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Deutschen Börse: An der Spitze kehrt Ruhe ein

Nachdem sein Vorgänger Werner Seifert mit diversen Übernahmeversuchen gescheitert war, kehrt nun mit der Ernennung des Schweizers Reto Francioni wieder Ordnung bei der Deutschen Börse ein. Die Branche wartet gespannt auf seine Pläne.

Es gibt wieder einen obersten Börsianer in Deutschland. Der Schweizer Manager Reto Francioni wurde am Montag erwartungsgemäß zum neuen Vorstandschef der Deutschen Börse ernannt. Nach einem turbulenten Jahr herrscht damit wieder Ordnung an der Spitze des Finanzdienstleisters. Francionis Vorgänger Werner Seifert stand zwar für ein grundsolides Geschäftsmodell, das die Gewinne sprudeln ließ, aber auch für Visionen und Exzentrik. Zwei Mal scheiterte bei dem Versuch, die Londoner Börse zu übernehmen - und am Ende vielleicht auch ein bisschen an sich selbst.

Gespannt auf die neuen Pläne

Nun warten die Akteure an den Finanzmärkten, in Banken und Börsen gespannt darauf, was für Pläne der neue Chef schmieden wird. "Es sollte jetzt eine gewisse Ruhe einkehren", vermutet Dieter Hein vom unabhängigen Analysehaus fairesearch. Vielleicht werde Francioni engere Bande zur Schweizer Börse knüpfen, an deren Spitze er bis vor kurzem stand. Sein Vorgänger Seifert war in Zürich mit einem Übernahmeversuch ebenfalls abgeblitzt. Mit einem großen Wurf rechnet indes kaum ein Beobachter. "Es könnte lange dauern, bis eine neue Strategie erkennbar ist", sagt Analyst Fabian Brunner von der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW).

Zwei Entwicklungen machen die Lage in der Branche derzeit sehr unübersichtlich: Zum einen spricht vieles dafür, dass nationale Börsen verschwinden werden. Mit der Deutschen Börse, der Vierländerbörse Euronext und der London Stock Exchange (LSE) gibt es heute bereits nur noch drei große Spieler in Europa. Auch die New Yorker Börse will angeblich bei der Konsolidierung jenseits des Atlantiks mitmischen. Fusionen könnten den Handel vereinfachen und auch billiger machen, weil die Transaktionen auf großen Plattformen abgewickelt werden. Kritiker befürchten hingegen, dass neue Monopole entstehen - daher hängt jede mögliche Fusion auch von der Zustimmung der Börsenaufsichten ab.

Börsen werden zum Spielball der Anleger

Zum anderen sind die großen Börsen inzwischen selbst an der Börse notiert und werden zum Spielball pfiffiger Anleger, die aus den unterschiedlichen Fusionsszenarien Kapital schlagen wollen. Bei der Deutschen Börse kauften sich mehrere Hedge Fonds ein, die die geplante Übernahme der LSE für zu teuer hielten und durch eine erzwungene Absage den Kurs in die Höhe treiben wollten. Seifert schenkte dem Störfeuer anfangs wenig Aufmerksamkeit, am Ende nahm er aber auf Drängen der öffentlichkeitsscheuen Investoren seinen Hut. Und selbst Aufsichtsratschef Rolf Breuer, im Frankfurter Volksmund "Mr. Finanzplatz", musste das Feld räumen.

Theoretisch könnten die Hedge Fonds das Spiel von Neuem beginnen lassen und Übernahmen in der Börsenlandschaft je nach Kursszenario anheizen oder eben platzen lassen. Spekulationen fallen an den Märkten auf fruchtbaren Boden - selbst wenn sie als so abwegig gelten wie das Gerücht, die australische Investmentbank Macquarie wolle die LSE übernehmen. Das Finanzhaus von "down under" hatte vor ein paar Monaten schon einmal Interesse an dem Essener Baukonzern Hochtief bekundet. Die nächsten Monate dürften also spannend bleiben, auch wenn das Enthüllungsbuch, das Ex-Börsenchef Seifert über die Vorgänge in der Branche angekündigt hatte, vielleicht gar nicht erscheinen wird. Der Hammondorgel-Spieler scheint im seinem vorläufigen Ruhestand harmonischere Töne anschlagen zu wollen.

Alexander Missal/DPA / DPA