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Finanzdienstleister: Warum Mitarbeiter bares Geld wert sind

Finanziers und Rating-Agenturen interessieren sich immer stärker für das Talent-Management der Unternehmen. Die Erkenntnisse geben Aufschluss über den mittelfristigen Erfolg.

Knapp elf Mio. DM brauchte die New-Economy-Firma Blaxxun nach gescheitertem Börsengang. Die Finanzdaten stimmten, die Strategie für die Zukunft auch. Nicht genug. Die alten und neuen Investoren wollten mehr wissen: So gingen ihre Prüfer durchs Unternehmen, sprachen mit Mitarbeitern in Schlüsselpositionen, ließen sich etwa Fluktuationsrate, Weiterbildung, Rekrutierungspraxis - kurz: das Talent-Management - erläutern. Erst nach der Prüfung vor Ort ging der Daumen der Geldgeber endgültig nach oben.

»In ein paar Jahren werden die Reports von Analysten und Rating-Agenturen seitenlang über das Talent-Management von Unternehmen berichten«, glaubt Daniel Meiland, Chef der Personalberatung Egon Zehnder International. Und zwar genauso ausführlich und selbstverständlich, wie die Reports heute untersuchten, ob die Finanzen eines Unternehmens solide seien. Denn wie systematisch ein Unternehmen Mitarbeiter auswählt und zu sich holt, sie weiterbildet und an sich bindet, ist viel Geld wert. Rund 22 Prozent höhere Renditen erzielten im Schnitt Unternehmen, die ein exzellentes Talent-Management aufweisen konnten, ergab eine Untersuchung der Unternehmensberatung McKinsey bei 56 weltweit tätigen Unternehmen.

Talent-Management als Erfolgsindikator

McKinsey-Partner Klaus Behrenbeck: »Die Finanzdaten geben vor allem Auskunft darüber, wie ein Unternehmen aktuell und kurzfristig dasteht. Die Qualität des Talent-Management lässt darauf schließen, ob ein Unternehmen auch mittelfristig Erfolg haben wird.«

Schließlich gilt für immer mehr Unternehmen: Nicht das Geld, sondern die Mitarbeiter, ihre Ideen und ihr Wissen sind das eigentliche Firmenkapital. Doch nicht nur deshalb weisen Analysten und Rating-Agenturen immer stärker aus, welche Asse die jeweiligen Unternehmen im Ärmel haben. Klaus Mangold, Vorstandsvorsitzender von DaimlerChrysler Services: »Je komplexer und globaler die Wirtschaft wird, desto wichtiger wird die Greifbarkeit der Menschen.« Weil es Firmen immer häufiger mit unbekannten Geschäftspartnern zu tun haben, ersetzt die Bewertung der Rating-Agenturen das Vertrauen, das sonst in langjährigen Kundenbeziehungen wächst. Deshalb, erwartet Mangold, nähmen die Rating-Agenturen und Analysten künftig nicht nur die Topmanager, sondern verstärkt auch andere Mitarbeiter unter die Lupe, prüften Lebensläufe, sprächen intensiv mit wichtigen Mitarbeitern.

Die wahren Stars

Denn oft sind es Personen im Hintergrund, in nicht leitenden Positionen, die die wahren Stars im Unternehmen sind, weil sie Schlüsselpositionen außergewöhnlich gut ausfüllen. Insgesamt, sagt McKinsey-Partner Klaus Behrenbeck, habe sich das Talent-Management in deutschen Unternehmen in den letzten fünf Jahren deutlich professionalisiert, gingen viele Firmen ungewöhnliche Wege, um ungewöhnliche Mitarbeiter zu gewinnen und sie anschließend bei der Stange zu halten. So binden Unternehmen wie Allianz, Deutsche Bank, Siemens und McKinsey mit ihrer gemeinsamen Initiative E-fellows.net hoffnungsvolle Nachwuchsleute schon frühzeitig an sich, indem sie ausgezeichnete Studenten mit freiem Zugang zu teuren Datenbanken und zum Internet ausstatten.

Was den Rating-Experten am Talent-Management häufig negativ auffällt: Den meisten Unternehmen fehlt es an der Systematik, wenn es darum geht, den Wert der Mitarbeiter zu bemessen. Folge: So mancher Chef lässt den Falschen ziehen. Häufig mangelt es darüber hinaus vor allem in mittelständischen Unternehmen an personalpolitischem Weitblick, an einer Vision. So schaut das Management, wen es gerade braucht, nicht aber, ob das derzeitige Personal die Anforderungen der Zukunft erfüllt.

Neue Finanzquellen

Bisher hatten die Rating-Agenturen in Deutschland wenig Gelegenheit, das Talent-Management, von Firmen unter die Lupe zu nehmen. Erst wenige Unternehmen haben sich am Rating-Verfahren beteiligt. Das werde sich bald ändern, ist Oliver Everling, Geschäftsinhaber der Rating-Agentur Everling Advisory Services, überzeugt. Gerade mittelständische Unternehmen sowie die Firmen der New Economy würden das Rating durch unabhängige Agenturen für sich entdecken, um sich neue Finanzquellen zu erschließen.

Bei einer Reihe von Banken nämlich werden wohl gerade die Unternehmen, deren Hauptkapital die Talente sind, künftig kaum noch an billiges Geld kommen. Die Geldinstitute planen, so Insider, sich bei der Bewertung von Unternehmen künftig weitgehend auf die nackten Finanz-Kennzahlen der Firmen zu beschränken. Hintergrund: Unternehmensberater hatten in einer internen Studie festgestellt, dass die bankeneigenen Firmenkundenbetreuer vor Ort nicht selten ziemlich daneben lagen, wenn sie Erfolg oder Misserfolg von Unternehmen anhand des Firmen-Managements prognostizieren sollten.

Da hätten Rating-Agenturen bessere Chancen, ins Schwarze zu treffen, meint Oliver Everling: »Die haben in der Regel ein weit höheres Budget als die Banken, um die weichen Faktoren eines Unternehmens zu bewerten.«

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