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Ticketgeschäft und Corona Eventim-Chef: "Ich kann verstehen, dass die Kunden wütend sind"

Klaus-Peter Schulenberg ist Gründer und Vorstandsvorsitzender von Eventim
Klaus-Peter Schulenberg ist Gründer und Vorstandsvorsitzender von Eventim
© DPA/Eventim
Konzerte fallen wegen Corona aus und die Fans bleiben auf den Kosten sitzen. Klaus-Peter Schulenberg, Chef des Ticketgiganten Eventim, spricht im stern-Interview über die schwierige Lage der Veranstaltungsbranche. Und erklärt, warum er Gutscheine für eine faire Lösung hält.

Deutschland fährt wieder hoch, doch auf volle Konzerte und Festivals müssen Fans noch lange verzichten. Bis Ende August sind alle Großveranstaltungen abgesagt – und wann es überhaupt wieder losgeht, ist derzeit nicht absehbar. Um die Veranstalter vor dem Ruin zu retten, plant die Bundesregierung ein Gesetz für eine Gutscheinlösung statt einer Erstattung des Ticketpreises. Für diese macht sich auch Klaus-Peter Schulenberg, Gründer und Chef des Ticketgiganten Eventim, stark. Eventim dominiert mit einem Umsatz von 1,2 Milliarden Euro den Ticketvertrieb in Deutschland und anderen europäischen Ländern. Sein Ticketimperium brachte Schulenberg laut Forbes ein Vermögen von mehr als zwei Milliarden Euro ein.

Herr Schulenberg, Musikfans steht ein harter Sommer bevor. Sie müssen auf Konzerte und Festivals verzichten und bekommen derzeit noch nicht einmal das Geld für ihre teils teuren Tickets zurückerstattet. Können Sie verstehen, dass viele Ihrer Kunden wütend sind?

Natürlich kann ich das verstehen. Der Kunde hat Geld bezahlt und bekommt jetzt die Leistung nicht oder zumindest nicht zu dem verabredeten Termin.

Mit den Künstlern fühlen viele Fans noch mit, aber mit einem Konzern wie Eventim haben sie weniger Nachsicht. Bei Facebook gibt es Protestgruppen wie "Wir wehren uns gegen Eventim", in denen sich die Nutzer austauschen, wie sie ihr Geld zurückbekommen können.

Wir haben sicher als Eventim versäumt, klarer deutlich zu machen, dass nicht wir das Geld dem Kartenkäufer schulden, sondern die Veranstalter. Wir sind nur der Vermittler, über unsere Plattform werden die Eintrittskarten gekauft und wir leiten die erhaltenen Eintrittsgelder an die Veranstalter weiter. Und der Veranstalter entscheidet, ob die Veranstaltung abgesagt oder ob sie verschoben wird und ob die Karten weiterhin ihre Gültigkeit behalten sollen. Oder aber, wenn das Gutscheingesetz erlassen wird, ob er einen Gutschein statt des Eintrittsgeldes zurück gibt. Das ist nicht die Entscheidung von Eventim.

Machen Sie es sich damit nicht etwas einfach? Sie sind der dominierende Ticketvermittler in Deutschland und treten auch selbst als Veranstalter auf. Die Verbraucherzentrale hat Eventim im April abgemahnt, weil Tickets laut geltendem Recht zurückerstattet werden müssen.

Die Verbraucherzentrale hat den falschen Adressaten abgemahnt, weil wir in den meisten Fällen nicht der Veranstalter sind. Wir sind vielleicht in fünf Prozent der Veranstaltungen, die wir verkaufen, selbst der Veranstalter. Und da wären wir in der Lage, das Geld zurückzuzahlen. Aber wenn alle Veranstalter jetzt die Eintrittsgelder zurückzahlen müssten, glaube ich, dass zwei Drittel von ihnen in Deutschland und Europa in Konkurs gingen. Daher unterstützen wir für die gesamte Branche die von der Bundesregierung angedachte Gutscheinlösung.

Der Gesetzentwurf sieht vor, dass Verbraucher für Tickets, die vor dem 8. März gekauft wurden, einen Gutschein als Entschädigung akzeptieren müssen. Erst wenn dieser bis Ende 2021 nicht eingelöst ist, gibt es das Geld zurück. Ist es fair, dass die Rechte des Kunden hier so beschnitten werden?

Ich finde, das ist zumutbar. Die Veranstalter trifft keine Schuld an den Konzertabsagen. Sie haben sich nicht fehlverhalten.  Es handelt sich um höhere Gewalt. Spätestens am 1. Januar 2022 hätte der Kunde ja das Recht, den Gutschein in Bargeld umzuwandeln. Wir zahlen dann im Übrigen auch die Vorverkaufsgebühr aus. Ich finde, das ist sehr kundenfreundlich. Was nutzt es den Verbrauchern, ein Recht auf sofortige Ticketerstattung zu haben, wenn er im Ergebnis leer ausgeht, weil der Veranstalter insolvent ist? Und für Tickets, die nach dem 8. März gekauft wurden, besteht weiter ein klarer Anspruch des Kunden auf Auszahlung in bar.

Wieviel Vermittlungsgebühren und Eintrittskartengelder müsste Eventim zurückzahlen, wenn die Gutscheinlösung nicht käme und alles in bar erstattet werden muss?

Die Zahl kann ich Ihnen nicht nennen, denn betroffen sind in erster Linie die Veranstalter. Aber allein in Deutschland sind im Zeitraum 15. März bis 31. August 2020 rund 86.000 Veranstaltungen, für die wir Tickets verkauft haben, von Absagen oder Verlegungen betroffen. Europaweit wurden 155.000 Konzerte verschoben.

Inwieweit müssen Sie bei Eventim den Gürtel enger schnallen?

Wir sind in 80 Prozent Kurzarbeit und müssen das auch noch eine Weile bleiben. So reagieren wir auf die aktuelle Situation im Live Entertainment und darauf, dass derzeit keine Veranstaltungen stattfinden dürfen. Wir zahlen in diesem Jahr keine Dividende an die Aktionäre aus und wir werden das als Unternehmen überstehen, gar keine Frage!

Im Fußball unterstützen die großen Vereine die Klubs der 3. Liga finanziell, um deren Überleben zu sichern. Wäre dies für Sie als dominierender Player im Veranstaltungsgeschäft nicht auch der Zeitpunkt, Solidarität mit den kleinen Veranstaltern zu zeigen?

Wir helfen finanziell, wir beraten, bieten technische Lösungen an, setzen uns für die gesamte Veranstaltungsbranche ein, etc. Wir wollen die Vielfalt in der Kultur erhalten und dafür brauchen wir die Veranstalter.

Vieles läuft nach dem Shutdown derzeit wieder an, aber Großveranstaltungen werden als letztes wieder möglich sein. Gibt es Ideen, wie das Veranstaltungsgeschäft trotz Corona wieder losgehen könnte?

Natürlich gibt es eine Vielzahl an bekannten Hygienemaßnahmen, die helfen. Aber dass Besucher mit Masken im Konzert sitzen, kann ich mir nicht vorstellen. Musik lädt ein zum Mitsingen und zum Mitmachen und das wird man auch nicht verhindern können.

Sind Konzerte mit weniger Besuchern eine Alternative?

Nicht wirklich. Wenn wir in einer Konzerthalle mit 10.000 Plätzen nur 1000 Plätze besetzen dürfen, ist das nicht das Erlebnis, das die Konzertbesucher haben wollen. Deswegen sind wir darauf angewiesen, dass es einen Impfstoff gibt oder wirksame Medikamente. Ich glaube, dass wir vorher keine großen Konzerte sehen werden.

Glauben Sie, dass wir im nächsten Jahr wieder Festivals wie "Rock am Ring" sehen werden?

Darauf wette ich, das Leben muss weitergehen.


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