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Bauernpräsident Sonnleitner: "Exportsubventionen sind schädlich"

Deutsche Hühnerschenkel sind in Afrika so billig, dass es für die einheimischen Bauern nicht lohnt, selbst Geflügel zu züchten - solche Marktverzerrungen sind ein Grund für die weltweite Nahrungsmittelkrise. Also sagt selbst Bauernpräsident Sonnleitner: Weg mit den EU-Exportsubventionen.

Von Lutz Kinkel

Den Bauern geht es schlecht, den Bauern geht es schlecht, den Bauern geht es schlecht - so heißt es seit Journalistengedenken, gleichgültig ob die Sonne scheint oder Hagel niederprasselt, ob sich die Welt links- oder rechtsrum dreht. Der Mann, das Gesicht dieser Klage ist Gerd Sonnleitner, 59, seit mehr als zehn Jahren Präsident des Bauernverbandes. Sonnleiter führt selbst einen 100-Hektar-Hof im Landkreis Passau, kein Vieh, nur Ackerbewirtschaftung, hauptsächlich Mais.

Umso überraschender, dass Sonnleitner inzwischen dafür plädiert, zumindest einen Teil der milliardenschweren Hilfen für die Bauern abzuschaffen - die EU-Exportsubventionen. "Sie sind schädlich, dass wissen wir", sagt Sonnleitner im stern.de-Interview. Die EU-Subventionen gelten als ein Grund für die weltweite Nahrungsmittelkrise: Unter anderem werden Hühnchenschenkel "made in Europe" in Afrika so billig verkauft, dass die Geflügelzucht für einheimische Bauern nicht lohnt. So wird die dritte Welt in Abhängigkeit von der ersten Welt gehalten, Preissteigerungen ist sie wehrlos ausgesetzt.

Weiter steigende Preise

An den Subventionen, die den Bauern direkt zukommen, mag Sonnleitner indes nicht rütteln. Er mag sie nicht einmal als Subventionen bezeichnen, sondern spricht von einem "Ausgleich" für die hohen deutschen Ansprüche an Natur- und Verbraucherschutz. Gäbe es die Subventionen nicht, so argumentiert Sonnleitners Verband, wären die Bauern pleite. Der Durchschnittsverdienst eines Landwirts liegt nach Verbandsangaben bei 1900 Euro im Monat.

Insofern begrüßt Sonnleitner, dass die Preise für Nahrungsmittel in Deutschland steigen - und prognostiziert, dass dies auch so bleiben wird. "Weltweit steigt die Nachfrage nach Nahrungsmitteln", sagt Sonnleitner. "Wenn man sieht, wie die Volkswirtschaften wachsen, wie das Pro-Kopf-Einkommen steigt, dann wissen wir, dass mehr Nahrungsmittel verlangt werden und höher veredelte Nahrungsmittel - und das zieht natürlich die Preise hoch." Sonnleitner geht davon aus, dass die Preise künftig um zwei bis drei Prozent pro Jahr zulegen.

Das Interesse der Investoren

In Deutschland mögen steigende Preise noch verkraftbar sein - aber wie ist es mit den unterentwickelten Regionen auf der Welt? Sonnleitner proklamiert im stern.de-Interview eine Doppelstrategie. In Deutschland müssten die Flächen effizienter genutzt werden, um mehr produzieren (und exportieren) zu können. Zugleich müssten die Bauern in der Dritten Welt gefördert werden - durch mehr Rechtssicherheit und Wertschätzung in ihren Ländern. Eine ausgeprägte Abneigung hat Sonnleitners Verband zudem gegenüber Spekulanten: Auch in Deutschland kaufen sich zunehmend Investoren in die Landwirtschaft ein. Sie sind nicht am Land, an der Kultur oder an der Nahrung interessiert, sondern am Profit. Rohstoffe gelten als das Gold dieser Tage.