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"Die Welt verstehen" - stern-Reporter erklären Hat Varoufakis noch was zu sagen?


Gianis Varoufakis bleibt weiter griechischer Finanzminister. Aber er wird nicht mehr allein über das Rettungspaket verhandeln. Es heißt, er sei entmachtet worden - doch davon kann kaum die Rede sein.
Von Raphael Geiger, Athen

Eine "schleichende Entmachtung" bemerkte "Spiegel Online", eine "heimliche Entmachtung" das "Handelsblatt" und von einem "Misstrauensbeweis, der einer Entlassung gleichkommt" die "Süddeutsche Zeitung".

Was war geschehen?

Beim letzten Treffen der Eurogruppe in Riga war die Stimmung schlecht zwischen Varoufakis und seinen 18 Kollegen, den übrigen Finanzministern. Der Grieche, heißt es, habe wieder allgemeine Vorträge gehalten, er sei belehrend gewesen und uneinsichtig. Manche Minister sollen sich während der Konferenz die Ohren zugehalten haben. Andere attackierten Varoufakis so hart, dass der nicht zum anschließenden Abendessen erschien.

Am Montagabend trafen sich bei Varoufakis, im 6. Stock des Athener Finanzministeriums, mehrere Männer. Darunter Vize-Premier Gianis Dragasakis, den man als das Gegenteil von Varoufakis betrachten kann: erfahren, pragmatisch, leise.

Als also Dragasakis um 19.46 Uhr den Aufzug nach unten nimmt, sagt er nur ein paar Sätze. Ab jetzt werde ein Regierungskomitee alle Stimmen vereinen, die bisher mit Brüssel verhandelten. Aufsicht über das Komitee habe Varoufakis, koordinieren werde sie aber der Vize-Außenminister. Manche Journalisten folgern daraus, Premier Alexis Tsipras stelle Varoufakis einen "Aufpasser" zur Seite.

Vize-Außenminister wird angeblich Aufpasser

Dann kommt heraus, dass ein Vertrauter von Dragasakis einen Vertrauten von Varoufakis als Verhandlungsführer in der "Euro Working Group" ablöst - dem Gremium der europäischen Staatssekretäre, das den Ministern zuarbeitet. Der Varoufakis-Vertraute bleibt aber in seiner Position im Finanzministerium und soll sich ab jetzt darum kümmern, dass die griechische Wirtschaft wieder wächst.

Kurzum: Ein Technokrat wird ausgetauscht, der Ausgetauschte bleibt im Team. Der Vize-Außenminister wird angeblich zu Varoufakis' Aufpasser, dabei begleitete er Varoufakis schon auf dessen erster Reise als Minister Anfang Februar - seitdem arbeiten die beiden zusammen.

Varoufakis wichtig für Partei

Es sind nur Nuancen, die sich am Montag veränderten. Nuancen, mit denen Premier Tsipras guten Willen zeigen möchte. Er schwächt Varoufakis ein bisschen, nicht sehr. Varoufakis, am Montag wie am Dienstag Finanzminister, wird auch weiter mit seinen Ministerkollegen verhandeln. Er ist wichtig für die Partei, Syriza, er ist bei den Griechen noch immer beliebt, und er ist seit Jahren mit Tsipras befreundet.

Varoufakis verschwindet also nicht einfach so. Und selbst wenn er es täte, das Problem wäre damit auch nicht gelöst. Andere Syriza-Vertreter sind vielleicht nicht so eitel wie Varoufakis, aber in der Sache ebenso hart. Mit einem von ihnen zu verhandeln, wäre für die europäischen Finanzminister ebenso unangenehm. Aber dazu müsste Varoufakis ohnehin erst einmal entmachtet werden.


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