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Finanzkrise: Börsen stoppen Absturz

Europas Börsen legen eine Atempause ein: Nach anfänglich hohen Verlusten stoppte der Dax seine Talfahrt, die ihn bis auf ein Zweijahrestief geführt hatte. Grund: Die Börsianer erwarteten eine positive Entwicklung an der Wall Street, die am Vortag noch abgestürzt war. So kam es dann auch.

Die westlichen Börsen haben ihren Absturz am Dienstag vorerst gestoppt. In Frankfurt ging der Dax sogar mit einem kleinen Plus aus dem Handel. Er schloss bei 5830,64 Punkten, das waren 23,9 Punkte oder 0,41 Prozent mehr als am Vortag. Zwischenzeitlich war er schon bis auf 5667 Punkte abgestürzt, den tiefsten Stand seit August 2006. MDAX und TecDAX schlossen ebenfalls inm Plus. Der Dow-Jones-Index in den USA, am Vortag noch mit einem besonders hohen Verlust, stieg sogar deutlich nach oben. Er schloss 4,68 Prozent im Plus bei 10.850 Punkten. Der breiter gefasste S&P-500 stieg um 5,3 Prozent auf 1164 Zähler. Der Index der Technologie-Börse Nasdaq kletterte um 4,97 Prozent auf 2082 Punkte.

Dabei hatte es lange nach einem desaströsen Börsentag ausgesehen. Denn das amerikanische Repräsentantenhaus hatte den 700 Milliarden Dollar schweren Rettungsplan des Finanzministeriums, mit dem die kollabierenden US-Banken von ihren maroden Wertpapieren und Krediten befreit werden sollen, abgelehnt. Vor allem Republikaner waren dagegen und ließen damit ihren Präsidenten im Regen stehen. Sie lehnten derartig gigantische staatliche Eingriffe in die Privatwirtschaft ab, da letztlich der Steuerzahler dafür aufkommen müsse.

Der Dow Jones fiel daraufhin um satte sieben Prozent oder fast 800 Punkte. Es war - gemessen in Punkten - der stärkste Einbruch in der Geschichte der New Yorker Börse, der sogar noch den Rückgang nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 übertraf. Der US-Nachrichtensender CNN bilanzierte, es seien insgesamt an der Wall Street etwa 1,2 Billionen Dollar (835 Milliarden Euro) an Börsenwert vernichtet worden.

Der Abwärtssog erfasste anschließend Asien: Die Börsen in Japan, Hongkong, Australien und Neuseeland verzeichneten Kursrückgänge zwischen 4,6 und 5,5 Prozent. Der wichtigste asiatische Börsenindex, der japanische Nikkei-225, verlor 4,6 Prozent.

In Deutschland kehrte wieder Hoffnung am Markt ein, nachdem die US-Futures, also die amerikanischen Terminkontrakte, eine starke Eröffnung der Wall Street signalisiert hatten. Auch die Aktien der Krisenbank Hypo Real Estate gewannen an Wert. Nach einem Einbruch von 74 Prozent wie am Vortag ist das allerdings auch keine Seltenheit. Die Aktien, inzwischen Zocker-Papiere, schossen um fast 25 Prozent nach oben.

Was auch Hoffnung machen könnte: In den USA ist noch nicht aller Tage Abend, was den Rettungsplan angeht. Präsident George W. Bush und sein Finanzminister Henry Paulson wollen mit führenden Republikanern und Demokraten im Kongress zusammentreffen, um doch noch eine Lösung zu finden. Zugleich signalisierten Parlamentarier beider Parteien ihre weitere Gesprächsbereitschaft. Eine konkrete Strategie aber, wie weitere Unruhe auf den internationalen Finanzmärkten zu verhindern ist, ließen die Beteiligten nicht erkennen.

Suche nach einer Lösung

Wie es konkret weitergehen wird, war zunächst völlig unklar. Am Dienstag gebe es aber wegen eines Feiertags sehr wahrscheinlich keine neue Parlamentsvoten, hieß es. "Die Abstimmung ist gescheitert, doch die Krise hält an", sagte die demokratische Präsidentin des Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi.

Ziel des Programms war es, den praktisch eingefrorenen Kreditfluss wieder in Gang zu setzen und weitere Turbulenzen auf den Finanzmärkten zu verhindern. Experten hatten immer wieder gewarnt, falls Washington nicht ein klares Zeichen setzt, drohten Panik und weltweite Kettenreaktionen an den Märkten. Ein erster Entwurf der Regierung war bereits am Donnerstag auf Ablehnung gestoßen.

"Von allen guten Geistern verlassen"

Bundeskanzlerin Angela Merkel erklärte derweil, die Bundesregierung erwarte, "dass dieses Rettungspaket noch diese Woche verabschiedet wird". Dies sei Voraussetzung für Vertrauen an den Märkten. Ähnliche Appelle kamen aus Japan und China.

Auch die Europäische Kommission und Vertreter der Europäischen Zentralbank (EZB) mahnten eine schnelle Entscheidung in den USA an. EU-Handelskommissar Peter Mandelson verurteilte die Ablehnung der milliardenschweren Finanzhilfen im US-Kongress als verantwortungslos. "Die Abgeordneten sind von allen guten Geistern verlassen und ich hoffe, dass wir in Europa keine Politiker und Parlamentarier erleben, die eine solche Verantwortungslosigkeit an den Tag legen", sagte Mandelson in einem Interview des britischen Senders BBC.

Der EU-Kommissar forderte zugleich eine breitere internationale Reaktion auf die Finanzkrise. Neben dem französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy und Großbritanniens Premierminister Gordon Brown habe auch Bundeskanzlerin Angela Merkel in den vergangenen Tagen US-Präsident George W. Bush in einem Telefonat dazu gedrängt, sagte er. Die EU-Kommission werde Vorschläge für eine bessere Zusammenarbeit zwischen Aufsichtsbehörden, Banken und Regierungen vorlegen.

DPA/AP/Reuters / AP / DPA / Reuters