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Griechenlands Finanzminister in TV-Talk: Der schlimmste Finger bei Jauch war nicht Varoufakis

Yanis Varoufakis zeigt Deutschland den Stinkefinger: Fälschung oder echt? Ein Video aus der Show von Günther Jauch sorgt für mächtig Wirbel. Dabei saß in der Sendung ein viel schlimmerer Finger.

Von Marc Drewello

Varoufakis wehrt sich gegen Vorwürfe, er habe Deutschland per Geste beleidigt. Doch nicht seine Glaubwürdigkeit ist das Problem, sondern die von Günther Jauch - hier inmitten seiner Gäste Ernst Elitz, Ulrike Hermann und Markus Söder.

Varoufakis wehrt sich gegen Vorwürfe, er habe Deutschland per Geste beleidigt. Doch nicht seine Glaubwürdigkeit ist das Problem, sondern die von Günther Jauch - hier inmitten seiner Gäste Ernst Elitz, Ulrike Hermann und Markus Söder.

Große Aufregung nach der Talksendung von "Günther Jauch": Ein Einspieler in der ARD-Show am Sonntagabend zeigte, wie Griechenlands Finanzminister Yanis Varoufakis Deutschland den Stinkefinger entgegenstreckt. Die Sendung ist in der Mediathek des Senders abrufbar. Ab der 24. Minute ist darin der Clip zu sehen, in dessen Verlauf Varoufakis die beleidigende Geste macht.

Der Grieche reagierte empört auf den Einspieler. Das Video sei manipuliert, der ausgestreckte Finger hineinmontiert worden. "Ich habe noch niemals den Stinkefinger gezeigt", behauptete Varoufakis. Er schäme sich, Teil einer Sendung zu sein, die so ein Video zeige, auch wenn Jauch sicher nicht gewusst habe, dass es eine Fälschung sei.

Günther Jauch war von dem Fälschungsvorwurf sichtlich überrascht. Seine Produktionsfirma erklärte, sie werde die Echtheit des Films prüfen lassen und präsentierte bereits am Montagvormittag ein erstes Zwischenergebnis: "Nach bisherigem Kenntnisstand kann die Redaktion von 'Günther Jauch' keinerlei Anzeichen von Manipulation oder Fälschung in dem während der Live-Sendung gezeigten Video feststellen", heißt es darin. Die Prüfung durch mehrere Netzexperten dauere aber noch an.

In der Tat wirkt der Clip mit der obszönen Geste, der auch auf Youtube veröffentlicht ist, ziemlich authentisch. Varoufakis' ausgestreckter Mittelfinger passt perfekt zu seinen Worten und seine Worte passen perfekt zu seinen Lippenbewegungen. Doch auch wenn Jauch keine Fälschung gezeigt hat, gibt es jede Menge Grund, sich zu schämen. Für Varoufakis wegen der Beleidigung, aber vor allem für Jauch, wegen seiner manipulativen Vorgehensweise. Denn die ist der eigentliche Skandal.

Das umstrittene Video zeigt Varoufakis bei einem Vortrag auf einer Konferenz in Zagreb im Jahr 2013 - also lange bevor er griechischer Finanzminister wurde. Er erklärt darin einem Zuschauer, der ihn danach gefragt hat, seine Haltung zu Beginn der Eurokrise im Januar 2010.

Damals

, also

im Januar 2010,

sei sein Vorschlag gewesen, so Varoufakis: "Dass Griechenland einfach verkünden sollte, dass es zahlungsunfähig wird - so wie Argentinien es gemacht hat - innerhalb des Euro im Jahr 2010, und Deutschland den Mittelfinger zeigen und sagen sollte: Nun, ihr könnt dieses Problem jetzt alleine lösen."

Günther Jauch erweckte dagegen bewusst den Eindruck, als spräche Varoufakis von der Gegenwart. "Kein Land hat ja mehr Milliarden an Griechenland gegeben als Deutschland", leitete der Moderator den Einspieler ein. "Aber umso mehr sind die Deutschen zuweilen irritiert, in welcher Art grade Sie auch gegenüber unserem Land aufgetreten sind."

Dann folgten Bilder von Varoufakis unter anderem in Lederjacke, mit Musik im Ohr und auf einem Motorrad, kommentiert von einem Sprecher im Stil einer RTL-Doku-Soap. Und schließlich der Teil mit dem Stinkefinger, gekürzt und unterbrochen vom Sprecher und mit der gut viersekündigen Einblendung "

Mai 2013

" versehen:

Sprecher:

"Varoufakis will den Griechen neues Selbstvertrauen geben ..."

Varoufakis (deutsche Untertitel):

"Griechenland sollte einfach verkünden, dass es nicht mehr zahlen kann ..."

Sprecher:

"... und steht für klare Botschaften, besonders an Deutschland ..."

Varoufakis:

"... und Deutschland den Finger zeigen und sagen: Jetzt könnt ihr das Problem alleine lösen."

Nach dem Ende des Einspielers sagte Jauch zu Varoufakis: "Der Stinkefinger für Deutschland. Herr Minister, die Deutschen zahlen am meisten und werden dafür mit Abstand am stärksten kritisiert. Wie passt das zusammen?"

Damit brachte der Moderator die Geste von Varoufakis, die sich weder auf jetzt noch auf Mai 2013, sondern

auf Januar 2010

bezog, in direkten Zusammenhang mit den Milliarden an Hilfsgeldern, die in den letzten Jahren von Deutschland nach Griechenland geflossen sind und erweckte den Eindruck extremer Undankbarkeit Athens. Dabei hatte Griechenland

im Januar 2010

noch nicht einmal Finanzhilfe von der EU beantragt.

NDR-Chefredakteur Andreas Cichowicz räumte später auf Twitter immerhin ein, dass der Hinweis, Varoufakis habe sich auf 2010 bezogen, nötig gewesen wäre:

Das war's dann aber auch in Sachen Selbstkritik aufseiten des Programmverantwortlichen. Nach dem Posting beschäftigte sich Cichowicz auf Twitter leider nur noch mit der Frage: Ist das Stinkefinger-Video echt oder nicht? Das fragwürdige Vorgehen von Günther Jauch und seiner Redaktion ist ihm keine Zeile mehr wert.

Und der Moderator selbst? Der schweigt bislang zu allem. Vielleicht sollte er das künftig öfter tun. Denn wenn man den Mund aufmacht, sollte man besser auch wissen, wovon man redet. Dass das bei Günther Jauch nicht immer der Fall ist, bewies er bereits mit seinem ersten Satz in der Sendung: "Manche sehen in Varoufakis den italienischen Bruce Willis."

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