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Nach zwei verheerenden Abstürzen Boeing 737 Max bleibt am Boden: Flugzeugbauer setzt Produktion des Krisenjets aus

USA, Seattle: Eine Boeing 737 Max 8 landet nach einem Testflug auf dem Boeing Field
USA, Seattle: Eine Boeing 737 Max 8 landet nach einem Testflug auf dem Boeing Field
© Ted S. Warren/AP / DPA
Der Airbus-Erzrivale Boeing gerät immer tiefer in die Bredouille. Nach Spannungen mit der US-Aufsicht FAA stoppt der Flugzeugbauer vorübergehend die Fertigung des Krisenjets 737 Max. Die Maßnahme hat das Potenzial, die gesamte US-Wirtschaft spürbar auszubremsen.

Boeings Krise spitzt sich zu: Nach zwei verheerenden Abstürzen ist die Ungewissheit um die Zukunft des Unglücksfliegers 737 Max so groß, dass der Airbus-Rivale die Produktion ab Januar vorübergehend stoppt. Boeing entscheidet sich für eine drastische Maßnahme, die die gesamte US-Wirtschaft erheblich belasten dürfte. An dem Großkonzern hängen zahlreiche Zulieferer, Airlines und andere Firmen, die der Fertigungsstopp in Mitleidenschaft zieht.

Überraschend kam die am Montag nach US-Börsenschluss von Boeing bekanntgegebene Entscheidung nicht. Vorstandschef Dennis Muilenburg hatte seit Juli wiederholt gewarnt, dass die 737-Produktion weiter gedrosselt oder ganz ausgesetzt werden könnte, falls sich die Wiederzulassung der Modellreihe länger als erwartet hinzieht. Die 737 Max ist wegen zwei Abstürzen, bei denen Hunderte Menschen starben, seit Mitte März rund um den Globus mit Startverboten belegt.

Mit dem nun angekündigten Schritt wählt Boeing eine radikale Option, die nur unter massivem Druck zustande gekommen sein kann. Wann die 737-Produktion wieder anlaufen könnte, dazu gab der Hersteller zunächst keinerlei Hinweise. "Wir werden weitere Finanzinformationen hinsichtlich der Fertigungsaussetzung in Verbindung mit unserem Quartalsbericht Ende Januar veröffentlichen", hieß es lediglich. Die Ungewissheit ist also hoch - doch Boeing hatte wohl noch eine Wahl.

Angespanntes Verhältnis zwischen Boeing und US-Luftfahrtaufsicht

Denn in den letzten Tagen wurde immer deutlicher, wie angespannt das Verhältnis zwischen dem Flugzeugbauer und der US-Luftfahrtaufsicht FAA ist. Der Geduldsfaden der Regulierer scheint arg strapaziert, vergangene Woche wies FAA-Chef Steve Dickson Boeing sogar öffentlich zurecht. Er äußerte nicht nur Bedenken, dass der Konzern bei der 737 Max einen "unrealistischen" Zeitplan verfolge, sondern verbat sich auch weitere Statements von Boeing, die dazu angetan seien, den Druck auf seine Behörde beim Wiederzulassungsverfahren zu erhöhen.

Im November noch hatte Boeing Zuversicht verbreitet, vor dem Jahreswechsel grünes Licht von der FAA zu bekommen, um zumindest wieder mit den Auslieferungen der 737 Max beginnen zu können. Nachdem Dickson dem eine klare Absage erteilte, stieg an der Börse bereits die Nervosität. Seit Tagen stehen Boeings Aktien unter Druck, auch eine stabile Dividende konnte Anleger nicht versöhnen. Die 737 Max - Boeings Bestseller und Profittreiber - ist momentan viel wichtiger.

Die Abstürze des Modells in Indonesien und Äthiopien, bei denen im Oktober 2018 und März 2019 insgesamt 346 Menschen ums Leben kamen, haben den Flugzeugbauer in eine tiefe Krise gebracht. Boeing steht im Verdacht, die Unglücksflieger überstürzt auf den Markt gebracht und dabei die Sicherheit vernachlässigt zu haben. Der Hersteller weist dies zwar zurück, hat aber verschiedene Fehler und Pannen eingeräumt.

Die "Boeing 737 Max 8" muss vorerst am Boden bleiben. Der Hintergrund ist ein Flugzeugunglück in Äthiopien. Eine brandneue Passagiermaschine vom Typ "Boeing 737 Max 8" stürzt ab. Bereits fünf Monate zuvor verunglückt eine ebenfalls neue Lion-Air-Maschine des gleichen Typs in Indonesien. Die traurige Bilanz: 346 Todesopfer. Nach den Abstürzen ziehen zahlreiche Länder und Fluggesellschaften Konsequenzen. Die Folge: Ein Startverbot für Maschinen des Typs "737 Max 8" – auf unbestimmte Zeit. Neben nationalen Behörden in den Absturzländern und dem US-Verkehrsministerium ermittelt auch das FBI. Bei der "Boeing 737 Max 8" handelt es sich um ein relativ neues Modell. Der Erstflug findet am 29. Januar 2016 statt. Ausgeliefert wird der Flugzeugtyp seit 2017. Bis Ende Januar wurden mehr als  5000 Maschinen dieses Typs bei Boeing bestellt. 376 Flugzeuge wurden bereits ausgeliefert. Die Ursache des erneuten Absturzes ist noch nicht bekannt. Experten befassen sich derzeit mit der Klärung dieser Frage. "(...) Ein Boeing-Technikteam wird zur Unglücksstelle reisen, um unter Anleitung der äthiopischen und US-amerikanischen Behörden technische Unterstützung zu leisten. " – Boeing, Pressemitteilung 10. März 2019 Nach dem ersten Absturz im Oktober 2018 geben Ermittler an, dass die Piloten Probleme mit dem "Anti-Stalling-System" hatten – einem System, das die Nase des Flugzeuges automatisch absenkt, um einen Strömungsabriss zu verhindern. Nach dem Absturz informiert Boeing Fluggesellschaften über das potenzielle Problem mit dem System. Die Firma kündigt außerdem ein Update für die umstrittene Software an. Obwohl es sich bei den verunglückten Flugzeugen um zwei neue Maschinen handelt, warnen Experten vor verfrühten Schlussfolgerungen: "Ich hoffe, dass die Leute auf die Ergebnisse der Untersuchungen warten, anstatt voreilige Schlüsse zu ziehen, die auf wenigen Fakten basieren." – Harro Ranter, Flugsicherheitsexperte ggü. wiwo.de Erst wenn die Unglücksursache geklärt ist, lässt sich sagen, ob es sich bei den Abstürzen um tragische Einzelfälle oder ein generelles Problem mit der "Boeing 737 Max 8" handelt. Die ausgesprochenen Flugverbote sind vorerst eine reine Sicherheitsmaßnahme.
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Im Zentrum der Krise steht das für die 737 Max entwickelte Steuerungsprogramm MCAS, das laut Untersuchungsberichten eine entscheidende Rolle bei den Abstürzen gespielt hat. Boeing hatte bereits nach dem Unglück in Indonesien versprochen, die MCAS-Probleme per Software-Update zu beheben. Wenig später kam es zum Absturz in Äthiopien. Das Update hat noch immer keine Zulassung der FAA, stattdessen standen die Zeichen zuletzt auf Knatsch mit der Behörde.

Der Druck auf Boeing wurde zuletzt auch finanziell und logistisch immer größer. Zwar war die 737-Produktion bereits im April von 52 auf 42 Maschinen gesenkt worden. Doch da Boeing die Maschinen bis zu einer Wiederzulassung nicht ausliefern darf, entstehen hohe Kosten, denen keine entsprechenden Einnahmen gegenüberstehen. Laut Boeing müssen derzeit rund 400 Flugzeuge zwischengelagert werden. Das führt zu Platzmangel - ein sichtbares Symbol der Krise: Sogar Mitarbeiterparkplätze sind schon länger voll mit 737-Max-Fliegern.

Belastung für US-Wirtschaft

Doch das Debakel ist nicht nur für den Hersteller eine große Belastung, die bereits immense Kosten und Imageschäden sowie Ermittlungen von Aufsichtsbehörden und hohe Klagerisiken verursacht hat. Da es um Boeings bestverkauftes Modell geht, für das es Tausende Bestellungen gibt, ächzt die gesamte Luftfahrtindustrie unter den Problemen. US-Airlines mussten wegen des Ausfalls bereits zahlreiche Flüge streichen, auch europäische Kunden wie Tui sind betroffen.

Für die US-Wirtschaft insgesamt ist Boeings Krise eine erhebliche Belastung. Die Probleme der 737 Max haben das Wachstum bereits in spürbar gedämpft und könnten die Konjunktur noch stärker bremsen, warnen Experten. Von Boeing hängen zahlreiche andere Firmen ab, die die Schwäche des Flugzeugbauers zu spüren bekommen. Vor allem die Außenhandelsbilanz der USA leidet stark unter dem Auslieferungsstopp der 737 Max. Die Produktionspause dürfte die Lage weiter verschärfen.

Boeing betonte jedoch in seiner Mitteilung, dass zunächst keine Mitarbeiter aufgrund der Produktionspause entlassen oder beurlaubt würden. Vor allem für die rund 12 000 Beschäftigten des 737-Hauptwerks in Renton bei Seattle bleibt damit - zumindest vorerst - ein Horrorszenario aus. Die Fertigung auszusetzen, sei angesichts der kritischen Gesamtsituation auch für das große Zulieferernetz derzeit noch die vergleichsweise schonendste Lösung, so Boeing.

Hannes Breustedt / fs DPA

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