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Geplanter Rückkehr zur Drachme: Ein "Putsch"-Plan so realitätsfern wie Varoufakis selbst

Was wäre gewesen, wenn Griechenland keine weiteren Milliarden bekommen hätten? Für den Fall wollte der frühere Finanzminister Yanis Varoufakis die Drachme durch einen Trick wiedereinführen - ein Plan so kühn wie abstrus.

Von Andreas Petzold

Varoufakis im Athener Parlament

Was plant er denn da? Varoufakis' Vorhaben einer Wiedereinführung der Drachme war realitätsfern

Yanis Varoufakis hat aus Griechenland ein Narrenschiff gemacht. Die Erleichterung darüber, dass er von Bord gegangen ist, war zuletzt auch im Land selbst zu spüren. Denn die Athener Zeitung "Kathimerini" enthüllte, dass der Ex-Finanzminister einen geheimen Grexit-Plan entwickelt hatte. Es geht um den Aufbau eines parallelen, elektronischen Zahlungssystems, das die Übergangsphase bis zur Wiedereinführung der Drachme absichern sollte. Dies alles für den Fall, dass es keine Einigung mit den Kreditgebern gegeben hätte, die Banken geschlossen  und Bankautomaten stillgelegt worden wären.


Das von Varoufakis erdachte Bypass-System hätte sich an die Steuernummern der Bürger angedockt und elektronischen Zahlungsverkehr zwischen Staat, Steuerzahlern und griechischen Firmen möglich gemacht, alles weiterhin nominell in Euro. Auch Pensionen und Gehälter hätte der Staat auf diesem Weg überwiesen, quasi als digitale Schuldscheine. Soweit die Theorie.

Mit diesem Plan B wollte der neue Star der linken Gesellschaftskritik Griechenland in eine neue Drachme-Zeit führen. Eine abenteuerliche Vorstellung die zeigt, wie realitätsfern der Theoretiker Varoufakis agierte! Es ist ungefähr so, als wenn ein Apotheker die Formel für ein neues Krebsmedikament auf ein Blatt Papier kritzelt, es abends anmischt und am nächsten Morgen verabreicht.

Schuldschein-Vorbild Kalifornien

Varoufakis und sein kleines fünfköpfiges Team hatten sich von einem ähnlichen Experiment 2009 in Kalifornien inspirieren lassen. Der US-Bundesstaat war kurz nach der Lehman-Pleite zahlungsunfähig und gab vorübergehend Schuldscheine aus. Allerdings taugt dieses Modell für Griechenland schon aus zwei Gründen nicht: Kalifornien zahlte für jeden Schuldschein-Dollar 3,75 Prozent Zinsen, so dass auch Geschäftsbanken die Ersatzwährung gerne annahmen und in Dollar eintauschten. Das sah der Varoufakis-Plan natürlich nicht vor. Außerdem konnte jeder Kalifornier sicher sein, dass er nach ein paar Monaten wieder harte Dollar für seine Schuldscheine bekommen würde und keine butterweiche Kellerwährung. Deshalb wurden die Schuldscheine fast überall ohne Abschläge genommen.

In Griechenland hingegen wäre allen klar gewesen, dass die digitalen Schuldscheine als Drachme-Vorläufer dienen. Entsprechend wären sie von Dritten nur mit hohen Abschlägen akzeptiert worden, die Abwertung der Drachme wäre damit vorweg genommen worden. Importe hätten sich damit nicht bezahlen lassen. Nur ihre Steuern hätten die Griechen mit dem vollen Nominalwert begleichen können. Umwandlung der elektronischen Währung in Bargeld? Ausgeschlossen. Das wirtschaftliche Chaos wäre programmiert gewesen, denn kein Grieche wäre mehr an seine Euro in den Geschäftsbanken gekommen. Irgendwann vielleicht, aber bis dahin hätten sich die schönen Euro in Drachme verwandelt und im Wert halbiert.

Software des eigenen Ministeriums gehackt

Seinen abstrusen Kamikaze-Plan hätte Varoufakis allerdings nur umsetzen können, wenn er gefahrlos und verdeckt an die Steuernummern der Griechen gekommen wäre. Zu diesem Zweck engagierte er einen alten Kumpel von der Columbia University und beauftragte ihn, die Software mit den Steuernummern zu hacken - auf Rechnern im Haushaltsbüro (“General Secretariat of Public Revenues”) seines eigenen Finanzministeriums. Warum? Auch dafür gab er eine kuriose Begründung. Die Software sei nicht unter Kontrolle seines Ministeriums, sondern "vollkommen und direkt unter Kontrolle der Troika".

Wenn man sich in Brüssel und der europäischen Zentralbank in Frankfurt ein wenig umhört, stellt man sehr schnell fest, dass diese Behauptung wieder eine typische Varoufakis-Blase ist: "Kontrolle über die Software? Das ist natürlich Quatsch", amüsiert sich ein Beamter, "dann hätten wir ja im letzten halben Jahr immer genau gewusst, über wie viel Geld Griechenland verfügt. Leider war das nicht so…" Es ging dem Finanzminister wohl eher darum, an der Abteilungsleiterin seines Haushaltsbüros vorbei zu operieren. Sie verfügt über gute Kontakte nach Brüssel.

Glauben an den Finanzminister verloren

Es bestand für Varoufakis also die Gefahr, dass die Kreditgeber von seinem Ausstiegsmanöver erfahren hätten - vermutlich mit schwerwiegenden Folgen für die laufenden Verhandlungen. Und eine Welle der Empörung wäre durch Griechenland geschwappt. Diesen Aufschrei gab es nun am vergangenen Wochenende. Oppositionsparteien fordern Aufklärung, und die Mehrheit der Griechen, die nach wie vor in der Eurozone bleiben möchte, atmet auf.

Am Ende war es Ministerpräsident Alexis Tsipras zu verdanken, dass den Griechen diese ökonomische Nahtod- Erfahrung erspart geblieben ist. Er verlor den Glauben an den Plan seines Finanzministers und steuert sein Land weiterhin auf Euro-Kurs.