Finanzkrise Das Schlimmste kommt noch


Gewinneinbrüche, Pleiten, Entlassungen: Die Finanzkrise trifft die deutsche Wirtschaft mit voller Wucht. Auch wenn die Finanzmärkte nach staatlichen Rettungsmaßnahmen langsam wieder Vertrauen fassen, sind die Aussichten dennoch düster. Ein schnelles Ende der Abwärtsspirale ist nicht in Sicht.
Eine Analyse von Sebastian Dullien

Spätestens mit dem neuen Hilfspaket der Bundesregierung für den Bankensektor ist klar: Die Finanzkrise wird auch den deutschen Durchschnittsbürger treffen. All jene Milliarden, die nun zur Rettung der Banken ausgegeben werden, können nicht mehr für Steuersenkungen, bessere Straßen oder bessere Schulen und Hochschulen ausgegeben werden.

Doch damit nicht genug: Auch die Konjunkturaussichten für Deutschland haben sich mit der Finanzkrise rapide verschlechtert. Die wirtschaftlichen Durchhalteparolen, die Finanzminister Peer Steinbrück noch bis in den September verbreitete, sind nun klar obsolet. Die meisten Volkswirte gehen davon aus, dass Deutschland in die Rezession rutschen wird oder die Wirtschaft schon bereits in der Rezession steckt. Der Internationale Währungsfonds geht nun mit einer Stagnation für das Gesamtjahr 2009 aus, einzelne Großbanken rechnen gar mit einem Rückgang der Wirtschaftsleistung im kommenden Jahr. Auch die Bundesregierung hat angekündigt, ihre Prognose für das Jahr 2009 "in Richtung 0 Prozent" zu korrigieren. Konkret heißt das: Die Arbeitslosigkeit wird wieder steigen, die Steuereinnahmen schwächeln, das Staatsdefizit wieder steigen und die Lohnentwicklung eher mager ausfallen.

Deutschland droht eine Rezession

Die von Finanzminister Steinbrück lange geäußerte Einschätzung, dass Deutschland besonders gut für die Krise aufgestellt sei, weil durch die Agenda-2010-Reformen die Arbeitsmärkte flexibler geworden seien und Deutschland selbst keinen Immobilienboom erlebt hat, hat sich als Illusion herausgestellt. Wie sich bereits in den Stimmungsumfragen unter Unternehmern, aber auch in den Auftragseingängen zeigt, war Deutschlands Aufschwung zwar nicht direkt von einer Immobilienblase getrieben wie in den USA, Großbritannien oder Spanien, hing aber indirekt von diesen Blasen ab: Deutschlands Wachstum der vergangenen Jahre kam praktisch einzig vom Export und den Investitionen, die der Exportboom ausgelöst hat. Schon seit dem vergangenen Sommer zeichnet sich ein Abschwung der deutschen Wirtschaft ab: Weil der Euro bis in den Sommer 2008 rapide aufgewertet hatte, hatten die deutschen Exporteure bereits kräftig an Wettbewerbsfähigkeit verloren, der Aufwärtstrend war durchbrochen. Auch die Zinserhöhungen der Europäischen Zentralbank bis in den Juli hatten das Wachstum belastet.

Die jüngste Zuspitzung der Finanzkrise trifft damit Deutschland in einem empfindlichen Moment. Nun droht der Export als Wachstumsmotor vollends wegzubrechen, ohne dass Deutschlands Binnenwirtschaft selbst Wachstum erzeugen könnte. Die Finanzkrise droht aus Deutschlands kontrollierbarem Abschwung eine heftige Rezession zu machen. Dabei dürften in den kommenden Monaten vor allem all jene Branchen besonders von der Krise getroffen werden, die in den vergangenen Jahren Deutschlands Aufschwung getragen haben: Autobauer, aber auch Maschinen- und Anlagenbauer sowie die Chemieindustrie.

Unternehmen wie Opel haben Produktionsunterbrechungen angekündigt

Die Autobauer spüren bereits die Absatzschwäche in den USA: Weil es für die Amerikaner immer schwieriger wird, einen Kredit für den Kauf eines Autos zu bekommen, sind die Verkaufszahlen regelrecht eingebrochen. Um mehr als 20 Prozent gingen die Vorkaufszahlen in den vergangenen zwölf Monaten zurück, zuletzt wurden in den USA so wenig Autos verkauft wie zuletzt in der Wirtschaftsflaute Anfang der 1990er Jahre. Schon haben Unternehmen wie Opel Produktionsunterbrechungen angekündigt. Die Lage in dieser Branche dürfte sich über die kommenden Monate weiter verschärfen.

Für die Maschinen- und Anlagenbauer sowie die Chemieindustrie dürfte dagegen die US-Wachstumsschwäche weniger schwer wiegen als die Folgen der US-Krise auf den Rest der Welt. Deutschlands Exportindustrie hatte in den vergangenen Jahren vor allem Verkäufe in die stark wachsenden Schwellenländer in Asien sowie in die Ölförderländer wie Russland oder die arabische Welt ausgeweitet. Beiden Ländergruppen droht aber nun ein empfindlicher Wachstumsdämpfer: Die Schwellenländer werden langsamer wachsen, weil sie selbst weniger in die USA verkaufen können, die Ölförderländer sind damit konfrontiert, dass ihnen wenig Geld für Waren made in Germany bleibt, nachdem sich der Ölpreis über die vergangenen Monate halbiert hat.

Nachfrageschwäche wird zu Gewinneinbrüchen und Pleiten führen

Hinzu kommt, dass gerade jene europäischen Länder, in die Deutschland zuletzt viel verkauft hat, wie Spanien oder Großbritannien, derzeit immer weiter in den Abwärtssog der Krise geraten. Auch auf diesen Märkten werden es die Exporteure in den kommenden Monaten sehr schwer haben. Auch wenn die deutschen Firmen anders als ihre US-Pendants solide Bilanzen und wenig Schulden haben: Eine solch breite und dramatische Nachfrageschwäche wird auch in Deutschland zu Gewinneinbrüchen, Entlassungen und Pleiten führen.

Dramatisch ist die Entwicklung vor allem, weil sich bislang noch keine Trendwende abzeichnet. Die Folgen der jüngsten Finanzmarktturbulenzen auf die Industrie sind noch gar nicht in den – bereits dramatisch verschlechterten – Wirtschaftsdaten etwa zu Produktion, Unternehmensvertrauen oder Auftragseingängen angekommen. In den kommenden Monaten dürfte es deshalb noch die ein oder andere böse Überraschung geben.

Eindämmen der Bankenkrise reicht nicht aus

Ob und wie schnell sich die Wirtschaft wieder fängt, dürfte damit zunächst ganz entscheidend davon abhängen, wie erfolgreich die Notenbanker und Finanzminister der großen Industriestaaten bei ihren Versuchen sein werden, das Vertrauen an den Finanzmärkten wiederherzustellen. Gelingt es nicht, mit den jüngsten Maßnahmen die Panik einzudämmen, so drohen in den kommenden Wochen und Monaten auch Unternehmen mit soliden Bilanzen von der Kreditversorgung abgeschnitten zu werden.

Massenentlassungen und Investitionsstopp wären die Folge. Die gegenwärtige Krise hat das Potenzial, die ganze Welt in eine schwere und lange Rezession zu ziehen, die Deutschland mit voller Wucht treffen würde. Doch auch ein bloßes Eindämmen der Bankenkrise dürfte im Moment kaum noch ausreichen, um die Rezession in Deutschland schnell zu beenden.

Inzwischen hat sich eine solch kräftige Abwärtsspirale aus fallenden Bestellungen und wachsender Skepsis der Unternehmer entwickelt, dass es ohne weitere staatliche Eingriffe keine schnelle Trendwende geben dürfte. Auch wenn sich die Finanzmärkte in den nächsten Wochen stabilisieren, dürfte es noch sehr lange dauern, bis Banken wie bisher Kredite vergeben und Investoren wieder bereit sind, auf ein stabiles Wachstum der Weltwirtschaft zu setzen. Wenn also nicht die Europäische Notenbank noch einmal kräftig die Zinsen senkt und die Bundesregierung mit Steuersenkungen und Staatsausgaben die Konjunktur ankurbelt, sind die Aussichten äußerst düster, dass sich die deutsche Wirtschaft vor Mitte 2009 wieder erholt.


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