Siemens-Vorstand Siemensianer üben sich in Galgenhumor

"Wie ein Lump" werde Siemens aufgrund der Schmiergeldaffäre durch die Straßen getrieben, kritisieren die Aktionäre auf der Hauptversammlung. Einziges Trostpflaster: Immerhin hätten die Betrüger ihre Hosen anbehalten - im Gegensatz zu denen bei VW.
Von Rupp Doinet, München

Der Mann macht keine großen Umstände. Er steht in der Olympiahalle zu München hinter einem weißen Pult, trägt eine rosa Krawatte zum blauen Hemd und erzählt mit kaum noch wahrnehmbarem österreichischem Zungenschlag von der "schwersten Krise der vergangenen Jahrzehnte", von 400.000 Mitarbeitern, die "am Pranger stehen", weil eine "kleine Zahl von Führungskräften fundamentale Grundsätze von Recht und Gesetz, aber auch von Anstand und Moral verletzt hat". Von 470 Betriebsangehörigen, gegen die im vergangenen Jahr disziplinarische Untersuchungen eingeleitet wurden, von 130 Mitarbeitern, die das Unternehmen verlassen mussten.

Es werden noch viel mehr werden, daran lässt Peter Löscher, Vorstandsvorsitzender des Weltkonzern Siemens bei der Jahreshauptversammlung keinen Zweifel. Und er nennt weitere Zahlen. Die bisher ermittelte Summe der Schmiergelder und unkorrekten Zahlungen beträgt 1,3 Milliarden Euro. Insgesamt 1,5 Milliarden Euro haben die Untersuchungen der Schmiergeldaffäre das Unternehmen bisher gekostet. Davon allein 127 Millionen Euro für Beraterhonorare. Dazu kommen rund 520 Millionen Euro steuerliche Verpflichtungen sowie "Sanktionen, deren Umfang wir nicht abschätzen können". Mit vier Milliarden, so raunt es im Parkett, sei da jederzeit zu rechnen. Aber es gibt Anlass zu einer kleinen Hoffnung. Im Zusammenhang mit der drohenden Milliardenstrafe der US-Börsenaufsicht SEC beginnen im Februar Verhandlungen mit dem Ziel eines "umfassenden und fairen Vergleichs".

Ganze Abteilungen waren bestechlich

Vor Löscher, in der gut gefüllten Halle, sitzen rund 10.000 Groß- und Kleinaktionäre. Sie kennen die Zahlen und die Probleme. Davon war auch schon im vergangenen Jahr am selben Ort die Rede. Damals stand der inzwischen ausgeschiedene Vorstandsvorsitzende Klaus Kleinfeld vor ihnen und sprach vom Fehlverhalten einzelner Mitarbeiter. Nun offenbart der Vorstandsvorsitzende, dass "nicht nur Einzelpersonen" korrupt und bestechlich waren, sondern ganze Abteilungen, und das lässt die 10.000 in der Halle darauf hoffen, dass der Skandal wirklich lückenlos und ohne Ansehen der daran beteiligten Personen aufgeklärt wird. Auch wenn das, wie Löscher einräumt, noch lange dauern wird.

Es ist eine völlig andere Stimmung bei den "Siemensianern" als 2007. Noch nicht einmal Äpfel durften damals von Kleinaktionären mitgebracht werden, aus Angst, das Obst könnte als Wurfgeschoss gegen Vorstände und Aufsichtsräte verwendet werden. Diesmal gibt es keine vergleichbaren Beschränkungen, und manchmal darf sogar gelacht werden. Etwa als bekannt wird, dass die nigerianische Regierung wegen angeblich "rechtswidriger Zahlungen an nigerianische Amtsträger" Büroräume der Siemens Ltd. Nigeria durchsucht haben und nun mit Siemens vorerst keine Geschäfte mehr machen will.

Immer die Hosen angehabt

Überhaupt, so tröstet man sich gegenseitig im Foyer, sei Siemens offenbar mehr daran interessiert, seinen Skandal aufzudecken als die Kollegen bei VW ihre Affäre, wobei die Siemensianer, "was man bisher so weiß, wenigstens immer ihre Hosen angehabt haben". Es war ja auch alles in allem kein schlechtes Jahr. Allein im ersten Quartal konnte das Unternehmen nach Steuern einen Gewinn von 6,48 Milliarden Euro ausweisen. Der Umsatz stieg auf 198,4 Milliarden Euro. Die Auftragsbücher sind mit einem Volumen von 24,24 Milliarden gut gefüllt. Das ist ein plus von neun Prozent.

Peter Löscher hat den Vorstand von elf auf acht Mitglieder verkleinert. Der Umbau des Konzerns auf die drei Sektoren Industrie, Energie und Gesundheitstechnik ist in vollem Gange. Es gibt ehrgeizige Ziele. Für den Industriesektor ist eine Zuwachsrate zwischen 9 und 13 Prozent angestrebt, für den Energiesektor sind es 11 bis 15 Prozent, für die Medizinsparte 14 bis 17 Prozent.

50 Redner mit je zehn Minuten Zeit

Es gibt Beifall für diese Zahlen und Ziele. Und die Zukunft, so glaubt der Vorstandsvorsitzende, ist rosig. Noch nicht einmal der hohe Ölpreis lässt ihn bangen. Denn: Der wirke sich ja auch positiv auf die erdölproduzierenden Länder aus, also die Golfstaaten und Russland, und "da haben wir bei den Infrastrukturprojekten eine starke Marktstellung". Danach sind die Aktionäre am Zug. Einer nach dem anderen tritt an das Rednerpult, das eine Stufe niedriger steht als das des Vorstands und des Aufsichtsrats. Schon im Vorfeld hatten sich etwa 50 Redner angekündigt, und jeder von ihnen bekam zehn Minuten Zeit.

Es wurde eine zum Teil bittere Abrechnung mit dem ehemaligen Management des Weltkonzerns aus München. "Wie ein Lump" werde das Unternehmen durch die Straßen getrieben, klagte Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapiere. Und: "Siemens schaut hilflos zu". Harald Petersen, Vorstand der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger, warf dem Management vor, erst reagiert zu haben, "wenn es nicht mehr anders möglich war". Einig waren sich die Aktionärsvertreter darin, dass der neue Vorstandsvorsitzende Löscher ein "Glücksgriff" sei, "einen "guten Job" mache. Auch Gerhard Cromme, Chef des Aufsichtsrates, habe sich wenn auch spät, aber immerhin um die Aufklärung des Schmiergeldskandals verdient gemacht. Dennoch sprachen sich Daniela Berdolt und Harald Petersen dagegen aus, Cromme und die übrigen Mitglieder des Aufsichtsrates zu entlasten. Es müsste erst die weitere Entwicklung der Affäre abgewartet werden.

Beim Vorstand - abgesehen von dem Vorsitzenden Peter Löscher - stellte sich diese Frage nicht. Die Entscheidung über seine Entlastung wurde von der Tagesordnung gestrichen. Sie soll erst nach dem Abschluss der laufenden Ermittlungen nachgeholt werden. Vorsichtshalber.


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