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Schlachterdynastie: Robert Tönnies gegen Onkel Clemens: Wie der Corona-Ausbruch den Familienstreit befeuert

Der massive Corona-Ausbruch bei Tönnies lässt die schwelende Familienfehde in dem Schlachtkonzern eskalieren. Mitgesellschafter Robert Tönnies fordert den Rücktritt der gesamten Führung – inklusive seines Onkels Clemens Tönnies.

Geleaktes Video aus Tönnies-Fleischfabrik

Nun hat es auch Marktführer Tönnies erwischt. Nach diversen Coronavirus-Ausbrüchen in Schlachthöfen der Konkurrenz ist jetzt der größte Fleischkonzern Deutschlands betroffen. Und wie immer bei Tönnies sind die Dimensionen gigantisch. Mehr als 650 infizierte Mitarbeiter verzeichnet Tönnies am Standort Rheda-Wiedenbrück. Die Konsequenz: Nicht nur der Betrieb, in dem sonst 20.000 Schweine pro Tag geschlachtet werden, muss geschlossen werden, sondern auch sämtliche Schulen und Kitas im Kreis Gütersloh.

Robert Tönnies (rechts) liegt im Clinch mit seinem Onkel Clemens. Links dessen Sohn Max

Robert Tönnies (rechts) liegt im Clinch mit seinem Onkel Clemens. Links dessen Sohn Max

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Der Fall lässt nicht nur die Kritik an den Arbeitsbedingungen in der Branche neu aufflammen. Er befeuert auch eine alte Familienfehde innerhalb der Schlachterdynastie. Denn zu den Kritikern des Systems gehört auch Robert Tönnies, dem selbst die Hälfte des Unternehmens gehört. Die andere Hälfte gehört Clemens Tönnies, dem mächtigen Schalke-Boss, der auch im Fleischimperium das Sagen hat.

Robert Tönnies kritisiert Werkverträge

Während Firmenchef Clemens nach dem Ausbruch betonte, die Gesundheit und der Schutz der Mitarbeiter stehe "an erster Stelle", fährt ihm Neffe Robert öffentlich in die Parade. Er sei "schockiert über die hohe Zahl von Corona-Neuinfektionen in unserem Unternehmen", sagt Robert Tönnies in einem eigenen Statement. Die Schuld sieht er eindeutig beim Management um seinen Onkel Clemens Tönnies und den von ihnen verantworteten Arbeitsbedingungen.

"Dass gerade in Schlachtbetrieben die Infektionszahlen weit überdurchschnittlich hoch sind, ist ganz sicher auch dem System der Werkverträge geschuldet; es zwingt viele Arbeiterinnen und Arbeiter in unzumutbare Wohnverhältnisse, die mit einem hohen Ansteckungsrisiko verbunden sind und nur wenig Schutzmöglichkeiten bieten, wenn einmal eine Infektion auftritt", sagt Robert Tönnies. Eine Abschaffung der umstrittenen Werkverträge fordere er bereits seit Langem. "Ich bedaure außerordentlich, dass sie bis heute nicht umgesetzt worden ist, denn das hätte den Menschen Leid erspart und unserem Unternehmen unnötigen Aufwand und Reputationsschaden." 

Das Unternehmen zeigt bislang nicht so viel Selbstkritik. Bei Tönnies geht man davon aus, dass Beschäftigte aus Osteuropa das Virus aus ihren Heimaturlauben mitgebracht haben. Für die rasante Verbreitung in der Belegschaft macht der Konzern nicht die beengte Wohnsituation, sondern die kalten Temperaturen in den Zerlegebetrieben verantwortlich.

Rücktrittsforderung mit langer Vorgeschichte

Doch in einem Brief an die Geschäftsführung geht Robert Tönnies sogar noch weiter – und fordert den Rücktritt der kompletten Führungsriege um Clemens Tönnies. "Aufgrund dieses unverantwortlichen Handelns und der Gefährdung des Unternehmens und der Bevölkerung fordere ich die Geschäftsleitung und die verantwortlichen Beiratsmitglieder auf, die notwendigen Konsequenzen aus ihrem Tun zu ziehen und geschlossen von Ihren Ämtern zurückzutreten", schreibt Robert Tönnies darin, wie das Manager-Magazin und das Westfalen-Blatt berichten. "Die Führung des Unternehmens muss so schnell wie möglich einem erfahrenen und verantwortungsbewussten Krisenmanagement übertragen werden."

Der Angriff von Neffe Robert auf Onkel Clemens hat eine lange Vorgeschichte. Seit Jahren sind die beiden Gesellschafter des Fleischimperiums mit rund sechs Milliarden Euro Umsatz heftig zerstritten. Als Eigentümer sind Neffe und Onkel gleichberechtigt, doch operativ ist Robert Tönnies außen vor.

Nach einem vorübergehenden Friedensschluss 2017 hatten sich die beiden Tönnies im vergangenen Jahr eine Kontroverse um geplante China-Investitionen geliefert. Clemens Tönnies hatte angekündigt, eine halbe Milliarde Euro in China investieren zu wollen, Robert Tönnies ihn als größenwahnsinnig bezeichnet. Die Belegschaft hielt bislang stets zum mächtigen Clemens Tönnies - ebenso wie die Führung seines Lieblingshobbys Schalke 04, wo er 2019 einen Rassismus-Skandal überstand.

Auch auf juristischer Ebene streiten sich die beiden Tönnies seit Jahren. Robert Tönnies, Sohn des 1994 verstorbenen Firmengründers Bernd, versucht derzeit gerichtlich feststellen zu lassen, dass das Verhältnis zu seinem Onkel zerrüttet ist, um einen Verkauf des Unternehmens zu ermöglichen. Die Abschaffung der Werkverträge ist laut Robert Tönnies ein eigener Streitpunkt in der Zerrüttungsklage.

Quellen: Manager-Magazin / Radio Gütersloh / Tönnies-Pressemitteilung