HOME
Meinung

Umstrittene Äußerungen: Warum Tönnies, Dickel und Owomoyela nicht mit "Denkpausen" davonkommen dürfen

Schalke-Aufsichtsrat Clemens Tönnies und die BVB-Moderatoren Dickel und Owomoyela verschwinden wegen rassistischer und umstrittener Äußerungen auf Zeit von der Bildfläche. Das ist schwach. Wer Vorbild sein will, muss ganz anders entscheiden.

Drei Monate lässt Clemens Tönnies, Aufsichtsratschef des FC Schalke 04, sein Amt ruhen, nachdem er vor dem Paderborner Tag des Handwerks die Finanzierung von Kraftwerken empfohlen hat, damit "die Afrikaner aufhören Bäume zu fällen" und "aufhören, wenn es dunkel ist, Kinder zu produzieren". Norbert Dickel und Patrick Owomoyela, Moderatoren des BVB-Netradios und BVB-TVs, bekommen "eine Denkpause", nachdem sie während einer Übertragung eines Testspiels gegen Udine Calcio unter anderem von "Itakern" gesprochen hatten, dass dies "ja keine Beleidigung" sei und Owomoyela sich zu einer Hitler-Imitation genötigt fühlte: "Große Schlachten, die hier geschlagen wurden" - keine rassistische Äußerung an sich, aber eine Parodie, die im Umfeld der Reportage mehr als nur unpassend wirkte.

Auszeit. Denkpause. Und dann? Ist hoffentlich genug Gras über die Sache gewachsen. So wird es wohl kommen, und so dürfte auch das Kalkül der vereinsinternen Sanktionäre sein. Frei nach dem Fußballermotto: "In drei Tagen spricht keiner mehr darüber, wie das 1:0 zustande gekommen ist, Hauptsache drei Punkte." Dennnoch ist es damit nicht getan.

Clemens Tönnies – gutes Zeugnis von Weggefährten

Die Bundesliga und ihre Vereine gerieren sich gerne als Club aufrechter Sportsmänner, als Gemeinschaft von Saubermännern, die sich ihrer Vorbildfunktion für die Jugend bewusst ist, und deren Verantwortliche schnell mit markigen Worten jene geißeln, die von den Rängen ganz ähnliche Sprüche oder Gesten ablassen wie Tönnies, Dickel und Owomoyela es jetzt getan haben. "Das hat im Fußball nichts verloren", heißt es dann schnell. Doch kommen die Verfehlungen aus der Liga selbst, dann wird aus dem toughen Business, dem die Öffentlichkeit Anerkennung zollen soll, urplötzlich wieder die kleine Fußballer-Gesellschaft: Die wollen doch nur spielen. Aus dieser Haltung heraus haben nun auch die beiden Ruhrpott-Clubs entschieden. So aber übernimmt man keine Verantwortung für sein Tun – und ist auch kein Vorbild.

Tönnies, so wird ihm von Freunden und Weggefährten öffentlich bescheinigt, sei alles andere als ein Rassist. Dickel und Owomoyela, so heißt es in einer BVB-Mitteilung, seien "seit Jahren in der Anti-Rassismus-Arbeit aktiv". Stellt sich die Frage, wie dann ausgerechnet diese drei zu solchen Äußerungen kommen. Und wenn es ihnen trotzdem passiert, sind sie dann die richtigen Personen, um in der Öffentlichkeit für ihre Vereine respektive die Liga zu stehen? In Politik und Gesellschaft erleben wir in den vergangenen Monaten, wie Sprache zu Spaltung und auch zu Gewalt führt. Wer also Rassismus in der Bundesliga beklagt, ob auf dem Platz oder von der Tribüne aus, der darf solche sprachlichen Entgleisungen mit Auszeiten und Denkpausen nicht einfach wegschweigen wollen.

Öffentlich auftreten gegen Rassismus

Sicherlich verfügt Clemens Tönnies als Unternehmer über mannigfaltige Möglichkeiten, aktiv gegen Rassismus und Diskriminierung einzutreten, und wie wäre es wohl, darüber in markigen Worten vor dem Tag des Handwerks zu sprechen? Und sicherlich sind Norbert Dickel und Patrick Owomoyela in der Lage, genauso engagiert wie über BVB-Spiele über ihre Anti-Rassismus-Arbeit zu sprechen und wie schrecklich die "großen Schlachten" eines Adolf Hitler waren im Vergleich zu den sogenannten "Schlachten" im Fußball. Zum Beispiel. Beides hätte Vorbildcharakter. Und vorbildlich wäre es gewesen, hätten die Verantwortlichen von Schalke 04 und Borussia Dortmund die drei dazu verpflichtet, nun in Wort und Tat gegen Rassismus einzutreten statt sie einfach auf Zeit von der Bildfläche verschwinden zu lassen.

Hinweis: In einer früheren Version dieses Kommentars wurden alle kritisierten Personen pauschal mit rassistischen Äußerungen in Verbindung gebracht. Im Fall von Patrick Owomoyela steht vor allem dessen Hitler-Imitation im Fokus. Eine Imitation an sich ist noch keine rassistische Äußerung. Im Rahmen der kritisierten und auch sanktionierten Reportage im BVB-Netzradio war sie jedoch fehl am Platze und verfehlte somit eine parodistische Wirkung. Wir haben das präzisiert.

tkr

Wissenscommunity