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Pressestimmen

Drei Monate Auszeit: Von "hochnotpeinlich" bis "unerträglich" – vernichtende Urteile nach Tönnies-Entscheidung

Schalke-Boss Clemens Tönnies lässt sein Amt nach seiner  vielfach als rassistisch bewerteten Rede für drei Monate ruhen. Die Konsequenz geht nicht weit genug, meinen die Kommentatoren deutscher Medien. Die Presseschau.

Clemens Tönnies

Die Tönnies-Affäre bei Schalke 04 gerät mehr und mehr zum PR-Desaster: Eine dreimonatige (selbstauferlegte?) Pause im Amt des Aufsichtsratsvorsitzenden – das ist Folge für die vielfach als rassistisch bewertete Äußerung von Schalke-04-Boss Clemens Tönnies. Der Vorwurf des Rassismus sei "unbegründet", lediglich "gegen das in der Vereinssatzung und im Leitbild verankerte Diskriminierungsverbot", habe der Patron der Knappen verstoßen, stellte der Ehrenrat nach seiner Sitzung am Dienstagabend fest. Tönnies' Erklärung sein Amt drei Monate ruhen zu lassen, nahm das Gremium "zustimmend" zur Kenntnis, hieß es weiter.

Der Clubpatriarch und Fleischproduzent Tönnies hatte am Paderborner Tag des Handwerks in seiner Rede gefordert, Kraftwerke in Afrika zu bauen, um der anstehenden Klimakatastrophe entgegenzuwirken. "Dann hören die auf, die Bäume zu fällen, hören auf, wenn's dunkel ist, Kinder zu produzieren", so der 63-Jährige, der damit mannigfach Ressentiments gegen einen ganzen Kontinent schürte.

Die Konsequenz nach der Sitzung des Schalker Ehrenrats: Viel zu milde, meinen viele Schalke-Fans. Und auch in den deutschen Zeitungen und Online-Medien löst die Entscheidung Unverständnis aus.

stern-Redakteur Dieter Hoß meint in seinem Kommentar: "Wer also Rassismus in der Bundesliga beklagt, ob auf dem Platz oder von der Tribüne aus, der darf solche sprachlichen Entgleisungen mit Auszeiten und Denkpausen nicht einfach wegschweigen wollen."

Das sagen die Kommentatoren anderer deutscher Medien zum Fall Clemens Tönnies:

Presseschau zum Fall Clemens Tönnies

"Spiegel Online" (Hamburg): "Der Ehrenrat hält den Vorwurf des Rassismus für 'unbegründet'. Da darf man sich schon erkundigen, was denn noch passieren soll, damit dieses fünfköpfige Gremium mal etwas als rassistisch erachtet. Gekoppelt mit der Frage, ob man auf solche Begriffe wie Ehre angesichts solcher Schiedssprüche im Fußball künftig nicht besser komplett verzichten sollte. (...) Tönnies ist ein wichtiger Mann für den FC Schalke 04, vielleicht ist er der wichtigste. (...) Ihn seines Amts zu entheben, wäre eine sehr schmerzhafte Entscheidung gewesen. Eine Entscheidung, die das bisherige Grundgerüst des FC Schalke erschüttert hätte. Und genau deshalb wäre es auch die richtige Entscheidung gewesen."

"Zeit Online" (Hamburg): "Statt sich von Tönnies zu trennen, lässt der Ehrenrat des Vereins ihn davonkommen. Er muss bloß sein Amt für drei Monate ruhen lassen, danach macht er weiter. Ohne Auflagen sogar, etwa 100 Stunden bei der Flüchtlingshilfe Gelsenkirchen. Noch fataler als dieser Quasifreispruch ist seine Begründung: Tönnies habe zwar gegen das Diskriminierungsverbot verstoßen, doch der Vorwurf des Rassismus sei unbegründet. Das ist so rätselhaft wie unerträglich."

"Kicker" (Nürnberg): "Man kann geteilter Meinung darüber sein, ob das Urteil gerecht ist. Für die einen war nichts anderes als eine Amtsenthebung akzeptabel, die anderen plädierten dafür, Milde walten zu lassen. Wie sich der Ehrenrat nun aus der Affäre gezogen hat, ist allerdings Wischiwaschi. Zumal die Begründung in der Mitteilung des Vereins widersprüchlich klingt: Ein Rassismusvorwurf sei unbegründet, ein Verstoß gegen das in der Vereinssatzung und im Leitbild verankerte Diskriminierungsverbot sei Tönnies aber vorzuwerfen. Aha. (...) Der Aufschrei war und ist groß, nicht nur aus der Welt des Sports, sondern auch aus der Politik. Die Reaktionen sind ein starkes Zeichen der Allgemeinheit gegen Rassismus. Diese Erkenntnis ist das einzig Positive an der unsäglichen und auch für den gesamten FC Schalke 04 hochnotpeinlichen Farce."

"Bild" (Berlin): "Falls Schalke 04 und Tönnies glauben, sich so durchmogeln zu können, irren sie. Wie sieht die Wiedergutmachung nach seinen rassistischen Aussagen konkret aus? Mit welchem Projekt will sich Tönnies persönlich gegen Rassismus engagieren? Antworten auf diese Fragen müssen jetzt wie angekündigt schnell kommen! Sonst braucht Schalke einen neuen Ehrenrat und einen neuen Aufsichtsrats-Vorsitzenden."

"Welt" (Berlin): "Der Schalker Ehrenrat macht es nun noch schlimmer. Er hat mit dem Urteilsspruch seine Wächterfunktion ad absurdum geführt und zugleich den Bemühungen des Vereins, für mehr Toleranz zu werben, schweren Schaden zugefügt. Schalke bemüht sich seit einiger Zeit intensiv darum, auf Teile der Fans mäßigend einzuwirken, der Klub positionierte sich zuletzt eindeutig gegen Rassismus und Antisemitismus. Diesen Bemühungen spricht das Ergebnis der Ehrenratssitzung Hohn. Für die Vereinskultur beim FC Schalke 04 ist dieser Tag ein herber Rückschlag. Der Patriarch ist spätestens seit heute zur Belastung für den Klub und die Bundesliga geworden. Und er wird es voraussichtlich noch mindestens drei Monate bleiben."

"Neue Westfälische" (Bielefeld): "Dass Clemens Tönnies seinen Verzicht selbst erklären darf, versehen mit der Betonung, dass er das Amt nach drei Monaten wieder aufnehme, lässt darauf schließen, dass es gewichtige, womöglich materielle Gründe dafür gab. Materielle Gründe – sie sind sicher wichtig für einen ehrgeizigen Traditionsverein wie Schalke 04, der wie kaum ein zweiter für die Ehren-Werte des 'Schmelztiegels' Ruhrgebiet steht. Dessen Anspruch als Vorbild für Integration entsprechen sie aber nicht.  Es gibt, sagt der Soziologe Theodor W. Adorno, dessen 50. Todestag wir gerade begingen, kein richtiges Leben im falschen. Der Freispruch von eigenen Gnaden, den Tönnies verkünden durfte, macht einen Ehrenrat überflüssig. Der soll Schaden von Verein und Fans abwenden. In dieser Woche hat er ihm Schaden zugefügt."

"Weser-Kurier" (Bremen): "Rituell seinen sofortigen Rausschmiss zu fordern, wäre zu einfach und zu billig. Damit ist keinem Opfer von Rassismus geholfen, eher mit tätiger Reue. Einen Fingerzeig hat die Sitzung des Ehrenrates des Vereins jetzt gegeben. Dort sitzen drei Juristen, ein Pfarrer und ein Steuerberater, also überwiegend Menschen, die sich professionell mit Fragen der Schuld, Sühne und Vergebung beschäftigen. Ob der Kompromiss, das Amt für drei Monate ruhen zu lassen, ausreicht, darüber werden die Mitglieder des FC Schalke 04 zu entscheiden haben."

"Mitteldeutsche Zeitung" (Halle): "Tönnies' törichte und arrogante Vermutungen über Arbeitsmoral und nächtliche Aktivitäten in Afrika sind schließlich nicht nur dummes Gerede gewesen. Sie zeugen von einer tief verankerten Geisteshaltung. Umso mehr verwundert die Begründung des Schalker Ehrenrats: Der Vorwurf des Rassismus sei unbegründet. Diskriminierung ja, aber kein Rassismus. Doch es ging in Tönnies' Rede um Ressentiments gegen Menschen aufgrund ihrer Herkunft und Kultur. Näher an der Definition von Rassismus hätte er wohl kaum sein können."

wue / mit DPA-Material

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