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Betriebsrente: Die fetten Jahre sind vorbei

Etwa 15 Millionen Arbeitnehmer in Deutschland können im Alter mit einer Betriebsrente rechnen. Der Zukunftstrend sieht anders aus: Bei den freiwilligen Betriebsrenten heißt es immer öfter "Einfrieren und Kürzen".

Etwa 15 Millionen Arbeitnehmer in Deutschland können im Alter mit einer Betriebsrente rechnen. Allzu blauäugig auf einen ordentlichen Batzen Geld vom Chef im Ruhestand zu vertrauen, kann sich jedoch als fatal erweisen. Die fetten Jahre, in denen Firmen den Beschäftigten großzügige Renten spendierten, scheinen vorbei zu sein. Auf das Modell der freiwilligen Zusagen ist immer weniger Verlass, sind Experten überzeugt.

Betriebsrente nicht mehr tabu

Was Commerzbank und der Gerling-Versicherungskonzern gerade vormachten, sei nur die "Spitze des Eisbergs", warnt Jörg Haupt, Rechtsanwalt der Betrieblichen Versorgungswerke für Unternehmen und Kommunen (BVUK). Unzählige weitere Firmen, Großkonzerne wie Mittelständler, suchten händeringend nach Einsparmöglichkeiten, berichtet der Jurist.

Rückzugsszenarien im Trend

Die BVUK berät etwa 2.000 Unternehmen sowie bis zu 70 Kommunen zu Themen rund um die betriebliche Altersversorgung, also auch zu Rückzugsszenarien. Nach starkem Personalabbau sei jetzt auch die Betriebsrente nicht mehr tabu, weiß Haupt. Nicht nur Beschäftigte in der Privatwirtschaft müssten sich darauf gefasst machen, künftig stärker selbst für das Finanzpolster im Alter aufzukommen. Auch Kommunen arbeiteten längst an Auswegen aus einst üppigen tarifrechtlichen Zusagen. Von den 15 Millionen mit Betriebsrentenanspruch arbeitet knapp ein Drittel im Öffentlichen Dienst.

Gilt kaum noch für neue Betriebsangehöärige

"Das wird ein massiver Trend werden", meint auch Peter Grieble, Finanzexperte der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Für neue Mitarbeiter haben Betriebe freiwillige Zusagen ohnehin schon seit längerem praktisch abgeschafft. Neuzugänge müssen immer öfter selbst für die Beiträge zu ihrer betrieblichen Versorgung aufkommen oder wenigstens kräftig zuzahlen.

Rückzug aus freiwilligen Zusagen immer möglich

Für alle, die um ihre Betriebsrente fürchten, gilt: Aus freiwilligen Zusagen kann sich der Arbeitgeber in der Regel auch wieder zurückziehen. Was die Firma aus Entgegenkommen bezahlt, kann sie in Krisenzeiten kürzen, auf Eis legen oder verändert anbieten. Allerdings müssen Rotstift wie Kündigung sehr gut begründet werden, betont Martina Perring, Arbeitsrechtlerin beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) in Berlin. Nicht jede Zusage könne pauschal mit dem Hinweis auf wirtschaftliche Zwänge gekündigt werden. Immerhin gelten die Zahlungen in eine Betriebsrente nach oberster Rechtsprechung praktisch als Bestandteil des Gehalts.

Kaum Chancen auf Gegenwehr

Betroffenen bleiben dennoch normalerweise wenig Chancen sich zu wehren. "Tut ein Unternehmen diesen Schritt, hat es sich arbeitsrechtlich vorher genau beraten lassen", betont Haupt. Gibt es einen Betriebsrat, kann dieser versuchen, gegen den Widerruf des Arbeitgebers zu klagen. Ist keine Arbeitnehmervertretung da, ist der Beschäftigte auf sich allein gestellt. Grundsätzlich steht ihm der Klageweg offen. Die Kosten müsste er dann aber allein übernehmen.

Betriebsrentner müssen keine Kürzung fürchten

Worauf Arbeitnehmer wirklich bauen können, sind in jedem Fall ihre bereits erreichten Ansprüche. Sie können nicht angetastet werden, nicht verfallen. Unter Umständen lassen sie sich auch in ein anderes Unternehmen mitnehmen, wenn Voraussetzungen erfüllt sind wie: Beim Ausscheiden hat der Mitarbeiter mindestens das 35. Lebensjahr vollendet und die Versorgungszusage mindestens seit zehn Jahren in der Tasche oder sein Betriebszugang liegt mindestens zwölf Jahre zurück und die Zusage ist wenigstens drei Jahre alt.

Zahlungen bleiben gesichert

Wer schon in Rente gegangen ist, muss sich keine Sorgen um seine betriebliche Versorgung machen. Daran kann der Arbeitgeber nicht rütteln. Und auch im Konkursfall der Firma bleibt die Zahlung gesichert, denn dann springt der Pensions-Sicherungs-Verein ein.

Große Unterschiede bei Modellen

Grundsätzlich gibt es große Unterschiede bei Betriebsrentenmodellen. Je nach Vereinbarung muss der Beschäftigte mal mehr, mal weniger Beiträge selbst zahlen. Den Rest legt der Chef drauf. Wer noch das klassische "Rundum-Sorglos-Paket" seines Chefs hat, das speziell in den Wachstumsjahren der 60er und 70er im Wettbewerb um knappe Arbeitskräfte beliebt war, kann von Glück reden, wie Grieble meint. Zunehmend beliebt sind jetzt die übrigen vier Anlageformen wie Pensionsfonds und -kassen, Unterstützungskasse oder Direktversicherung.

Ausweg übr private Modelle?

Im Öffentlichen Dienst gelten Betriebsrenten noch als sicher. Sie sind tariflich abgesichert wie auch auf dem Bau oder in der Landwirtschaft. Doch auch dieses Netz habe Risse, meint Haupt und berichtet von "massiven Problemen" der Arbeitgeber, die hohen Beiträge zu zahlen. Auswege über private Versicherungsmodelle würden schon diskutiert.

Berrit Gräber / DPA