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Kommentar

Griechenland-Krise: Wer für den Grexit ist, kann gleich Trump wählen

Die Griechenlandkrise ist zurück und wieder denken viele an einen Grexit. Doch wer den Ausstieg Athens für sinnvoll hält, kann auch gleich Donald Trump wählen. Der Chaos-Präsident würde sich am meisten über eine neue Eurokrise freuen. 

Grexit

Griechenland steckt weiter in der Krise. Ein Grexit wäre jedoch der falsche Weg.

Ich habe neulich wieder etwas von Christian Lindner gehört. Christian - wer? Keine Sorge, den Namen müssen Sie nicht kennen. Lindner ist ein jugendlicher Mann, mit blonden Haaren, der im Fernsehen rumsitzt. Äußerlich ähnelt er ein wenig dem Schauspieler Jude Law; innerlich hält er sich für einen Großdenker, der oft grundsätzlich wird. Er ist eher ein Bonsai-Philosoph für die Talkshow-Welt.

Der Mann hat einen schweren Job. Er muss eine traditionsreiche Partei sanieren. Eine Partei, die Politik-Denkmäler versammelte, wie Walter Scheel oder Hans-Dietrich Genscher. Die FDP. Und weil er ständig nach Aufmerksamkeit sucht, hat er ein Interview gegeben und verlangte, dass die Griechen aus dem Euro austreten sollten. Der Grexit wäre eine "Chance", ein "Neustart" für die Griechen. Ich dachte: "Wow". Endlich reden wir mal nicht über Donald Trump, Martin Schulz oder die AfD. Endlich widmen wir uns dem Evergreen "Griechen raus!"

Nur wo liegt eigentlich die Chance?

Die Kurz-Version lautet: Die Griechen kosten uns ein Vermögen. Haut sie endlich weg. "Besser ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende." So denken vermutlich viele Menschen. Nur: Sie irren. Es ist wie mit einem Misthaufen. Den umschwirren auch viele Fliegen, doch aus dem Misthaufen wird deshalb kein Gold. Es bleibt Mist.

Kein deutsches Steuergeld nach Athen

Der Fehler beginnt schon damit, dass "wir Deutschen" vermeintlich viele Lastwagen, gefüllt mit Banknoten, nach Athen geschickt haben. Das haben wir nicht. Wir haben nur gebürgt, damit Geldgeber rund um die Welt, also reiche Araber, Pensionsfonds und sonstige Milliardäre, den Griechen Kredit geben. Wir waren nicht die einzigen Bürgen, Franzosen, oder Luxemburger und viele andere Euro-Staaten sprangen bei. Das ist das Prinzip der Euro-Rettung, auch Europäischer Stablitätsmechanismus genannt, für die Freunde des Fachworts. Aus dem deutschen Steuersäckel floss bislang kaum ein Euro nach Athen, auch wenn das keiner glaubt. Das ist auch das Problem des Lindner-Plans.

Weil wir nur gebürgt haben, haben wir wenig Geld verloren. Noch. Doch das ändert sich, wenn die Griechen austreten. Dann wird es teuer. Die Bürgschaften werden fällig, ein Großteil der 250 Milliarden an Rettungskrediten wäre futsch und dutzende Milliarden Euro Spezialdarlehen der Europäischen Zentralbank, sogenannte Targetkredite, ebenfalls. Warum?

Ihre bisherigen Schulden müssten die Griechen in einer neuen Währung zurückzahlen, vielleicht einer Art Drachme. Doch mit dieser neue Drachme könnte man viel weniger kaufen als mit dem Euro. Man muss sich das so vorstellen: Die heutigen Schulden wirken so, als hätte Alexis Tsipras an jeden seiner elf Millionen Bürger eine Bleiweste verteilt. Bei einem Grexit bekäme jeder Bürger weitere drei Bleiwesten.

Grexit würde Investitionen ausbremsen

Die Preise würde immens steigen, vermutlich um 30, 40 Prozent, weil nun Waren teuer importiert werden. Noch weniger Unternehmer als heute würden investieren, weil die neue Währung wenig wert ist. Noch mehr Leute würden auswandern, wobei die Krise schon 500.000 Griechen vertrieben hat. Diese Last würde das Land zusammenbrechen lassen. Ich glaube auch nicht, dass die Griechen mit einer eigenen Währung besser dastehen. Viele Experten sagen ja, dass sie die neue Drachme abwerten und so ihre Waren billiger auf den Weltmärkten verkaufen können.

Nur was haben die Griechen anzubieten? USA, China, Indien gieren nach deutschen Waren, nach Autos, Maschinen oder Industrieprodukten. Kennen Sie ein griechisches Auto, dass so gut läuft wie ein Daimler, BMW oder VW? Oder eine Motorsäge, die so beliebt ist wie die von Stihl? Oder wenigstens ein paar griechische Sportschuhe, die mit Adidas konkurrieren können? Was die Griechen vor allem exportieren sind Nahrungsmittel. Aber versetzen Sie sich in einen Unternehmer in China. Wenn der deutsche Maschinen für seine Fabrik braucht, dann kauft der keinen Fetakäse, weil der etwas billiger geworden ist.

Griechenland und die Flüchtlingskrise

Und wie steht es um die politischen Folgen des Grexits? Griechenland liegt im Südosten Europa, muss sich um viele Flüchtlinge kümmern und grenzt an die Türkei, die sich gerade in eine Autokratie verwandelt. Können wir uns in dieser Ecke einen "failed state" leisten? Und wird nicht nach dem Ausstieg debattiert werden, welches Land folgt. Portugal? Spanien? Italien oder gar Frankreich?

Den Brexit zu bewältigen wird für die Europäer schwer genug, ein Austritt Athens würde die Europäische Union endgültig zerreißen. Wie gesagt: Der Grexit hilft uns nicht, er hilft den Griechen nicht, und er hilft Europa nicht. Den einzigen, den er hilft, sind die Herren Putin und Trump. Sie können sagen: Das reiche Europa kann nicht mal die armen Griechen retten. Europa ist im Arsch. Wer das als "Chance" sieht, der hält auch Selbstmord für einen geeigneten Weg den Tod zu besiegen. Ich will noch eine Weile leben.

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