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Frühjahrsgutachten "Wir haben das Erdbeben hinter uns"

Die deutsche Wirtschaft wird dramatisch schrumpfen: In ihrem Frühjahrsgutachten prognostizieren die führenden Institute einen Abbruch der Wirtschaftsleistung um sechs Prozent. Im stern.de-Interview spricht Mitautor Kai Carstensen, Konjunkturchef des Ifo-Institus, über die Frage, wie es wieder aufwärts gehen kann.

Herr Carstensen, die deutsche Wirtschaft soll nach dem Gutachten, an dem Sie auch mitgearbeitet haben, um sechs Prozent schrumpfen. Hatten Sie mit so einem schweren Einbruch gerechnet?

Jein. Man muss dabei berücksichtigen, dass sich die sechs Prozent in erster Linie aus dem schlechten Winterhalbjahr speisen. Das vierte Quartal 2008 und das erste Quartal 2009 brechen dramatisch runter. Wenn das Wirtschaftswachstum danach zumindest stagnieren würde, dann hätten wir schon ein Minus von 5,5 Prozent. Wir haben das Erdbeben schon hinter uns. Was jetzt kommt, sind die Nachwehen.

Ab wann könnte es wieder bergauf gehen?

Da bin ich sehr vorsichtig, das liegt an der historischen Erfahrung. Rezessionen, die mit Immobilien- und Bankenkrisen einhergehen, sind sehr hartnäckig. Wir leben in Deutschland nicht abgeschottet vom Rest der Welt. Den Abschwung haben wir über unseren Außenhandel importiert. Deswegen werden wir auch nicht so schnell wieder rauskommen. Im Rest der Welt sieht es auch schlimm aus, in den USA und Großbritannien beispielsweise. Die gesamte weltwirtschaftliche Dynamik wird in diesem Jahr nicht da sein. Der übliche Motor, der Deutschland aus der Rezession rausholt, der Export, ist nicht da. Deswegen sind wir für dieses Jahr, was eine Erholung angeht, recht pessimistisch. Das fängt erst im nächsten Jahr an.

Was ist aus Ihrer Sicht die Hauptursache für den starken Rückgang, immerhin sechs Prozent, der Wirtschaftsleistung?

Das ist wirklich der Außenhandel. Man sieht ganz deutlich, dass die Exporte dramatisch nach unten gegangen sind: über die Bestellungen aus dem Ausland traf das die Produktion im Inland. Wir haben eine weltweite Verbreitung der Krise. In den vergangenen Jahren gab es einen wirklich starken weltwirtschaftlichen Boom – der hat zu Überhitzungen geführt und gipfelt in einer Banken- und Finanzkrise. Deswegen geht es so dramatisch nach unten. Die ganze Welt ist synchron erfasst worden.

Wir können also nur hoffen: In anderen Ländern springt die Wirtschaft an - und die deutsche Wirtschaft kann wieder exportieren.

Das ist eine Möglichkeit. Die andere: Die privaten Haushalte springen ein und konsumieren. Man kann auch im Inland anfangen zu wachsen. Das ist am Ende eine Vertrauenssache - wie sehr die Menschen an die Zukunft glauben. Da sehen wir in den nächsten Monaten einiges auf Deutschland in Form von Arbeitslosigkeit zurollen. Das wird zur Jahreswende den Konsum deutlich in Mitleidenschaft ziehen.

Die Regierung will ein System von Bad Banks schaffen, die den Banken Risiken abnehmen sollen. Wie sehr hilft das?

Ich kenne die Details noch nicht. Grundsätzlich ist es richtig, dass das Problem angegangen und möglichst rasch gelöst wird. Nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Der globale Vertrauensverlust, der Geldfluss, der ins Stocken geraten ist, belastet ungemein. Wichtig ist: Es darf nicht in die Beliebigkeit der Banken gestellt werden, ob sie die Hilfen annehmen oder sich drücken wollen. Die Regierung muss ganz klare Vorgaben machen. Unter folgenden Umständen ist eine Bank verpflichtet, Hilfen anzunehmen. Der Staat hat eingegriffen und damit allen Banken geholfen. Dann hat er auch das Recht, weiter einzugreifen – auch gegen den Willen einer Bank.

Das Gutachten prognostiziert eine Million neue Arbeitslose in diesem Jahr. Welche Branchen trifft das besonders?

Das zieht sich durch alle Branchen, besonders betroffen ist aber die Exportindustrie, die Investitionsgüter und langlebige Konsumgüter herstellt, also ein Kernbereich der deutschen Wirtschaft. Dann folgen unternehmensnahe Dienstleister. Transportunternehmen sind ein klassischen Beispiel: Wenn ich keine Waren transportieren muss, brauche ich auch keinen Transporter.

Es gibt immer wieder Forderungen, das Kurzarbeitergeld zu verlängern. Würde das etwas nützen?

Das kann ein wenig helfen, aber ich warne vor zuviel Optimismus. Nach einer gewissen Zeit rechnet sich Kurzarbeit für die Arbeitgeber wirklich nicht mehr. Sie bekommen die Arbeitskosten nur dann voll ersetzt, wenn sie Fortbildungen anbieten. Das geht nicht über viele Monate oder gar Jahre. Alternativ müssen sie die Sozialbeiträge tragen. Dafür, dass nicht gearbeitet wird, ist das immer noch sehr teuer. Die Bedeutung dieses Instrumentes ist dramatisch nach oben geschnellt. Ich vermute, sie wird Ende 2009 und Anfang 2010 schon nachlassen. Dann werden die Entlassungen ihren Höhepunkt erreichen.

Im Gutachten wird ein drastischer Anstieg der Staatsverschuldung prognostiziert. Wie schlimm wird das?

Der Staat gibt aus zwei Gründen mehr Geld aus, als er hat. Der erste Grund: Steuereinnahmen brechen weg, das ist ein ganz natürlicher Mechanismus in der Rezession. Wenn der Staat sein Geld klug verwaltet, dann hat er im Aufschwung wieder Überschüsse. Der zweite Grund sind die Konjunkturpakete, auch hier ist sehr viel Geld auf den Weg gebracht worden. Wenn Sie das zusammenrechnen, werden die Defizite deutlich ansteigen. Das ist kurzfristig absolut zu tolerieren. Die Frage ist: Wie komme ich davon wieder runter?

Was schlagen Sie vor?

Wir brauchen in den nächsten Monaten ein Konzept, wie der Staat die Konsolidierung anpacken will. Es gibt da Vorschläge der Institute. Wir nennen das die qualitative Konsolidierung, sie geht stärker hin zu Investitionen. Bei einem festgesetzten Wachstumspfad der Staatsausgaben kann der Staat auf einen konsolidierten Haushalt zuwachsen. Das ist dann nicht mehr allzu schmerzhaft. Aber ganz klar: Das wird kein Zuckerschlecken. Und es bedeutet, im nächsten Aufschwung sparen zu müssen.

Viel Geld aus den Konjunkturpaketen ist noch gar nicht vor Ort angekommen, weil etwa Planungsverfahren und Genehmigungen dauern. Dennoch gibt es Forderungen nach einem dritten Konjunkturpaket. Ist das nötig?

Darüber sollten wir derzeit nicht spekulieren. Wie Sie gesagt haben, wirken die Maßnahmen aus dem zweiten Konjunkturpaket noch nicht einmal alle. Die Institute prognostizieren in der Produktion keine weiteren dramatischen Einbrüche. Das bedeutet: Wir sollten erst einmal die Pakete wirken lassen. Im Herbst kann man sich gerne wieder zusammensetzen und noch einmal genau die Situation analysieren. Wenn es dann noch einmal dramatisch abwärts gegangen ist, dann ist die Finanzpolitik noch einmal in der Pflicht. Vorher würde ich das nicht tun.

Eine Zwischenbilanz: Hat die Regierung bislang richtig gehandelt?

Eine Maßnahme hat etwas bewirkt: die Abwrackprämie. Da bin ich aber besonders kritisch. Sie regt zwar den Konsum von Autos an, aber sie verzerrt enorm - den Wettbewerb zwischen Sorten und Größen von Autos. Sie hilft Kleinwagenherstellern, anderen Automobilbauern nicht. Das gefällt mir insgesamt überhaupt nicht. Ich bin auch nicht allzu optimistisch, dass man dadurch einen großen Konsumeffekt hervorruft. Sehr viele Haushalte werden andere Dinge weniger stark nachfragen: Einrichtungsgegenstände wie Küchen etwa. Der Nettoeffekt ist möglicherweise nicht so groß, wie die Regierung ursprünglich angenommen hat. Aber es gibt auch viel Gutes. Beispielsweise die Rettung des Bankensystems, die im vergangenen Herbst enorm schnell beschlossen wurde. Aber auch viele Teile der Konjunkturpakete wie Entlastungen bei Steuern und Abgaben sowie Investitionen in die Infrastruktur.

Interview: Axel Hildebrand

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