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Energiereserven: Öl ist vorerst genug da

Die Erde birgt nach Einschätzung der Internationalen Energieagentur noch genügend Rohöl, um den weltweiten Bedarf im nächsten Vierteljahrhundert preiswert zu decken. Doch um das zu fördern, müsste erst einmal investiert werden.

Um das 'schwarze Gold', das noch in der Erde schlummert auch fließen zu lassen, "müssten rund 100 Milliarden Dollar jährlich investiert werden", schätzt Fatih Birol, Chefökonom der Internationalen Energieagentur (IEA). "Und eines Tages nach 2030 werden die Reserven zur Neige gehen. Das müssen die Regierungen wissen." Nach ansicht Birols wäre eine Versorgung bis 2030 zu einem Ölpreis von 35 Dollar je Fass (159 Liter) kein Problem. "Geologisch gesehen ist Öl da. Doch das heißt nicht viel. Denn ob ausreichend investiert wird, hängt von den jeweiligen Interessen ab." Und die sind unterschiedlich: Ölstaaten können die Produktion begrenzen, um die Reserven zu strecken, den Preis zu treiben oder Öl als Chemierohstoff zu sichern. Die Ölkonzerne können aus politischen Gründen Probleme mit dem Zugang zu Lagerstätten haben. Und wegen des Klimaschutzes oder aus anderen Gründen könnten Regierungen deutlich höhere Preise und eine Drosselung der Produktion (und Schadstoffemission) anstreben.

Ölfelder liegen in politisch riskantem Gebiet

Zwei Drittel der bisher bekannten unerschlossenen Ölfelder liegen im Mittleren Osten, vor allem im Dreieck Saudi-Arabien-Iran-Irak. Doch im Irak herrscht Krieg, die Islamische Republik Iran nutzt das Öl als politisches Instrument und Saudi-Arabien ist seit der Kampfansage Osama bin Ladens und dem US-Feldzug gegen den Terror politisch unsicherer geworden. Aber das zu kommentieren ist nicht Aufgabe der IEA.

Birol beziffert die weltweiten Ölreserven mit 1,03 Billionen Barrel. Der Ölkonzern Exxon kommt auf 173,3 Milliarden Tonnen, was derselben Größenordnung entspricht. Doch der Zugang ist nicht frei: "35 Prozent der Reserven sind in exklusiver Hand staatlicher Ölfirmen zum Beispiel Kuwaits und Saudi-Arabiens", sagt Birol. Bei weiteren 22 Prozent sind Staatskonzerne mit beteiligt. So wird nicht unbedingt dort am intensivsten gesucht, wo das meiste Öl liegt. Die Staaten des Mittleren Ostens haben zwar sieben Mal so viel Reserven wie die westlichen OECD-Staaten, investieren aber deutlich weniger in die Erschließung. Dabei kommt die Exploration in Europa und Nordamerika fast doppelt so teuer wie im Mittleren Osten.

Ständig steigende Nachfrage

Die Ölnachfrage dürfte bis 2030 der IEA zufolge von derzeit rund 80 Millionen auf 120 Millionen Fass pro Tag steigen. Vor allem der zunehmende Verkehr in den Boomregionen Asiens treibt den Bedarf. Um den Energiehunger der Erde auch 2030 noch stillen zu können, muss bis dahin die gigantische Summe von 16 Billionen Dollar investiert werden. "Der Anteil der Investitionen in den Ölsektor beträgt daran nur 19 Prozent", sagt Birol. "Alleine 60 Prozent gehen in die Stromwirtschaft." Dazu kommen Gas und Kohle.

"Bei entsprechender Investition wird der Höhepunkt der weltweiten Ölförderung nicht vor 2030 erreicht sein", sagte Birol. "Außerhalb des Mittleren Ostens könnte die Produktion aber bereits im kommenden Jahrzehnt zurückgehen." Neue Ölfelder mit mehr als einer Million Fass Tagesförderung werde man zwar kaum finden, dafür aber ergiebige kleinere Felder.

Förderung wird immer teurer

"Drei Viertel aller Funde der vergangenen fünf Jahre gab es in mehr als 2000 Meter Tiefe", sagt Birol. Das kommt teuer. Der Verbrauch ist zwar gestiegen, aber die nachgewiesenen Ölreserven haben sich seit 1980 verdoppelt. "Steigt der Preis, wird mehr gesucht und gefunden", erklärt der Experte. Allerdings wäre es "meiner Ansicht nach besser, wenn es ohne Knappheit hohe Preise gäbe". Der Staat könnte zum Beispiel Steuern aufschlagen und mit den Einnahmen alternative Energiequellen fördern. "Wir müssen das Erdöl verlassen, bevor es uns verlässt", meint Birol. Der derzeit hohe Ölpreis bringe schon Denkanstöße für die Regierungen.

Während die nachgewiesenen Ölreserven in Europa und Nordamerika seit der Jahrtausendwende fallen, sind sie dem Ölkonzern Exxon zufolge in Afrika um fast 16 Prozent gestiegen. Im vergangenen Jahr förderte der Schwarze Kontinent 429 Millionen Tonnen, 7,7 Prozent mehr als 2003. Dennoch sieht Birol in Afrika keinen großen Ölanbieter der Zukunft. "Die Vorkommen in Algerien, Libyen und Nigeria sind zwar erheblich, aber nicht gigantisch", sagt er.

Hans-Hermann Nikolei/DPA / DPA