLICH, kann er schnell zurückkommen. Aber auch Jobs weiß: Diese E-Mail, diese 14 Zeilen, diese zweite Auszeit, die sich der Vorstandschef nehmen muss, sie werden alles verändern. Sie pflanzt einen neuen Zweifel an Jobs Stärke und an seiner Zukunft bei Apple in die Welt, der sich kaum mehr ausreißen lässt. Alle rechnen jetzt nur noch mit einem: Dass der Tag naht, an dem er sich ganz aus dem Geschäft zurückzieht. Dass der Zauberer geht.

Es war eine böse Überraschung für die Apple-Mitarbeiter. Sicher, seit ein paar Tagen gab es Gerüchte. Vor einer Woche schwänzte Jobs einen wichtigen Termin, ließ seinen Vertrauten und COO Tim Cook verkünden, dass der Konzern mit dem Mobilfunkanbieter Verizon zusammenarbeiten wird. Eine wichtige Entscheidung, aber so wirklich erschreckte sein Fehlen niemanden. Das Gerede über seine Krankheit war leise geworden in den vergangenen Monaten. Der Bauchspeichelkrebs, den er überlebt hat, seine Lebertransplantation, sie waren kaum mehr ein Thema. Es sah so aus, als wäre er tatsächlich zurück, dünner zwar, aber voller Energie für das Unternehmen und die neuen Produkte, das iPhone 4 und das iPad. "Es schien ihm deutlich besser zu gehen", sagt Branchenanalyst Tim Bajarin von Creativ Strategies.

Ein herber Schlag

Nun dieser Schlag. Er hat übergroße Wucht. Zu viel in der Wirtschaft ist Fantasie. Allzu sehr schöpft sie aus Gerüchten und Projektionen, im Guten wie im Schlechten. "Leute mit Bauchspeicheldrüsenkrebs überleben im Durchschnitt fünf Jahre" , sagt Roger Kay. Er ist kein Arzt. Er ist Analyst beim Marktforscher Endpoint Technologies. Und weiter sagt er: "Und diese fünf Jahre sind für Steve Jobs abgelaufen. Es ist keine gute Situation."

Ja, so nimmt die Welt diesen Fall wahr. Sie hat keine Ahnung, was wirklich los ist, aber sie weiß, was los war, und sie zieht daraus ihre zynischen Schlüsse: Um neun Prozent stürzte Apples Aktienkurs am Montag ab.
Natürlich hatte man das bei Apple erwartet, die Nachricht bewusst auf einen Feiertag gelegt. Das dämpfte zwar nicht den Schock, wohl aber die Kursreaktion.

Wie kaum ein zweiter vermag Jobs die Märkte zu bewegen. Sein Rolli, seine seltenen Auftritte - er weiß sich perfekt zu inszenieren. Allein wie er Anfang 2007 die Erfindung des iPhone zelebrierte: "Von Zeit zu Zeit gibt es Revolutionen, die alles verändern" rief er den Zuhörern entgegen. Er zeigte das Bild eines MacIntosh; allein für das Bild wurde er gefeiert. Und er zeigte den ersten iPod; und die Menschen johlten bevor er nur ein weiteres Wort sagt, und es johlten keine blinden Applefans, sondern vor allem Analysten, Journalisten und Fachleute.

Dünnes Stimmchen mit großer Kraft

"Apple", verkündete Jobs damals, "hat das Telefon neu erfunden". Er rief es mit dünnem Stimmchen, und doch hatte es große Kraft, kein Vergleich sind seine Auftritte zu denen des Mannes, der ihn nun, während der Auszeit, als Kopf und Anführer ersetzen soll: Tim Cook, der COO. "Ich bin optimistisch, was die Zukunft bereithält", schloss der vor einer Woche die Verkündung des Verizon-Geschäfts. Sein Vortrag war so voller Klarheit, dass man schier durch ihn hindurch sah. Und zurück blieb ein recht kühles Gefühl.

Braucht Apple Steve Jobs?

Ausgerechnet dieser Mann soll also Jobs ersetzen? Er gilt als Kronprinz, vor Phil Schiller, dem Marketingstrategen und vor Jonathan Ive, Apples Design-Guru. Sie alle reichen nicht an Jobs heran. "Es gibt weder intern noch extern einen Zauberer wie Steve Jobs", sagt Analyst Kay. "Steve konnte schon vor 25 Jahren in die Zukunft blicken. Und er inspiriert seine Leute, hält sie zusammen und gibt ihnen die Marschrichtung vor. Ohne Jobs wird das auf Dauer alles anders. Apple gewöhnlicher."

Auf Dauer. Noch müssen sich die Mitarbeiter nicht um Apple sorgen. Es ist mit einem Börsenwert von 321 Milliarden Dollar nach Exxon das zweitwertvollste Unternehmen der Welt. Eine Macht, die so schnell nicht verschwinden wird. Es ist mehr als iPod, iPhone oder iPad. Jobs hat aus dem Computer-Hersteller einen Dienstleister gemacht, eine Wirtschaftsmacht, die nicht nur die Wettbewerber das Fürchten lehrt. Erst hat er die Musikindustrie gegen die Wand geklatscht, nun schickt er sich an, dies auch im Filmgeschäft, im Fernsehen und im Verlagswesen zu tun.

Die Welt wird auf Jahre hinaus Apple sein - der Rest sind Details: Die nächsten Produkte, das iPhone 5 und das neue iPad, sind längst geplant oder entwickelt. Apple ist dazu ein Muster an Effizienz. Höchstens sieben Tage liegen die Produkte im Lager - bei den Wettbewerbern im Schnitt 30 Tage. Übrigens dank Tim Cook, den Jobs von Compaq holte, als er 1997 zu seiner Firma zurückkehrte, die vor dem Bankrott stand, nur mehr Nischenanbieter war, teuer, umständlich, im Markt vergessen. Jobs hatte Ideen, Cook räumte auf.
Träte Jobs zurück, Cook würde Apple ohne Problem am Laufen halten. Das bewies er schon während Jobs erster Auszeit. Da lieferte er die gewohnt guten Ergebnisse ab.

Aber wie lange?

Irgendwann wird sich eine Lücke auftun, die nicht zu schließen ist. Jobs ist mehr als ein Bühnentalent. Er schaut für Apple in die Zukunft, ist seine Design-Instanz. "Er ist der Typ, der sich die Produkte anschaut und sagt: 'Das ist nicht gut genug. Geht zurück und macht es besser'", sagt Benedict Evans, Analyst beim Marktforscher Enders. "Wenn er diese Rolle nicht mehr spielen kann, wird das bei den Produkten in zwei bis drei Jahren spürbar sein."

Jobs kann nie ganz gehen

Und genau damit, dass er diese Rolle nicht mehr spielen kann, rechnen auch bekannte Szene-Blogger wie Henry Blodget: "Seine Mail liest sich eher wie die tragischen, von Herzen kommenden Gefühle von jemandem, der glaubt, dass er nie mehr zurückkommt."

Aber genauso gut kann man auch glauben, dass Steve Jobs nie ganz gehen kann. Er hat Apple gegründet, er hat es gerettet, zweimal hat er es zur Legende gemacht. Das wird bleiben in den Köpfen der Menschen, der Analysten und Kunden. Apple wird auf lange Zeit hinaus ein Mythos umgeben, der sich davon abgekoppelt hat, ob Jobs noch da ist oder eben nicht. Nur wenigen Marken ist dies in der Geschichte gelungen.

Chanel ist so eine. Wer diesen Namen hört, der denkt nicht nur an Mode: Er denkt an eine Frau, Coco; ihr Parfum; und das Kleine Schwarze. Bei Apple denken die Leute nicht an Computer sondern an einen Mann; seine Macs. Und einen schwarzen Rollkragenpullover.

FTD