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Gig-Economie: Knochenjob für kleines Geld - die Fahrer von Foodora und Deliveroo

Sie verdienen kaum mehr als den Mindestlohn, müssen Smartphone und Fahrrad selbst anschaffen: Essenslieferanten strampenl in einem Höllenjob. Möglich macht das eine neue Art der Ausbeutung. Doch die Fahrer wehren sich.

Foodora und Deliveroo stehen in der Kritik

Foodora und Deliveroo stehen in der Kritik

Hektisch strampel der Fahrradfahrer auf die rote Ampel zu. Eigentlich müsste er scharf bremsen, doch er zischt mit hohem Tempo über die Berliner Kreuzung. Er hat Glück, es ist kaum Verkehr. Der Grund für seine Eile prangt auf seinem Rücken: In einem isolierten Rucksack transportiert der junge Mann Essen - bestellt bei dem Lieferdienst Deliveroo. Dass er sich so beeilt, liegt nicht nur daran, dass er das Menü schnell zum Kunden bringen will. Zeitdruck ist Teil des Geschäfts der neuen Lieferdienste.

Pizza und Burger war gestern, inzwischen können Kunden direkt in ihrem Lieblingsrestaurant Essen bestellen. Geliefert wird es nicht von einem hauseigenen Service, sondern von spezialisierten Transportfirmen: Deliveroo und Foodora. Auf ihren Internetseiten locken die Unternehmen neue Fahrer. "Flexibilität", "hochwertiges Equipment"  und "guter Verdienst" bietet Deliveroo seinen neuen Mitarbeitern laut Homepage. Doch stimmt das auch?

Seit Wochen beschweren sich die Fahrer der beiden Firmen über miese Entlohnung und schlechte Arbeitsbedingungen. Bei Foodora sind die Fahrer angestellt und bekommen laut dem Unternehmen 9 bis 11 Euro pro Stunde bezahlt. "Also in den meisten Städten ist der Stundenlohn 8,50 Euro. In München hat man einen Stundenlohn von 10 Euro. Früher gab es auch mal einen Bonus für die Wochenendarbeit, der wurde abgeschafft", sagt ein Fahrer, der anonym bleiben will, dem "Bayerischen Rundfunk". Allerdings gebe es auch noch Trinkgeld, auf das die Fahrer Anspruch hätten. Im Schnitt liege dies bei einem Euro pro Bestellung, so Foodora zum stern. "Die Fahrer haben obendrauf ja noch ihr Trinkgeld", rechtfertigt er den Stundenlohn, "für die Flexibilität, die wir auf der anderen Seite bieten, ist das ein sehr attraktives Gesamtpaket", sagte Foodora-Geschäftsführer Julian Dames zum "RBB". Der anonyme Fahrer sieht das anders. "Wer am Vormittag fährt, hat meistens mit Firmen zu tun und Firmen sind eher zurückhaltend. Bei den Privatleuten ist von null bis acht Euro Trinkgeld alles möglich", sagte er im Interview.

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Immerhin sind die Fahrer angestellt und somit sozialversichert. Beim Wettbewerber Deliveroo greift ein kompliziertes Konstrukt aus Arbeitsverträgen. "Angestellte Fahrer verdienen zwischen 9 und 10 Euro pro Stunde und bekommen bei Bedarf Benzinkosten erstattet. Die selbstständigen Kuriere arbeiten in flexiblen Entgeltmodellen mit uns zusammen, vornehmlich über ein Modell mit einer Vergütung pro Auftrag", lässt das Unternehmen den stern auf Nachfrage wissen. "Dieses sieht eine Zahlung zwischen 5 und 6 Euro pro Lieferung vor. Im letzten Monat verdienten Fahrer über dieses Modell im Durchschnitt 16,50 Euro pro Stunde."

Unklares Entgeldmodell bei Deliveroo

Doch die "flexiblen Entgeldmodelle" lohnen sich kaum für die Mitarbeiter. Ein Kurier berichtete "Vice", dass er 7,50 Euro Stundenlohn bekommen würde. Dazu käme eine Provision pro Bestellung von zwei Euro - allerdings nicht für alle Fahrer. "Nicht jeder Freelancer bekommt zwei Euro Provision, viele bekommen nur einen. Und Freie, die vor Kurzem angefangen haben, bekommen gar keine Provision, dafür aber den Mindestlohn. Woran das liegt und wie man von ein auf zwei Euro aufsteigen kann? Keiner weiß das, Deliveroo legt die Kriterien hierfür nicht offen", sagte der Fahrer gegenüber "Vice". Und berichtet von einem weiteren Bezahlmodell: Fahrer, die gar keinen Stundenlohn mehr bekommen würden und nur noch für eine Provision in die Pedale steigen. 4,75 Euro soll es dann pro Lieferung geben. An einem auftragsschwachen Tag kein guter Deal für die Fahrer. "Die sind am ärmsten dran", sagte auch der Kurier zu "Vice". 

Doch die Bezahlung ist nicht der einzige Kritikpunkt der Fahrer. Zwar heißt es bei Deliveroo, dass die Firma "hochwertiges Equipment" zur Verfügung stellt - doch wer nun glaubt, dass der Lieferdienst seine Radler mit neuen Fahrrädern und leistungsstarken Smartphones ausrüstet, irrt. Tatsächlich müssen die Fahrer selbst für Rad, Roller oder Auto sorgen. Auch ihr Smartphone - und somit auch das eigene Datenvolumen - müssen sie bei der Arbeit nutzen, um sich per App die Routen zum Kunden durchgeben zu lassen. "Zwei Kollegen von mir ist mal das Fahrrad in der Schicht geklaut worden, ersetzt hat ihnen das niemand", sagte der anonyme Fahrer zu "Vice". Das Problem: Geht das Fahrrad kaputt, müssen die Fahrer selbst für die Reparatur aufkommen. Ein Loch im Reifen während der Schicht, kann schnell zum Verdienstausfall führen, wenn der Fahrer nicht schnell genug flickt.


Gig-Economy und moderne Tagelöhner

Die Gewerkschaften beobachten das Treiben der Branche genau. Die sogenannte Gig-Economy ist ein noch recht neues Modell auf dem Arbeitsmarkt. Wie Musiker, die von Auftritt (Gig) zu Auftritt gebucht werden, arbeiten nun auch andere Branchen. Handwerker werden über Plattformen wie Myhammer vermittelt, Putzkräfte werden über Dienste wie Helpling oder Book-a-Tiger gebucht - und Lieferdienste bieten Restaurants Fahrer an. Das kann für alle beteiligten sehr praktisch sein, doch diese Form der Ökonomie hat seine Tücken. Denn die Plattformen legen die Spielregeln fest und kassieren Provision, das unternehmerische Risiko bleibt bei den Mitarbeitern. Kritiker fürchten, dass diese Veränderung der Arbeitswelt ein Heer von modernen Tagelöhnern hervorbringt. "Ich finde für das, was die Beschäftigten dort leisten, für das Risiko, das die Beschäftigen haben, sind die Arbeitsbedingungen einfach zu schlecht", sagte Matthias Knüttel von "Verdi" zum "BR".

Firmen müssen Verantwortung übernehmen

Tatsache ist, dass Firmen wie Deliveroo und Co. den Wunsch der Kunden nach bequemen Konsum perfekt bedienen. Dass die heutigen Strukturen aus Hungerlohn, angereichert mit nicht planbarem Trinkgeld und die verpflichtende Nutzung von eigenem Equipment statt firmeneigener Räder und Smartphones das Arbeiten nicht besonders erfreulich machen, sollte den Plattformen Sorge bereiten. Denn schlecht gelaunte Fahrer oder unmotivierte Putzfrauen können nicht gut für das Geschäft sein. Die Firmen mögen die unternehmerische Verantwortung bei den Mitarbeitern abladen - der schlechte Ruf bleibt aber an ihnen kleben.

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