HOME

Chance verpasst: Warum Griechenland scheitern wird

Das Ringen von Griechenland mit den Gläubigern um ein drittes Hilfspaket soll bis 20. August beendet sein. Doch noch immer setzt man auf riesige Finanzspritzen, statt das Übel endlich an der Wurzel zu packen. Ein „Grexit“ wird immer unausweichlicher.

Ein Kommentar von Adriano B. Lucatelli

Kein Euro mehr in Griechenland?

Eine nachhaltige Lösung muss her, sonst ist der Grexit unausweichlich. 

Das Problem besteht darin, dass ein Großteil der Beteiligten noch immer glaubt, es handle sich im Fall Griechenlands um ein Liquiditätsproblem, während realistischere Stimmen längst von einem ausgewachsenen Solvenzproblem sprechen. Erstaunlich ist, dass das unangenehme Wort „Zahlungsunfähigkeit“ unter den Gläubigern noch immer bloß hinter vorgehaltener Hand ausgesprochen wird. Bereits heute beläuft sich die Verschuldung gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP) auf beinahe 180%. Das ist das Dreifache des ursprünglich im Maastricht-Vertrag von 1992 vereinbarten Maximums von 60%. 

Es ist nicht nur unrealistisch zu glauben, dass die Griechen ihre Schulden je werden bedienen können – dies wird weder in fünf noch in zehn, noch in dreißig Jahren der Fall sein –, sondern es ist auch kontraproduktiv, eine nachhaltige Lösung weiterhin zu verschleppen. Hier droht die Wiederholung des Hollywood-Klassikers „Und täglich grüßt das Murmeltier“: Wir werden nämlich früher oder später wieder da stehen, wo wir schon heute sind – nämlich am Anfang. 

Griechenland wird im wirtschaftlichen und politischen Chaos versinken

Wie bei den bisherigen Hilfsprogrammen wirft man gutes Geld schlechtem Geld hinterher und hofft, dass sich das Problem von selbst lösen werde. EU-Gläubiger scheinen unverrückbar zu glauben, dass mit Finanzhilfen im Austausch gegen die Umsetzung EU-verordneter politischer und wirtschaftlicher Reformen in Griechenland der Abwärtstrend gestoppt werden könnte. Dabei sollten allen Beteiligten längst wissen, dass kein Weg an einem drastischen nominalen Schuldenschnitt vorbeiführt. Die weiteren Milliarden aus dem Topf der Gläubiger und die finanztechnischen Tricks – wie beispielsweise die Streckung der Zahlungsfristen oder das Absenken der Zinsen – sind nur noch Augenwischerei. 

Das Skript ist also bereits geschrieben: Die Rezession wird sich weiter verschärfen, die Verschuldung wird auf über 200% des BIP ansteigen, und das Land wird wirtschaftlich wie politisch im Chaos versinken. Der bisher mit allen untauglichen Mitteln bekämpfte Grexit wird nicht mehr aufzuhalten sein, und Hellas wird als erstes Euroland die Währungsunion verlassen müssen.

Was hätte man anders machen können? Die Kurzantwort lautet: geordneter Austritt Griechenlands aus der Eurozone, versüßt mit einem großen nominalen Schuldenschnitt, gebunden an eine strikte Konditionalität.

Die Vorteile einer solchen Lösung sind augenfällig. Durch die Umstrukturierung der Schulden wäre Hellas eher in der Lage, Schulden auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten zu bedienen. Gleichzeitig würde die Eurozone mit dem Abschreiber ein wichtiges Zeichen setzen: nämlich dass sie gewillt ist, Griechenland unter die Arme zu greifen. Diese Hilfe würde – zusammen mit der Einführung einer neuen Drachme – die Grundlagen schaffen, die die griechische Wirtschaft für ihre Rückkehr zu nachhaltigem Wachstum dringend benötigt.

Neue Chancen durch Austritt aus dem Euro

Die Vorteile einer eigenen Währung sollten aber nicht überschätzt werden. Griechenland ist kein Exportland, sondern eine kleine, geschlossene Volkswirtschaft. Trotzdem wären seine Aussichten nach einem Austritt aus dem Euro besser. Es ist gegenwärtig ein Ding der Unmöglichkeit, die Lohnstückkosten in Griechenland durch eine sogenannte interne Abwertung auf ein passendes Niveau zu drücken – man denke nur an die mitten im Urlaubsflugverkehr rebellierenden Fluglotsen. Die Einführung einer neuen Währung würde aber eine sofortige Entschärfung der Lage nach sich ziehen.

Dennoch darf man nicht vergessen, dass der Austritt aus dem Euro den Griechen  nicht nur neue Freiheiten und Chancen, sondern auch etliche Verpflichtungen brächte. So würde die Einführung einer neuen Drachme vom Land viel monetäre Disziplin und einen großen Einsatzwillen verlangen, und nicht zuletzt müsste die Regierung beweisen, dass sie verantwortungsvoll und kompetent mit dem Instrument der neuen Währung umgehen kann. Bisher sind die Griechen leider vor allem bezüglich Disziplin jeglichen Tatbeweis schuldig geblieben.

Ein geordnetes Insolvenzverfahren für zahlungsunfähige Euroländer muss her

Aber auch die Eurozone muss ihre Lehren aus den bisherigen Integrationserfahrungen zu ziehen. Dies gilt vor allem im Zusammenhang mit der sogenannten „Schöpfungs-“ bzw. „Lokomotivtheorie“, die kläglich Schiffbruch erlitten hat. Der besonders in Frankreich und Italien gepflegte Glaube, dass die vorschnelle Einführung des Euro die Vereinheitlichung der Wirtschafts- und Finanzpolitik quasi automatisch herbeiführen werde, erwies sich als grundfalsch. So rächt sich nun, dass man nicht von Anfang an die ordnungspolitisch richtige „Krönungstheorie“ verfolgt hat, nach der die Einheitswährung erst nach erfolgter Konvergenz der Volkswirtschaften –gewissermaßen als Krönung dieses Vorgangs – hätte eingeführt werden dürfen.

Die Behebung einiger Konstruktionsfehler in der Euro-Architektur ist dringend notwendig. Vordringlich sind eine klar ausformulierte Austrittsklausel sowie ein geordnetes Insolvenzverfahren für zahlungsunfähige Euroländer. Inzwischen hat sich ja herumgesprochen, dass Probleme nicht einfach deswegen ausbleiben, weil man nicht über sie spricht. Also bitte endlich Schluss mit der Sankt-Florians-Politik!

Fazit: Beide Parteien sind gefordert und sollten nun Vernunft und Realitätssinn an den Tag legen, statt luftiges Wunschdenken und stramme Prinzipientreue zu üben. Nur so kann das europäische Währungsprojekt gerettet und Griechenland zurück auf den Wachstumspfad gebracht werden.

 

Dr. Adriano B. Lucatelli ist Schweizer Vermögensverwalter und Dozent an der Universität Zürich. Sie können dem Autor auf Twitter folgen.

Themen in diesem Artikel