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Elektro: Russischer Markt machte Siemens groß

Der erste sowjetische Handelsminister Leonid Krassin arbeitete während 1908 seiner Emigration in Berlin bei Siemens und leitete später deren Tochterfirma in Russland.

Die Spuren von 150 Jahren Siemens in Russland führen bis an die Kremlmauer in Moskau. Hinter dem Mausoleum des Gründervaters Lenin liegt auch der erste sowjetische Handelsminister Leonid Krassin (1870 - 1926) begraben. Der Elektroingenieur, als Kommunist in die Emigration gezwungen, begann 1908 bei Siemens in Berlin. Wegen seiner großen kapitalistischen Begabung stieg er bis zum Leiter der Tochterfirmen in Russland auf. Nach der Revolution berief Lenin 1918 den alten Kampfgenossen Krassin zum Minister.

Russland war sogar Rettungsanker

Seit 1853 ist Siemens in Russland tätig und hat nach Einschätzung von Historikern in 150 Jahren einen wichtigen Beitrag zur technischen Entwicklung des Riesenreiches geleistet. Der Aufstieg der 1847 in Berlin gegründeten «Telegraphen-Bauanstalt Siemens und Halske» zum heutigen Weltkonzern wäre ohne Russland nicht vorstellbar. Zwei Mal war der russische Markt gar ein Rettungsanker für die deutsche Firma.

150-jähriges Jubiläum

Am 11. April feiert Siemens in St. Petersburg das Jubiläum dieser Industriekooperation. Bundeskanzler Gerhard Schröder und Präsident Wladimir Putin werden Gäste des Vorstandsvorsitzenden Heinrich von Pierer sein. Die heutige Landesgesellschaft von Siemens in Russland sieht sich als einheimisches Unternehmen mit «russischer Seele und deutscher Gründlichkeit in einem globalen Netzwerk». Angesichts der wachsenden Wirtschaft in Russland stieg das Volumen der Gesellschaft im Geschäftsjahr 2001/02 auf mehr als 800 Millionen Euro.

Moderne Technik

«Siemens hat als eine der ersten westlichen Firmen moderne Technologien nach Russland gebracht», sagt der Wirtschaftshistoriker Juri Petrow von der Russischen Akademie für Wissenschaften in Moskau. Moderne Technik - das waren im 19. Jahrhundert der Telegraph und die ersten elektrischen Lampen, später Straßenbahnen, Stromnetze und drahtlose Telegraphie.

Telegraphie rettete 1854 die Firma

1853 gründete Werner von Siemens (1816 - 1892) eine russische Aktiengesellschaft in St. Petersburg. Der Großauftrag zum Bau von Telegraphenleitungen im Zarenreich rettete seine Firma, der in Preußen die Aufträge wegbrachen. 1854 machte Siemens 500.000 Taler Umsatz in Russland, in Deutschland nur 60.000 Taler. Die Telegraphie schloss Russland in die Kommunikationslinie von London bis Indien ein.

Technikaustausch lief in beide Richtungen

Die Geschäftspolitik von Siemens über die Jahrzehnte fand Anklang bei Zaren wie bei der heutigen Regierung: Produziert wurde in Russland, und der technische Austausch lief in beide Richtungen. Dem Elektrotechnischen Verein ETV in Berlin, initiiert 1879 von Werner von Siemens, traten viele russische Ingenieure bei. Gemeinsam mit Alexander Popow, der in Russland als Erfinder des Radios gilt, durchbrach die Siemens/AEG-Tochter Telefunken um die Wende zum 20. Jahrhundert das Monopol von Marconi bei der drahtlosen Telegraphie.

Erster Weltkrieg brachte Zwangspause

Nach einer Zwangspause durch den Ersten Weltkrieg und die kommunistischen Enteignungen kam man mit Krassin und anderen früheren Siemens-Mitarbeitern in der sowjetischen Regierung wieder ins Geschäft. «Kommunismus ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen Landes» gab Lenin als Parole aus. Die Mitarbeit an dem gigantischen Elektrifizierungsplan GOELRO half Siemens durch die Weltwirtschaftskrise der 1920er/30er Jahre. «Siemens trug wesentlich zur Industrialisierung des sowjetischen Russlands bei», bilanziert der Historiker Petrow.

Röntgentechnik brachte Wiedereinstieg

Nach den Wunden des Zweiten Weltkriegs brachte die Medizintechnik den Wiedereinstieg in den sowjetischen Markt. Bis in die 90er Jahre machte die Firma den Großteil des Umsatzes mit Röntgentechnik. Heute bietet Siemens in Russland die gesamte Produktpalette des Weltkonzerns an: Kraftwerkstechnik, Automaten- und Steuerungstechnik, Computer und Netzwerke, Mobilfunk und Haushaltsgeräte.

Integraler Bestandteil

Vieles davon wird im Land produziert und trägt das Gütesiegel «Russisches Produkt». «Wir sehen uns als integraler Bestandteil der russischen Wirtschaft», sagt Alexej Grigorjew, zuständig für Strategie und Kommunikation bei Siemens Russland.