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Grexit - offener Brief an Bosbach Ändern Sie Ihre Meinung, Herr Bosbach


Am Mittwoch wird über die Griechenlandhilfen abgestimmt. Die Abweichler stehen in den Startlöchern. stern-Autor Andreas Hoffmann erinnert sie daran, worum es wirklich geht. Und daran, dass wir uns ein bankrottes Griechenland nicht leisten können.

Lieber Wolfgang Bosbach,
ich schreibe Ihnen, weil Sie der populärste Kritiker der Griechenlandhilfen sind. Sie geben den Abweichlern ein Gesicht. Und Sie haben gegenüber den anderen einen Vorteil: Sie sind Rheinländer.
Der Rheinländer hat eine besondere Gabe, er kann Missstände kritisieren und dabei sympathisch bleiben. Der weiche Dialekt mildert die Schärfe der Kritik, in der Erinnerung bleibt die Freundlichkeit. Immer wenn ich Sie höre, fühle ich mich in meinen Geburtsort Köln versetzt, als säße ich ihm Brauhaus Päffgen, vor mir ein Kölsch, um mich herum lärmende Leute. Ein Stück wärmende Heimat im kühlen Berlin.

Bleiben Sie Mensch

Wenn Sie, Herr Bosbach, die Griechenhilfen kritisieren, bleiben Sie Mensch. Das macht Sie glaubwürdig, und dennoch liegen Sie und die Abweichler falsch. Sie liegen falsch, weil angesichts der jahrelangen Debatte, angesichts der vielen Gesetze, Berichte und Zahlen, aus dem Blick geraten ist, worum es wirklich geht, und was auf dem Spiel steht.
Worum es geht, ist simpel: Griechenland braucht Geld. Niemand auf der Welt, kein internationaler Investor, kein Pensionsfonds, kein finanzkräftiger Anleger leiht dem Land etwas. Die einzigen, die Kredit geben, sind die Europäer und der Internationale Währungsfonds (IWF). Und ohne ein drittes Rettungspaket bekäme das Land überhaupt kein Geld mehr. Keine einzige Rechnung könnte die Regierung mehr bezahlen, keine Renten und Gehälter überweisen. Sie wäre bankrott.
Kritiker sagen: Dann sollen die Griechen aus dem Euro austreten und ihre eigene Währung drucken. Die neue Drachme werten sie ab, verkaufen ihre Erzeugnisse billig ins Ausland und kurbeln so die Wirtschaft an.
Ist das wirklich realistisch?

Ein Grexit hilft nicht

Um eine Währung einzuführen, muss man neue, sichere Banknoten und Münzen drucken und verteilen, und das gelingt nicht an einem Wochenende. Viel Zeit und Planung ist nötig, und Technik, an der es in Athen mangelt. Und ob die billige Drachme einen Wirtschaftsboom auslöst? Die Griechen bauen keinen VW-Golf, keine Daimler- oder BMW-Limousinen, sie stellen keine tollen Werkzeugmaschinen her wie die Deutschen. Sie haben Olivenöl, Feta-Käse, ein paar Strände und Inseln. Auf diese Errungenschaften wartet die Welt nicht.
Ein Grexit hilft nicht. Das Land würde noch tiefer ins Chaos stürzen. Unbezahlbar wären die Schulden, weil das Land keine Euros mehr hätte, nur noch Drachmen – und keiner will sie. Sie etwa? Nach einem Austritt wäre Griechenland auch nicht von der Bildfläche verschwunden. Ein überschuldetes Land ist etwas anderes als ein überschuldetes Unternehmen. Geht eine Firma in Konkurs, entlässt der Chef die Arbeitnehmer, verkauft die Anlagen und schließt die Hallen. Ein bankrottes Land aber lebt weiter, die Menschen leben weiter, und wenn sie in Not geraten, werden wir Europäer nicht zusehen können. Wir werden helfen müssen, sonst machen wir uns moralisch angreifbar. Europa ist eine der reichsten Regionen der Welt, und wir schaffen es nicht, unsere Probleme selbst zu lösen? Wer soll uns da noch ernst nehmen?
Sie, Herr Bosbach sagen, die Risiken seien zu hoch. Wir zahlen doch so viel, glauben viele Deutsche.

Bislang ist kein Schuldschein geplatzt

Ich halte die Risiken für gering. Bis heute ist kein einziger Euro aus dem Haushalt nach Athen geflossen. Was es gab, waren Kredite und Bürgschaften. Wenn die Europäer helfen, dann sieht das so aus, dass der Luxemburger Rettungsschirm ESM in Hongkong, Shanghai, Singapur, Dubai, London oder New York reiche Anleger anpumpt. Athen erhält das eingesammelte Geld und die Anleger Schuldscheine. Die Europäer stehen dafür gerade, dass die Schuldscheine eingelöst werden, und bislang ist keiner geplatzt.
Ob das so bleibt, weiß keiner. Aber selbst wenn einige Papiere ausfallen, halte ich die Folgen für beherrschbar. Die Bürgschaften sind über viele, viele Jahre in einzelnen Bundeshaushalten verteilt, die Lasten werden über eine lange Zeit gestreckt. Das haben wir bei der Bankenrettung im Jahr 2008 und bei der Deutschen Einheit 1990 ähnlich gemacht, und in beiden Fällen flossen viele Milliarden, also richtiges, echtes Geld, nicht nur Bürgschaften und Kredite.

Bankrottes Griechenland, zerrissenes Europa

Lieber Herr Bosbach, ich weiß nicht, ob diese Argumente Sie und die anderen Abweichler überzeugen werden. Ich vermute nicht. Gegen die Griechenlandhilfen zu sein, ist in diesen Tagen populär, denn die meisten Deutschen lehnen sie in Umfragen ab. Ich halte diese Meinung für falsch, weil dabei übersehen wird, worum es wirklich geht. Es geht darum, einem Land zu helfen, in dem die Wiege der Aufklärung steht. Einem Land, in dem die Menschen in den vergangenen Jahren viel Leid erlebt haben und trotzdem nicht aufgeben. Einem Land, das vor einer schweren Zukunft steht.

Und es geht um Europa, darum dass die europäische Einigung, die Erfolgsstory des 20. Jahrhunderts, nicht ein schlimmes Ende im 21. Jahrhundert nimmt. Ein bankrottes Griechenland und ein zerrissenes Europa können wir uns nicht leisten.
Herzlichst
Ihr Andreas Hoffmann


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