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Griechenland in Geldnot: Ministerpräsident Tsipras stellt Varoufakis kalt

Griechenlands Ministerpräsident Alexis Tsipras zieht die Reißleine: Finanzminister Yanis Varoufakis wird nicht mehr mit den Geldgebern verhandeln. Es ist nicht sein einziges Zugeständnis an den IWF.

Angesichts der immer dramatischer werdenden Situation macht Griechenlands Ministerpräsident Alexis Tsipras die Finanzen offenbar zur Chefsache. Griechische Medien gehen davon aus, dass Finanzminister Yanis Varoufakis schrittweise als Hauptakteur von den Verhandlungen abgezogen wird.

Tsipras beschloss zwar, Varoufakis zu halten, er ordnete aber auch wichtige Änderungen in der Expertengruppe an, die sich um eine Einigung mit den Geldgebern bemüht. So wurde der Chefunterhändler Athens bei den Verhandlungen mit den Geldgeber ausgetauscht. Varoufakis enger Mitarbeiter Nikos Theocharakis wird durch den erfahrenen Finanzexperten Nikos Chouliarakis ersetzt. Er hatte in den vergangenen Jahren eng mit der Troika kooperiert. "Alle atmen (vor Erleichterung) tief aus, wenn sie Chouliarakis als griechischen Vertreter sehen", sagt ein Beamter des griechischen Finanzministeriums, der an den Verhandlungen seit Jahren teilnimmt.

Vorangegangen war ein Treffen der Eurogruppe im lettischen Riga, bei dem die Finanzminister des Eurolandes keinen Hehl daraus machten, was sie von Varoufakis halten. Er führe das Land wie ein "Zocker" in die falsche Richtung, sollen ihm seine Kollegen vorgehalten haben. "Sie (die Geldgeber) wollen Varoufakis Kopf", titelte am Montag die Athener Zeitung "Ta Nea". Mit einer Absetzung des Finanzministers rechnen die griechischen Medien jedoch nicht.

Die Lage im Land droht außer Kontrolle zu geraten und die Geldgeber schließen einen Zusammenbruch Griechenlands hinter vorgehaltener Hand nicht mehr aus. Tsipras hat wohl verstanden, dass Griechenland nicht mehr zu retten ist, wenn er nicht mehrere seiner Wahlversprechen aufgibt. Gerüchte machten am Montag in Athen die Runde, wonach der Ministerpräsident angeblich bereit sei, Renten zu kürzen, Privatisierungen zu beschleunigen, die Mehrwertsteuer vor allem auf den Jet-Set-Inseln wie Mykonos und Santorin sowie in Luxushotels zu erhöhen. Diese Schritte sollten nun bald den Geldgebern präsentiert werden.

Tsipras in der Zwickmühle

"Wir müssen eine Lösung bis spätestens Mitte Mai haben", sagte der parlamentarische Vertreter der Regierungspartei Syriza, Nikos Filis, im griechischen Rundfunk. Am 11. Mai will die Eurogruppe erneut das leidige Thema Griechenland erörtern.

Auslöser der Wende Tsipras könnten zwei Telefonate am späten Sonntagnachmittag gewesen sein. Er sprach mit Bundeskanzlerin Angela Merkel sowie Eurogruppenchef Jeroen Dijsselbloem. Dann gab es ein Treffen mit Varoufakis.

Allerdings ändert der neue Verhandlungsführer nichts an Tsipras Dilemma. Denn er steht weiter vor Entscheidungen, die zu dramatischen Entwicklungen führen könnten. Stimmt er harten Maßnahmen wie Rentenkürzungen nicht zu, wird Griechenland bald zahlungsunfähig sein. Unterstützt er harte Sparmaßnahmen, kommt er auf Konfrontationskurs zum radikalen Flügel seiner Partei, in dem sogar mit dem Abschied vom Euro geliebäugelt wird. Der linke Flügel ist stark. Ihm gehören Schätzungen zufolge mehr als 30 der 149 Abgeordneten seiner Partei an. Das "große Zittern" wird kommen, wenn Tsipras etwa über Rentenkürzungen im Parlament abstimmen lassen muss, meint ein EU-Diplomat.

Funktionäre und Berater schlagen Tsipras eine Notlösung vor: In diesem Fall solle das Volk mit einem Referendum entscheiden, was er machen soll.

tkr/Takis Tsafos, DPA / DPA