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Kommentar

Europäische Union: Das Ende der Griechenlandhilfe zeigt: Europa lebt!

Mit dem Ende des Hilfsprogramms für Griechenland beweist die Europäische Union, dass sie Krisen überwinden kann. Es dauert, aber es funktioniert. Eine Bilanz.

Griechische Flagge und und EU-Fahne vor dem Parlamentsgebäude in Athen

Eine griechische Flagge und und eine EU-Fahne vor dem Parlamentsgebäude in Athen

DPA

Es gibt dieses Zitat von dem alten Haudegen Sylvester Stallone. In einem Film spielt er einen Boxer, der ständig einen auf die Nase bekommt, aber immer wieder aufsteht, und irgendwann sagt dieser Rocky Balboa alias Sylvester Stallone: "Es ist erst vorbei, wenn es vorbei ist."

Vorbei, wenn es vorbei ist. Was für ein Nonsens. Eigentlich. Aber auch wahr, weil keiner genau weiß, wann eine Durststrecke tatsächlich beendet ist. Wobei man sofort bei Griechenland ist. Wenn der Bundestag am Freitag seinen Segen gibt, ist das griechische Drama beendet. Nun ja, vorerst. Ende August läuft das dritte Hilfsprogramm aus, fortan will Griechenland allein klarkommen, und damit das klappt, soll das Land statt 2023 erst im Jahr 2033 damit beginnen, Kredite zurückzuzahlen. Zusätzlich fließen 15 Milliarden für Notfälle.

Ist damit die griechische Krise vorbei, weil sie vorbei ist? Nö. Das Ende ist noch nicht erreicht, nur der Anfang vom Ende. Die griechische Wirtschaft wächst zwar, die Arbeitslosigkeit sinkt leicht, und einiges hat der linke Regierungschef Alexis Tsipras tatsächlich umgekrempelt. Selbst die Finanzmärkte mögen das Land wieder, internationale Investoren tun etwas, was sie lange nicht verabscheuten: Sie kaufen griechische Staatsanleihen.

Einen Job zu finden, ist so wahrscheinlich wie ein Lottogewinn

Wenig Fortschritt erleben hingegen die Menschen zwischen Athen und Thessaloniki. Über 300.000 junge Leute sind ausgewandert, viele verdienen nur noch so viel wie im Jahr 2003, oft können sie Rechnungen und Miete nicht bezahlen, und einen Job zu finden, ist so wahrscheinlich wie ein Lottogewinn.  

Schnell wird sich die Lage auch nicht bessern. Die Geldgeber verlangen für die Zukunft Unmögliches. In den nächsten 40 (!) Jahren sollen die diversen Regierungen streng sparen und hohe Primärüberschüsse erwirtschaften. Über 40 Jahre lang sollen im Staatstopf - nach Abzug aller Ausgaben und bevor Kredite bedient werden - noch ein Plus von 2,2 Prozent der Einnahmen übrig bleiben. Das ist Irrsinn. In 40 Jahren kann sich die Welt ziemlich verändern. Doch die Geldgeber wollten Athen keinen größeren Nachlass bei den Schulden gönnen. Sie hatten Angst vor den Wählern daheim.   

Der Schlamassel mit den Griechen hätte sich vermeiden lassen können. Angela Merkel hätte nur etwas mehr von dem Gespür eines Helmut Kohl oder Gerhard Schröder besitzen müssen. Beide wussten, in Sachen Europa muss Deutschland manchmal zurückstecken. Wir sind das größte Land, haben die meisten Einwohner und die mächtigste Wirtschaft. Da darf nicht der Eindruck entstehen, als wollte Berlin den Kontinent mit dem Rechenschieber regieren. Heute inszeniert sich Merkel als glühende Europäerin, doch als die Griechenlandkrise 2009 ausbrach, dachte sie vor allem an die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen. Hilfe für Athen? Bloß nicht.

Angela Merkel hätte früher Hilfe signalisieren müssen

Die Wahl in Düsseldorf ging verloren, die Milliarden flossen dennoch. Viel mehr als nötig gewesen wäre, hätte Merkel früh Hilfe signalisiert. Die internationalen Anleger hatten nämlich den Euro als Einheit gesehen, als ein Bündnis, in dem sich die Staaten bei Krisen gegenseitig stützen. Jetzt sahen sie einen Hühnerhaufen – und spekulierten gegen die Währung.

Merkel machte noch einen zweiten Fehler. Sie fachte das Misstrauen weiter an. Als sie im Herbst 2010 mit dem damaligen französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy am Strand von Deauville spazierte, entschieden sie die privaten Gläubiger zur Kasse zur bitten. Das gefiel Wählern und manchen Ökonomen, aber nicht den internationalen Investoren. Sie stellten fest: Die Europäer sind sich nicht nur uneinig, sie wollen auch an mein Geld. Jeder Anleger, der europäische Staatsanleihen kaufte, hörte nun die Botschaft: "Eines schönen Tages ist Dein Geld futsch." So zogen die internationalen Anleger Milliarden ab und die Spekulationswelle gegen den Euro türmte sich immer höher. Erst der Chef der Europäischen Zentralbank Mario Draghi sorgte für Ruhe, als er ankündigte, "alles, was nötig wäre" zu tun, um den Euro zu retten. Damit bannte er die Gefahren; gedankt hat ihm das in Deutschland kaum jemand. Im Gegenteil. Bei vielen ist er verhasst.  

Nicht nur Merkel machte Fehler. Auch die Griechen. Klar, sie hatten in den guten Jahren zwischen 2000 und 2008 viele Schulden angehäuft, aber das war nicht das eigentliche Problem. Als die Krise ausbrach, wollten sie tricksen. Sie sagten Reformen zu, um sie dann auszuhebeln und glaubten, die Europäer würden ihre Spielchen nicht durchschauen. Ob in Athen ein Sozialdemokrat, ein Konservativer oder ein Linker regierte, war egal, jede Regierung versuchte zu täuschen, und in Brüssel, Berlin, Paris, Rom dachten sie: "Den Griechen kann man nicht trauen."

Euro war nicht der Klebstoff, der Europa verbindet

Wären sie cleverer gewesen, etwa wie Iren, Portugiesen oder Spanien, die auch unter der Eurokrise litten, hätten sie sich viel Leid erspart. Diese Staaten verabschiedeten ein paar Reformen, kürzten moderat die Ausgaben, sagten aber den Geldgebern vor allem: "Wir haben verstanden." Sie wachsen heute schneller als Deutschland.

Was bleibt nach acht Jahren Griechenlandrettung? Zuallererst: Der Euro war nicht der Klebstoff, der Europa verbindet wie viele gehofft haben. Der Euro hat den Kontinent tief gespalten, zwischen Norden und Süden, zwischen Osten und Westen. Das ist die schlechte Nachricht.

Es gibt auch eine gute. Die Staats- und Regierungschefs haben sich nicht unterkriegen lassen. Wie oft wurde der Ausstieg der Griechen vorhergesagt, wie oft der Euro und die EU totgesagt. Europa aber lebt. Sicher, es sieht ramponiert aus, ist umringt von Irren wie Trump und Autokraten wie Putin und Erdogan, und selbst in der EU marschieren nationale Populisten voran. Für jeden, dem Freiheitsrechte und Minderheitenschutz nicht völlig schnuppe sind, ist das keine schöne Aussicht. Das Ende der Griechenlandhilfe zeigt aber auch: Krisen lassen sich überwinden. Man braucht Zeit und Geduld, muss verhandeln, aber es geht. Das Beste, was dem Land  passieren kann, ist, dass es zur Ruhe kommt und aus den Schlagzeilen verschwindet. Nur dann finden Anleger und Unternehmer wieder Vertrauen und investieren. 

Es gibt ein Lied des Panik-Rockers Udo Lindenberg, in dem er das Auf und Ab des Lebens beschreibt, und wie man Krisen überwindet. Am Ende sagt er lapidar: "Selbst der härteste Scheiß geht irgendwann wieder vorbei." So ist es.