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Börsengang: Rätselraten um die Facebook-AG

Das soziale Netzwerk bereitet sich offenbar auf einen Börsengang vor, ganz nach dem Vorbild von Google. Doch wann ist es so weit - und wie erfolgreich wäre die Aktie?

Von Karsten Lemm, San Francisco

Die Bescherung kam pünktlich zum Erntedankfest: Zwei Tage vor Thanksgiving, einem der wichtigsten Feiertage in den USA, signalisierte Facebook der nervösen, von Krisen geschüttelten Wall Street, dass das Warten auf einen Börsengang womöglich bald ein Ende hat. Endlich! Seit langem schon fiebern Investoren und Silicon-Valley-Beobachter auf diesen Moment hin. In nur fünfeinhalb Jahren hat es das soziale Netzwerk von null auf über 300 Millionen Nutzer gebracht und ist zu einem der populärsten Angebote im Internet überhaupt geworden - ein Shooting-Star, eine potentielle Goldgrube für Anleger, ganz ähnlich wie Google vor einigen Jahren.

"Der Börsengang kommt"

Und genau wie einst Google hat Facebook nun im Stillen den ersten Schritt in Richtung Aktienmarkt getan. Künftig wird es für Anteilseigner zwei Arten von Wertpapieren geben: A-Klasse und B-Klasse. Die einen, die jetzt schon in der Hand der Gründer und Investoren liegen, haben zehnfaches Stimmrecht und damit deutlich mehr Gewicht als andere, die in Zukunft neu ausgeschüttet werden könnten - etwa bei einem Börsengang. "Es geht um Kontrolle. Es geht darum, die Firma auch als AG so weiterzuführen, wie man möchte", erläutert Jochen Kleinknecht, Hedgefonds-Manager bei B Street Capital im Silicon Valley.

Zwar bestreitet Facebook, das in Deutschland studiVZ und wer-kennt-wen überholt hat, zielstrebig auf die Börse zuzusteuern: "Diese Veränderung in der Aktienstruktur sollte nicht dahingehend interpretiert werden, dass das Unternehmen vorhat, sich in eine AG umzuwandeln", erklärte - ungewöhnlich steif und pedantisch für das sonst so jugendlich-lockere Facebook - ein Firmensprecher gegenüber der New York Times. Doch für Kenner gibt es keinen Zweifel an den Absichten, die hinter der Formalie stecken: "Der Börsengang kommt", sagt Kleinknecht. "Die Frage ist hauptsächlich wann - nicht so sehr, ob." Larry Albukerk sieht das ähnlich: "In den nächsten zwei oder drei Monaten werden sie wohl den Antrag stellen", spekuliert der Chef des Investmenthauses EB Exchange Funds in San Francisco, "und wenn die Märkte mitspielen, dürfte Facebook in sechs Monaten eine Aktiengesellschaft sein."

Mitarbeitern wollen jetzt schon ihre Anteile versilbern

Gewiss, es gibt für den aktuellen Darling der Netzwelt keine Eile, sich neues Kapital zu besorgen. Durch mehrere millionenschwere Geldspritzen, unter anderem von Microsoft, ist die 900-Mann-Firma finanziell gut gerüstet. Andererseits zeigt das Beispiel MySpace, wie flüchtig Erfolg im Internet sein kann: Nach kurzen Jahren an der Spitze kämpft die frühere Nummer Eins nun mit rückläufigen Nutzerzahlen, hat Tausende von Mitarbeitern entlassen und das gesamte Führungsteam ausgetauscht. Facebook wäre also schlau, seine Beliebtheit rechtzeitig in bare Münze umzusetzen, argumentiert Albukerk: "Die Firma ist angesagt, sie bekäme eine gute Bewertung - es wäre verrückt, nicht an die Börse zu gehen."

Interesse an Facebook-Anteilen gibt es längst. An Geldmärkten, die auf den Handel mit Wertpapieren von Privatfirmen spezialisiert sind, reißen sich bereits Käufer um die begrenzte Zahl von Anteilen, die im Umlauf sind - unters Volk gebracht von Mitarbeiter und Geldgebern, die jetzt schon ihre Anteile versilbern wollen. Auf diese Art von Geschäft konzentriert sich auch Larry Albukerk, und Facebook hält ihn seit Monaten auf Trab. "Viele Mitarbeiter und Investoren wollen Anteile verkaufen, und die Nachfrage ist riesig", berichtet der Makler. Wall-Street-Investoren, Fonds, aber auch private Anleger stünden Schlange, sagt er, denn alle hoffen auf kräftige Gewinne, sobald Facebook-Aktien ganz offiziell im großen Stil gehandelt werden. "Wer bei Google schon vor dem Börsengang dabei war, konnte viel Geld verdienen", erklärt Albukerk.

Facebook braucht weitere Einnahmequellen

Damit die Rechnung aufgeht, müssten die Aktien allerdings in luftige Höhen steigen - so wie bei der Welt liebsten Suchmaschine: Von 85 Dollar am Ausgabetag, dem 19. August 2004, kletterten die Anteilsscheine in wenigen Monaten auf über 300 Dollar. Inzwischen steht die Google-Aktie bei 585 Dollar, gut 380 Euro, und die Firma hat einen Marktwert von fast 185 Milliarden Dollar - mehr als IBM, Boeing oder Coca-Cola. Darf Facebook hoffen, dem Beispiel zu folgen? Als sich das soziale Netzwerk Ende Mai 200 Millionen Dollar von russischen Investoren besorgte, legten die Partner den Firmenwert auf zehn Milliarden Dollar fest. Freier Handel an der Börse dürfte den Wert deutlich nach oben treiben, glauben Beobachter. Die Frage ist allerdings, wie weit.

"Die Nutzerzahlen sind astronomisch, und Facebook verdient Geld", sagt Jochen Kleinknecht und spekuliert: "Der Marktwert könnte in die Nähe von Google kommen." Larry Albukerk sieht das skeptischer. "Ich glaube nicht, dass Facebook in derselben Liga spielt", sagt der Investment-Berater. Zwar fließen durch Werbung bereits viele Millionen in die Kasse der kalifornischen Durchstarter, und der Umsatz wird nach Facebook-Angaben in diesem Jahr um 70 Prozent zulegen. Aber das sei nicht genug, "um einen Marktwert zu rechtfertigen wie bei Google", argumentiert Albukerk. Denn während die Suchmaschine aus dem Geschäft mit Textanzeigen ein Milliardengeschäft gemacht hat, ist bei sozialen Netzen immer noch nicht klar, wie empfänglich die Nutzer für Werbebotschaften sind, die leichter als Störung empfunden werden können. "Facebook muss noch andere Einnahmequellen finden", fordert Albukerk.

Zuckerberg wiegelt ab

Ganz gelassen sieht das alles der Mann, für den am meisten auf dem Spiel steht: Mark Zuckerberg, Mitgründer und Chef des heiß umworbenen Unternehmens. Immer wieder versicherte der 25-Jährige in den vergangenen Monaten, Facebook habe keine Eile, sich in ein Aktienunternehmen zu verwandeln. "Ich weiß, viele Unternehmen sehen den Börsengang als oberstes Ziel", sagte Zuckerberg bei einer Investment-Konferenz im Frühjahr. "Für uns ist es lediglich ein Schritt auf einem langen Weg" - und zwar einer, von dem Facebook "noch Jahre entfernt" sei.

Egal, wann es dann passiert: Solange sein soziales Netz weiter Freunde findet, hat der Jungunternehmer ausgesorgt. Nach Informationen des Wall Street Journal ist Zuckerberg der größte Facebook-Anteilseigner, "sein Prozentsatz liegt im zweistelligen Bereich". Das sollte genügen, um ihn bei einem Börsengang über Nacht zum Milliardär zu machen. Schöne Bescherung.