Ein Jahr Kleinfeld Bei Siemens weht ein rauer Wind


Seit Klaus Kleinfeld bei Siemens am Steuer steht, weht ein anderer Wind: Der 48-Jährige gab das verlustreiche Handygeschäft ab und löste die Logistiksparte ganz auf. Das brachte ihm nicht viele Freunde unter der Belegschaft.

Ein Jahr nach dem Amtsantritt von Vorstandschef Klaus Kleinfeld weht bei Siemens ein rauer Wind. Der 48-jährige gab unter anderem das verlustreiche Handygeschäft an den taiwanesischen BenQ-Konzern ab, spaltete den IT-Dienstleister SBS auf und löste die Logistiksparte L&A gleich ganz auf. "Man muss fairerweise sagen: Er hat eine Menge Probleme übernommen", räumt Aufsichtsrat Wolfgang Müller von der IG Metall ein. Allerdings seien die Maßnahmen oft zu radikal ausgefallen. "Er hat in den Problembereichen meistens von den Finanzmärkten diktierte Entscheidungen getroffen." Bei Analysten stößt der neue Siemens-Kurs dagegen durchaus auf Applaus. Bei der Hauptversammlung in München zieht Kleinfeld eine Bilanz seines ersten Arbeitsjahres.

Überbringer schlechter Nachrichten

Vor einem Jahr hatte Siemens-Chef Heinrich von Pierer nach dem Aktionärstreffen den Chefsessel an Kleinfeld übergeben. Dieser durfte dann auch gleich schlechte Nachrichten verkünden: An seinem ersten Arbeitstag als Vorstandschef gab Kleinfeld die Streichung von 1350 Stellen in der Kommunikationssparte Com bekannt. Weitere schlechte Nachrichten folgten. Höhepunkt war die kostspielige Trennung vom Handygeschäft, das Pierer immer am Herzen gelegen hatte.

"Es bestand im Konzern großer Handlungsbedarf", sagt Siemens-Spezialist Theo Kitz vom Bankhaus Merck Finck. Kleinfeld habe die Probleme aber schnell angepackt. Allerdings gebe es noch immer viel zu tun: "Die Handys sind geregelt, bei SBS ist vielleicht die Hälfte erledigt, bei Com sind zwei Drittel unerledigt." Allerdings sei Kleinfeld auf gutem Weg. Man müsse zwar abwarten, ob er es wie angekündigt schaffe, dass alle Unternehmensbereiche im Jahr 2007 ihre Rendite-Vorgaben schaffen. Dieses Versprechen habe aber Zug ins Unternehmen gebracht.

Umbau zum Infrastruktur-Dienstleister

Dennoch standen einige Analysten Kleinfeld nach den ersten Monaten skeptisch gegenüber. "Vermisst wurde eine übergeordnete Strategie", sagt Kitz. Diese habe Kleinfeld nach seiner Einschätzung aber inzwischen geliefert. Der Vorstandsvorsitzende will Siemens zu einem Anbieter von Infrastruktur-Dienstleistungen machen, der vor allem Antworten auf so genannte Megatrends wie Energieknappheit, Überalterung und Wasserknappheit anbieten will.

Bei den Beschäftigten kommt der neue Takt nicht gut an. Sie werfen Kleinfeld vor allem vor, dass kriselnde Unternehmensteile nicht wie früher saniert, sondern losgeschlagen werden. "Der Siemens-Vorstand hat wohl keinen Mumm mehr, die Probleme selbst zu fixen", sagt Aufsichtsrat Müller. Dies gebe für die verbliebenen Problembereiche Anlass zur Sorge. Auch Manfred Meiler vom Verein von Belegschaftsaktionären in der Siemens AG erklärt: "Die unternehmerischen Fehlleistungen im letzten Jahr, insbesondere in der Handysparte und im Bereich L&A, sind beispiellos." So drohen angesichts des neuen Führungsstils Mitarbeiterinteressen unter die Räder zu kommen.

Axel Höpner/DPA DPA

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