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Steve Jobs: Krankheit zwingt Apple-Chef zur Auszeit

Steve Jobs' Gesundheit ist stärker angegriffen als bisher angenommen. Der 53-jährige Apple-Chef fällt mindestens bis Ende Juni aus. Was bedeutet das für die Firma, die er mitgegründet hat?

Von Karsten Lemm, San Francisco

Die Nachricht kam in Form eines offenen Briefs, genau wie eine ähnliche Anfang voriger Woche: Steve Jobs wird sich für sechs Monate aus seiner Rolle als Vorstandschef und Apple-Lenker ausklinken, um sich zu schonen und eine "hormonelle Störung" zu kurieren, die ihn seit längerem plagt. In letzter Zeit war der 53-Jährige auffallend abgemagert, was Apple-Fans und Aktienmärkte gleichermaßen in Aufregung versetzte. Viele sorgten sich, Jobs könnte wieder an Krebs erkrankt sein - im Sommer 2004 musste dem Kalifornier ein Tumor an der Bauchspeicheldrüse entfernt werden.

Gerüchte einer erneuten Krebserkrankung versuchte der Apple-Chef mit einem Statement am 5. Januar zu entkräften, einen Tag vor Beginn der "Macworld"-Messe, bei der er sonst traditionell die Auftaktrede hielt. Diesmal musste Marketingchef Phil Schiller einspringen, weil Jobs, wie er in einem Brief an die "liebe Apple-Gemeinde" einräumte, tatsächlich wieder ernste Gesundheitsprobleme hat. Allerdings handele es sich um eine Hormonstörung, nicht um Krebs, versicherte Jobs, und die Behandlung sei "relativ simpel und geradeheraus". Sie laufe auch bereits, beteuerte Jobs, und er könne weiter wie gewohnt seinen Aufgaben als Apple-Vorstandschef nachgehen.

"Komplexer als gedacht"

Nun die überraschende Kehrtwende: Er habe erfahren, dass seine Gesundheitsprobleme "komplexer sind, als ich ursprünglich gedacht hatte", schrieb Jobs am Mittwoch in einer E-Mail an seine Mitarbeiter, die von der Firma öffentlich gemacht wurde. Er habe deshalb beschlossen, so Jobs weiter, bis Ende Juni eine medizinisch bedingte Auszeit zu nehmen, "um mich aus dem Rampenlicht zurückzuziehen und auf meine Gesundheit zu konzentrieren". Der Schritt diene auch dazu, seine Firma wieder zur Ruhe kommen zu lassen, denn "die Neugierde über mein persönliches Wohlergehen" habe sich als ständige Ablenkung erwiesen, "nicht nur für mich und meine Familie, sondern für alle anderen bei Apple ebenso".

In Jobs' Abwesenheit soll Tim Cook das Ruder übernehmen, der Chef für das operative Geschäft. Cook, der 1998 von Compaq zu Apple wechselte, gilt als erfahrener Manager, und die Wall Street nahm die Nachricht vom ungeplanten Führungswechsel vergleichsweise gefasst entgegen - Apples Aktie fiel am Mittwoch, nachdem Jobs' Zwangspause bekannt wurde, um knapp 7 Prozent. Andere Technikunternehmen mit schlechten Nachrichten bestraften Anleger in jüngster Zeit härter. Darin mag sich auch widerspiegeln, dass die Entwicklung von Produkten wie iPod und iPhone weit länger dauert als sechs Monate. So sollte die Abwesenheit des Apple-Chefs, der allgemein als Leitfigur seiner Firma gesehen wird, "kurzfristig nicht viel ausmachen", sagt Tim Bajarin, Präsident der Unternehmensberatung Creative Strategies und langjähriger Apple-Kenner.

Bajarin interpretiert es als gutes Zeichen, dass Jobs in seinem Brief an die Mitarbeiter weiterhin nicht von Krebs spricht, und spekuliert, die Kehrtwende könnte auf eine Fehleinschätzung der Kräfte zurückzuführen sein: "Ich vermute", so Bajarin zu stern.de, "die Ärzte haben zu Steve gesagt: 'Sie müssen sich zu 100 Prozent aufs Gesundwerden konzentrieren.' Und Steve, wie er so ist, hat anfangs gedacht: 'Ich kann beides'" - Apple leiten und wieder genesen. Nun habe Jobs seinen Irrtum erkannt und eingelenkt, glaubt der Analyst und zeigt sich optimistisch, dass Jobs wie geplant in sechs Monaten an seinen Schreibtisch zurückkehren kann: "Wenn er dem Rat seiner Ärzte folgt, wird er im Juni wieder da sein", sagt Bajarin.

Eng verknüpft mit Jobs

Apples Schicksal ist in den Augen vieler Beobachter ungewöhnlich eng mit dem Mann an der Spitze verknüpft, weil der Computerhersteller am Ende schien, ehe Jobs im Dezember 1996 zu der Firma zurückkehrte, die er 1976 mit seinem Schulfreund Steve Wozniak gegründet hatte. Es gilt weitgehend als Jobs' Verdienst, dass Apple heute nicht nur weiterhin existiert, sondern mit Produkten wie dem iMac, dem iPod und dem iPhone erfolgreicher geworden ist denn je. Für das jüngste Geschäftsjahr meldete das Unternehmen die besten Zahlen seiner Geschichte: Bei über 32 Milliarden Dollar Umsatz (derzeit etwa 24 Milliarden Euro) blieben 4,8 Milliarden Dollar Gewinn. Das ist nicht zuletzt ein Verdienst des iPods, von dem seit seiner Einführung vor knapp acht Jahren mehr als 175 Millionen Stück verkauft wurden.

Ein handverlesenes Team von Managern umgibt den Firmenlenker Steve Jobs, darunter neben Tim Cook und Phil Schiller auch der Designer Jonathan Ive und iPhone-Softwarechef Scott Forstall, der immer öfter mit auf die Bühne gebeten wird, wenn es Neues zu zeigen gibt. Nun aber stellt sich die Frage, ob das reicht - ob Jobs genug getan hat, um das Loch zu füllen, das sich im Herzen seines Unternehmens auftut, wenn er mal nicht da ist. "Tim Cook ist ein sehr fähiger Mann, aber im wesentlichen ist er jemand, der sich darum kümmert, dass alle Züge pünktlich fahren", sagt Roger Kay, Präsident der Unternehmensberatung Endpoint Technologies Associates. Es gebe dagegen niemanden in der Apple-Zentrale, der Jobs ersetzen könne - schon deshalb nicht, "weil jemand wie Jobs keine gleichwertigen Leute neben sich zulässt", so Kay.

Ein bockiges Genie

Noch härter geht "Newsweek" mit dem Apple-Chef ins Gericht, der als kompromissloser Manager mit ausgeprägtem Selbstbewusstsein bekannt ist: "In der Welt von Steve dreht sich alles nur um Steve", schreibt das Nachrichtenmagazin in seiner aktuellen Ausgabe. "Wenn er irgendwann geht, wird man sich an ihn als gewaltiges Genie erinnern - aber auch als bockigen Menschen, ganz auf sich selbst bezogen, mit bombastisch übertriebenem Sinn für die eigene Bedeutung und mit traurig beschränktem Blick auf die Welt, die ihn umgibt." Autor des Textes ist der Journalist Daniel Lyons, der Apple ebenfalls gut kennt - er schrieb über Jahre hinweg anonym ein Blog, das "geheime Tagebuch von Steve Jobs". Es erschien vielen so treffend im Detail, dass Spekulationen aufkamen, hinter dem falschen Steve Jobs verberge sich in Wahrheit womöglich sogar der echte.

Doch nicht alle sehen Apples Zukunft so düster. Analyst Tim Bajarin glaubt, dass die Führungsriege um Jobs "weiß, wie Steve denkt, weiß, in welche Richtung er will". Deshalb ist sich der Creative-Strategies-Berater sicher, dass das Unternehmen auch ohne den Mann an der Spitze, auf den sich die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit konzentriert, nicht gleich an Fahrt verliert. "Apple", glaubt Bajarin, "könnte über eine lange Zeit hinweg ein innovatives Unternehmen bleiben."

Steve Jobs' Brief an die Apple-Mitarbeiter
Team,
ich bin sicher, Ihr habt alle vergangene Woche meinen Brief gelesen, in dem ich etwas sehr Persönliches mit der Apple-Community geteilt habe. Leider hat die Neugier bezüglich meines Gesundheitszustandes nicht nur meine Familie und mich abgelenkt, sondern auch jeden bei Apple. Außerdem musste ich in der vergangenen Woche feststellen, dass meine Krankheit komplexer ist, als ich ursprünglich dachte.
Um aus dem Rampenlicht zu treten, mich auf meine Gesundheit zu konzentrieren und jedem bei Apple die Möglichkeit zu geben, außergewöhnliche Produkte zu entwickeln, habe ich mich entschieden, eine medizinische Auszeit bis Ende Juni zu nehmen.
Ich habe Tim Cook gebeten, das Tagesgeschäft zu übernehmen, und ich weiß, dass er und der Rest der Geschäftsführung einen tollen Job machen werden. Als CEO plane ich, an den großen strategischen Entscheidungen beteiligt zu sein, auch während ich weg bin. Der Aufsichtsrat unterstützt diesen Plan.
Ich freue mich darauf, Euch im Sommer wiederzusehen.