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Überraschendes BIP-Wachstum: Willkommen im Wirtschaftswunderland!

Überraschung! Die deutsche Wirtschaft brummt so, wie es kein Experte vorausgesagt hat. Woran liegt's? Wann haben die Arbeitnehmer etwas davon? Und: Wie lange dauert die Party? Eine Umfrage.

Von F. Güßgen, S. Huld, S. Kemnitzer und S. Wiese

Was für eine Party, ausgerechnet an einem Freitag, den 13. 2,2 Prozent hat die deutsche Wirtschaft im zweiten Quartal 2010 im Vergleich zum Vorquartal zugelegt. Was für ein Erfolg. Was für eine Überraschung. Von einem "Aufschwung XL" schwärmt Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP). Von einem Wachstum von 1,4 Prozent aufs ganze Jahr gerechnet ist die Regierung bisher ausgegangen. Jetzt traut Brüderle ihr einen Sprung von "weit über zwei Prozent zu". Er ist nicht allein: Fast alle Konjunkturexperten- und institute korrigieren ihre Aussagen für 2010 nach oben, die Deutsche Bank sogar auf 3,5 Prozent. "Wir hatten ein starkes Quartal erwartet, sind aber von etwa einem Prozent Wachstum ausgegangen", sagt auch Gustav Horn, wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung stern.de. "Dass es jetzt mehr als doppelt so hoch ausfällt, ist sehr, sehr gut."

Deutschland, das Wirtschaftswunderland, hat's also offenbar wieder einmal geschafft. Besser als Frankreich, besser als Großbritannien. Und natürlich besser als der große Bruder USA. Weil "Made in Germany" wieder gefragt ist und der Export brummt. Gleichzeitig hat - es lebe die Kurzarbeit! - der Arbeitsmarkt mit saisonbereinigt rund 3,2 Millionen Arbeitslosen im Juli locker allen Unkenrufen getrotzt, die für diesen Herbst 5 Millionen Menschen ohne Job voraussagten. Dem deutschen Börsenindex Dax geht's trotz einiger kleinerer Einbrüche ebenfalls bestechend gut. Anfang der Woche verzeichnete er einen Jahreshöchststand mit 6351,6 Punkten - und kommt damit schon ziemlich nahe an die Stände vor der Lehman-Pleite im September 2008 heran.

"Die Reformen machen sich jetzt bezahlt"

Die Gründe für die Bombenstimmung lassen sich fix bestimmen, die Experten sind sich einig. Da ist das Erbe des lange verfemten Ex-Kanzlers Gerhard Schröder, das der SPD zwar das Kreuz gebrochen, aber den deutschen Arbeitsmarkt fit gemacht hat: die Agenda 2010, in Kombination mit der klugen Lohnzurückhaltung der Gewerkschaften. "Die Reformen und die Lohnzurückhaltung der letzten Jahre machen sich jetzt bezahlt", sagt Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, stern.de.

Deutsche Firmen haben es offenbar tatsächlich geschafft, eine besondere Innovationskraft unter Beweis zu stellen, sodass ihre Produkte für ausländische Käufer besonders attraktiv sind. "Die deutsche Industrie ist sehr wettbewerbsfähig und hat die richtigen Produkte", erklärt Krämer. Eine moderate Lohnstruktur, attraktive Produkte. Dazu kam der durch die Währungskrise geschwächte Euro, der deutsche Waren auf dem Weltmarkt günstiger werden ließ.

Und dann ist da, natürlich, der entscheidende Faktor: Es hat im vergangenen Jahr eine Nachfrage nach deutschen Produkten gegeben. Amerikaner, vor allem aber Chinesen, Inder, Asiaten, Lateinamerikaner - sie alle haben in Deutschland zugegriffen, als der Welthandel wieder ansprang. "Der Export ist schier explodiert", analysiert IMK-Chef Horn. "Deutschland profitiert davon, dass es in die schnell wachsenden aufkommenden Märkte exportiert", sagt Jürgen Matthes, am Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln zuständig für internationale Wirtschaftspolitik. Im Land selbst haben Konjunkturprogramme dafür gesorgt, dass die Bürger Geld zum Ausgeben in den Taschen hatten, die Baubranche etwa profitierte massiv. "Es liegt eine kombinierte Wirkung vor: von inländischer Konjunkturanregung und den globalen Programmen, von denen Deutschland über die Exporte profitiert", beschreibt Ökonom Horn die Ursachen des Aufschwungs.

"Das ist ein Ausreißer nach oben"

Nur: Wie lange dauert die Überraschungsparty? Wie nachhaltig ist der deutsche Aufschwung? Auch hier sind sich die Experten fast durchgängig einig: Sicher, Deutschland stehe gut da, überraschend gut, analysieren sie. Das sei ein Erfolg. Aber in dem Tempo werde die Wirtschaft nicht weiter wachsen. "In der Größenordnung geht es nicht weiter", sagt Kai Carstensen, Konjunkturexperte des Münchner Instituts für Wirtschaftsforschung (Ifo), stern.de. "Das ist ein Ausreißer nach oben. Ziel muss es sein, ein gewisses Niveau zu halten, damit das Wachstum weitergeht."

Denn die Wirkung fast aller Faktoren, die nun zu den blendenden Zahlen geführt haben, dürfte sich im kommenden Jahr abschwächen: Die USA haben nach wie vor ein Riesenproblem mit ihrer Wirtschaft, die Notenbank Federal Reserve (Fed) hat erst in dieser Woche eine eher trübe Prognose veröffentlicht, die chinesische Wirtschaft ist so überhitzt, dass die Regierung in Peking sich nach Kräften bemüht, auf die Bremse zu treten, um einen Crash zu verhindern, der Euro zieht wieder an, und die Abnehmer aus anderen europäischen Ländern müssen angesichts massiver Sparvorgaben - auch von Seiten der EU - sorgfältig aufs Geld gucken. Und die deutsche Binnennachfrage kann mit dem Export nach wie vor bei Weitem nicht mithalten.

Bei der Nachfrage aus dem Ausland gebe es das größte Rückschlagspotenzial, analysiert entsprechend Ifo-Experte Carstensen. "Die Finanzkrise ist weder in den USA noch in Europa überstanden", sagt auch Joachim Scheide, Leiter des Prognose-Zentrums des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW), gegenüber stern.de. Die Haushaltsdefizite anderer EU-Länder würden weiter für eine Schieflage in der europäischen Wirtschaft sorgen. Die Erholung nach einer Finanzkrise dauere erfahrungsgemäß sehr lange. "Trotzdem wird Deutschland sich auch weiterhin deutlich besser entwickeln als der Rest der Euro-Zone", mutmaßt Commerzbank-Chefvolkswirt Krämer. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) etwa rechnet bislang damit, dass der Export 2010 um 11 Prozent, 2011 um 8 Prozent zulegen wird - und damit verhältnismäßig über dem prognostizierten Wachstum des Welthandels liegt, der bei 7 Prozent gesehen wird.

Aber nicht nur beim Export droht eine Abschwächung. Auch laufen in Deutschland die Konjunkturprogramme aus, so dass die Binnennachfrage zusätzlich gebremst werden könnte. Gleichzeitig greifen die Sparprogramme, die die schwarz-gelbe Bundesregierung auflegen muss, um den Bundeshaushalt mittelfristig wieder ins Lot zu kriegen. Ab 2011 will und muss Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) rund 70 Milliarden Euro einsparen - auch wenn die Steuereinnahmen von Bund, Ländern und Gemeinden nun deutlich anziehen dürften. Das Auslaufen der Konjunkturspritzen, das Sparprogramm: "Das wird Spuren hinterlassen", sagt Horn. Die Wachstumserwartung für 2011 sieht er deshalb pessimistischer, die Deutsche Bank stuft sie bei etwa 1,5 Prozent ein.

"Ich rate zu leistungsgerechten Lohnerhöhungen"

Horn warnt auch davor, die Risiken zu unterschätzen, die dadurch entstanden sind, dass die Bundesregierung einen Schirm zur Rettung der Banken gespannt hat. Bei der Bändigung der Finanzmärkte und der Absicherung der Risiken, die dort schlummerten, sei politisch immer noch nicht genug unternommen worden: "Da kommt die Regulierung nur schrittweise voran, das Verhalten der Akteure hat sich noch nicht grundlegend geändert. Man kann derzeit leider immer noch nicht ausschließen, dass im Bankensektor Geschäfte gemacht werden, die die gesamte Stabilität gefährden."

Und so bleibt die Frage, wie Regierung und Tarifparteien es schaffen können, die Überraschungsparty in einen Ausgangspunkt für stabiles Wachstum zu verwandeln. Wichtig ist dabei vor allem, für eine nachhaltige Nachfrage im Inland zu sorgen - auch dadurch, dass die Arbeitnehmer bei den anstehenden Tarifrunden - etwa im Metallgewerbe - endlich einen vollen Schluck aus der Pulle nehmen dürfen. "Wenn man den Aufschwung über einen längeren Zeitraum halten will, dann muss in Deutschland unbedingt die Binnennachfrage anspringen. Das wird nur mit deutlichen Gehaltssteigerungen gelingen, die den Menschen mehr Geld für Konsum lassen", argumentiert Horn von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. "Deswegen rate ich dringend zu leistungsgerechten Lohnerhöhungen." Horn empfiehlt Lohnaufschläge von rund drei Prozent. Und auch Ifo-Mann Carstensen findet, dass es nun Zeit ist, die Arbeitnehmer am Wachstum zu beteiligen. "Die Gewerkschafen haben sich in der Krise vernünftig verhalten", argumentiert er. "Es ist berechtigt, wenn sie jetzt darüber nachdenken, wie die Arbeitnehmerseite beteiligt wird. Ich bin sehr zuversichtlich für die kommenden Tarifrunden."