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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Der Tor kann gehen - Tönnies unchained

Mit seinem bratwurstigen Gartenhüttenrassismus sollte Clemens Tönnies nicht Schalke-Boss bleiben und einen Verein repräsentieren, der sich öffentlich gegen Rechts engagiert und für Weltoffenheit einsetzt. Es muss etwas passieren.

Clemens Tönnies

Clemens Tönnies, Fleischfabrikant und Aufsichtsratsvorsitzender des FC Schalke 04

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Clemens Tönnies hat mit ein paar spektakulär reaktionären Gedanken die Schalker Fans, ach was, die komplette Nation verwirrt. Muss das sein, solchen Unsinn zu reden, beim Tag des Handwerks? Gibt es für sowas nicht den Sport1 "Doppelpass"?

Offenbar konnte der ostwestfälische Schwartenfürst nicht mehr bis zu seinem ersten Auftritt beim Fußballstammtisch warten und zeigt sich in erstaunlicher Frühform wenn es darum geht, durch wirres Monologisieren seinen FC Schalke in eine tiefe Krise zu stürzen. Wobei man fairerweise sagen muss, dass das erste Opfer in diesem Falle weder Trainer, noch Manager, sondern er selbst sein dürfte. Müsste?

Clemens Tönnies bedient ein schlimmes, rassistisches Stereotyp

Der folgenschwere Satz, über den Tönnies nun stürzen könnte, zielte auf Steuererhöhungen im Kampf gegen den Klimawandel und sah vor, lieber jährlich 20 Kraftwerke in Afrika zu finanzieren: "Dann würden die Afrikaner aufhören, Bäume zu fällen, und sie hören auf, wenn's dunkel ist, Kinder zu produzieren", sagte Tönnies.

Das ist natürlich ein schlimmes, rassistisches Stereotyp. Bestätigt er als Vertreter des Durchschnittsteutonen doch unfreiwillig, dass wir Kartoffeln zum gepflegten Knattern das Licht ausmachen müssen. Ach ja, und dann wäre da natürlich noch das billige, alte Klischee vom Schwarzen, der außer Ficki-Ficki nicht viel anderes im Sinn hat. Abgesehen davon, dass "Afrika" nun geografisch gesehen ähnlich differenziert ist wie der Rest von Tönnies Weltbild.

Nach kurzer Irritation gab es für diesen kleinen wirtschaftlich-kulturellen Exkurs dann doch Applaus im Saal. Clemens unchained. Ja, hier darf man sich dann ausnahmsweise dann doch nochmal abarbeiten am ansonsten bereits entsetzlich durchgenudelten weißen, alten Mann, der Dank kolonialherrschaftlicher Geste den "Afrikaner" von der Vermehrung abhält. Eine glatte 9,8 auf der nach oben offenen Maaßen-Skala.

Vielleicht stumpft man ab, wenn man täglich 30.000 Schweine schlachtet

Mittlerweile hat sich Clemens von Thurn und Tönnies schon entschuldigt (was rein definitorisch natürlich nicht geht) und eingeräumt, dass er "über mich selbst bestürzt" sei - "es war schlicht töricht." Was soviel bedeutet wie: Es war töricht, sich bei solchem Unsinn erwischen zu lassen. Denn klar ist, dass ein Mann Anfang 60 in seiner Charakterbildung recht weit sein, und Tönnies in Anbetracht seiner sonstigen Aktivitäten wohl so bald kein Bono mehr werden dürfte. Vielleicht stumpft man einfach ein wenig ab, wenn man täglich 30.000 Schweine schlachtet.

Es hätte Klasse bewiesen, wäre Tönnies von sich aus den Schritt gegangen, weiteren Schaden vom Amt abzuwehren, in dem er seinen Posten als Aufsichtsratsvorsitzender räumt. Stattdessen hockte er in Kotelett Mansion, darauf hoffend, dass eine noch wichtigere Meldung den sich aufbauenden medialen Druck absaugen könnte, sodass man in der Folgewoche stillschweigend zur Tagesordnung übergehen könne.

Wasweißich…

Der Tor hat seine Schuldigkeit getan, der Tor kann gehen

Ein spektakulärer Sané-Deal oder Angela Merkel, die auf der Klum-Hochzeit Störkraft-Songs intoniert. Sowas eben. Ja, nicht einmal die BVB(!)-Kommentatoren Nobby Dickel und Patrick Owomoyela konnten mit ihren wirklich unnötigen Dulli-Witzchen über die "Itaker" den königsblauen Ferkelfürsten aus der Schusslinie nehmen. Der Tor hat seine Schuldigkeit getan, der Tor kann gehen.

Nein, Clemens Tönnies Auftritt war keine Sportpalast-Rede, und er ist auch nicht der neue Bernd Höcke. Aber mit diesem bratwurstigen Gartenhüttenrassismus kann er schlecht oberster Repräsentant eines Vereins bleiben, der sich öffentlich gegen Rechts engagiert und für Weltoffenheit einsetzt. Will man das künftig aufrichtig tun, muss etwas passieren.

Clemens Tönnies sollte nicht Schalke-Boss sein

Ein bisschen mehr "Aha!" in den Logen da oben sorgt womöglich für ein paar weniger "Uh-Uh-Uhs!" auf den Rängen da unten. So meine Hoffnung. Ach, ich bin ein Träumer. Tönnies sollte nicht Schalke-Boss sein. Und das gar nicht mal zwingend wegen seiner Fürstin Gloria-Imitation. Da reichen schon die Nähe zu Gazprom und Putin, auch nicht eben als humanistischer Höchstleister bekannt, die Art, wie auf seinen Schnitzelplantagen Mensch und Tier behandelt werden. Oder weil er aussieht wie der junge Helmut Kohl.

Es wäre ein zaghaftes Signal in Sachen Glaubwürdigkeit in einem Business, in dem allein das Wort "Ethikkommission" für laute Lacher sorgt - und der Mensch eben nur solange auf die Wahrung seiner Würde hoffen darf, solange er das Geld wert ist, das man für ihn gezahlt hat. Aber hey, zwischen den WM-Turnieren 2018 und 2022 ist es vermutlich eh obsolet, über solch hehre moralische Ansinnen im Fußball noch ernsthaft zu diskutieren.

Sei's drum. Nein, mit dieser reaktionären Gesinnung ist Clemens Tönnies der falsche Mann für eine Führungsposition in der Bundesliga - für die Werteunion allerdings dürfte es reichen.