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Extremes Winterwetter: Spardiktat verstärkt Schneechaos

Der Effizienzdruck im Transportsektor hat das Chaos im Bahn-, Luft- und Straßenverkehr drastisch verschärft: Viele Unternehmen sind auf extremes Wetter kaum vorbereitet, weil das teuer ist.

Von Ulf Brychcy, Jennifer Lachmann, Margret Hucko

In weiten Teilen Europas fallen seit Tagen wie in Deutschland viele Flüge und Zugverbindungen aus, es kommt zu unzähligen Verspätungen. In Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz wurden Anfang der Woche wegen vereister Straßen sogar vorübergehend Fahrverbote für Lkw verhängt. Am Dienstag hatte Deutschlands größter Flughafen Frankfurt/Main wieder massive Probleme: Seit dem frühen Morgen stand der komplette Flugbetrieb wegen Schneefalls still, erst gegen 9 Uhr konnten die ersten Maschinen wieder starten und landen.

Mitschuld an den enormen Behinderungen trägt das Spardiktat in der Logistikbranche. Fluglinien wie die Lufthansa takten ihre Pläne so, dass die Flugzeuge möglichst lange in der Luft bleiben. Viele Bahnbetreiber etwa halten aus Kostengründen keine Ersatzzüge vor, die bei harten Wetterbedingungen gebraucht würden. Spediteure verzichten darauf, Winterreifen auf ihre Lkw zu ziehen - dies allein würde bis zu 6000 Euro pro Fahrzeug kosten.

Züge nicht extremwetterfest

Exemplarisch ist die Situation bei der Bahn, die mit den laut Deutschem Wetterdienst (DWD) "außergewöhnlichen Schneehöhen" kaum zurechtkommt. Würden die Deutsche Bahn und ihre Konkurrenten die Züge für einen Einsatz in der jetzigen Extremwetterlage ausrüsten, entstünden erhebliche Mehrkosten.

Nach Angaben des weltgrößten Zugherstellers Bombardier kostet etwa ein Regionalzug, der für den harten Winter in Schweden ausgerüstet ist, rund 15 Prozent mehr als ein vergleichbarer Zug in Deutschland. "Der Mehraufwand entsteht durch eine stärkere Heizung, bessere Isolierung, durch beheizte Kupplungen und Wärmevorhänge", sagte ein Bombardier-Sprecher der "Financial Times Deutschland" (FTD).

Die Deutsche Bahn habe wegen ihres Sparkurses viele Personenwaggons verschrottet, die nun fehlen, sagte Karl-Peter Naumann von Fahrgastverband Pro Bahn. Außerdem erweise sich das Gleisnetz bei Extremsituationen als Problem. Die Bahn habe intern eingeräumt, dass es zu wenig Heizungen an Weichen gebe, so Naumann. Dies führe bei Schnee und Eis zu Betriebsstörungen, die sich als Verspätungen und Zugausfälle rasch auf das gesamte Netz auswirkten.

"Unser Verkehrsträger Bahn muss deutlich besser werden", sagte Dirk Flege, Geschäftsführer der Allianz pro Schiene, zur "FTD". In dem Verband haben sich die Bahnbetreiber organisiert. Vor allem der Marktführer Deutsche Bahn habe nichts aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt, so Flege. Bereits im zurückliegenden Winter, der laut DWD in weiten Landesteilen nicht annähernd so schneereich war, hatte die Bahn erhebliche Betriebsprobleme, etwa bei der Berliner S-Bahn und den ICE-Zügen.

Zu eng getaktete Flugpläne

Auch Airports und Fluggesellschaften unterlassen es aus wirtschaftlichen Gründen, ihre Pläne nach Wetterlagen auszurichten, die nur alle paar Jahre drohen. "Nur in der Luft verdienen die Airlines Geld", sagte Siegfried Niedek von der Berliner Luftfahrt-Akademie. Deshalb sehen die eng getakteten Flugpläne keine Zeitpuffer vor. Dabei kann allein das Enteisen von Flugzeugen bis zu 45 Minuten dauern. Zudem sind die Lagerkapazitäten für Enteisungsmittel auf den Flughäfen begrenzt. Diese Flüssigkeit nimmt viel Platz ein: Pro Einsatz können bis zu 1000 Liter notwendig werden.

Die Unternehmen streiten ab, dass der Sparzwang das Chaos verschärft hat. "Der Kostenblock für die Enteisung ist so gering, aber für den Erfolg des Flughafens so bedeutend, dass wir extrem schlecht beraten wären, hier zu sparen", sagte der Geschäftsführer des Flughafenverbands ADV, Ralph Beisel. "Wir sind angehalten, wirtschaftlich zu arbeiten", sagte ein Lufthansa-Sprecher. Sicherheit und Abläufe stünden aber im Vordergrund.

FTD

Von:

Margret Hucko und Jennifer Lachman