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Baron Guy de Rothschild: Bankier und Kriegsheld

Ins Exil getrieben und mit Orden überhäuft, enteignet und mit offenen Armen zurückgeholt: Die wechselvolle Beziehung des adligen Bankiers und Industriellen zu seiner Heimat spiegelt auch die Geschichte des 20. Jahrhunderts wieder.

Ins Exil getrieben und mit Orden überhäuft, enteignet und mit offenen Armen zurückgeholt: Die wechselvolle Beziehung des Bankiers und Industriellen Baron Guy de Rothschild zu seiner französischen Heimat spiegelt die Geschichte des 20. Jahrhunderts. Am 21. Mai wird "der linke Baron" 95 Jahre alt.

Österreichischer Adelstitel

Guy Edouard Alphonse Paul de Rothschild entstammt dem Pariser jüdischen Großbürgertum. Stammvater der Bankiersdynastie war sein Frankfurter Ururgroßvater Meyer Amschel Rothschild, dessen Söhne mit ihren Privatbanken in Wien, Paris, London, Neapel und Frankfurt in den napoleonischen Kriegen zu den größten Financiers der Herrscher Europas aufgestiegen waren. Den Adelstitel erhielt die Familie 1822 vom österreichischen Kaiser.

Guy de Rothschild wuchs auf dem Familiensitz Schloss Ferrières bei Paris auf, das er 1973 der Pariser Universität schenkte. Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges kämpfte er noch als Hauptmann der Reserve für Frankreich, als das Vichy-Regime bereits den Familienbesitz enteignet und seinen Vater und Bruder ausgebürgert hatte. Im Oktober 1941 folgte er seiner Verwandtschaft ins Exil nach Amerika, kehrte aber 1943 nach Europa zurück und schloss sich in England General Charles de Gaulles «Forces Françaises Libres» an. De Gaulle verstaatlichte 1944 den Rothschild-Besitz in den Bereichen Strom und Versicherungen.

Zweite Enteignung Ende der 70er

1949 wurde Guy de Rothschild Chef der Familienbank. Das Geldhaus kontrollierte bald Industrien in aller Welt, darunter den Bergbaukonzern Rio Tinto Zinc, Ölgesellschaften, Hotels und eine Reederei. 1957 heiratete Rothschild in zweiter Ehe Marie-Hélène de Zuylen de Nyevelt van de Haar, die katholische Tochter eines niederländischen Diplomaten. Guy de Rothschild ließ den Familiensitz restaurieren und zelebrierte dort rauschende Bälle, die zu den führenden Ereignissen der Pariser Gesellschaft zählten. Viel Zeit widmete der Bankier auch seinen Rennpferden, die ihm auf den Rennbahnen in Europa bereits zahlreiche Siege beschert haben.

1978 gab er die Führung der Bank an seinen Sohn David ab. Drei Jahre später trat er für die Sozialisten unter François Mitterrand ein, was seine Familie nach dem Wahlsieg der Linken nicht vor der neuen Verstaatlichungspolitik schützte. Die Rothschilds bekamen 504 Millionen Franc Entschädigung für die Enteignung der Banque Rothschild mit einer Bilanzsumme von 13 Milliarden Franc und der Industrie- und Handelsunternehmen mit 26 Milliarden Franc Umsatz.

"Geld ist nicht alles"

Rothschild kümmerte sich fortan in New York um die Investmentbank Rothschild Inc, kehrte aber in den achtziger Jahren nach Frankreich zurück, wo seine Familie erneut die Erlaubnis zur Eröffnung einer Bank bekam. Der Träger des Kriegskreuzes des Zweiten Weltkrieges und Ritter der Ehrenlegion hat mehrere Bücher geschrieben, darunter das 1984 auf Deutsch erschienene Werk "Geld ist nicht alles".

Hans-Hermann Nikolei, dpa / DPA