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Gesundheitsreform: Krankenkassen wollen Praxisgebühr abschaffen

Die Barmer Ersatzkasse hat als erste Krankenkasse angekündigt, die Praxisgebühr noch in diesem Jahr wieder abzuschaffen. Weitere Krankenkassen wollen nachziehen.

Die seit Jahresbeginn fällige Praxisgebühr könnte Millionen Krankenversicherten noch in diesem Jahr erspart bleiben. Nur vier Monate nach Einführung der Praxisgebühr hat die erste Krankenkasse angekündigt, sie noch in diesem Jahr wieder abzuschaffen. Die Barmer-Krankenkasse führt nach Informationen des "Westfalen-Blattes" (Samstag) das Hausarzt-Modell wieder ein. Das bedeutet, dass Patienten, die immer erst zu ihrem Hausarzt gehen, die Praxisgebühr in Höhe von zehn Euro pro Quartal nicht mehr bezahlen müssen. Eine Barmer-Sprecherin sagte der Zeitung, ein entsprechender Vertrag sei mit dem Deutschen Hausärzteverband abgeschlossen worden.

Nach der Barmer Ersatzkasse prüfen auch andere große Krankenkassen, ob sie das heftig umstrittene "Eintrittsgeld für den Arztbesuch" von 10 Euro pro Quartal zu Gunsten des so genannten Hausarztmodells abschaffen. Das Bundesgesundheitsministerium begrüßte diese Entwicklung als gewünscht im Rahmen der Gesundheitsreform.

AOKs und DAK wollen Praxisgebühr ebenfalls abschaffen

Nach Informationen der "Bild am Sonntag" arbeiten die Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK) mit insgesamt 26 Millionen Mitgliedern in 17 regionalen AOKs an einem entsprechenden Modell. In Baden-Württemberg laufe bereits ein Projekt, bei dem über 100 Ärzte mitmachen, sagte AOK-Sprecher Rainer Eikel dem Blatt. Weitere Landes-AOKs wollten folgen.

Auch die Deutsche Angestellten Krankenkasse (DAK) mit rund acht Millionen Mitgliedern entwickelt Hausarztmodelle. "Realistisch ist eine Einführung Ende dieses oder Anfang nächsten Jahres", sagte DAK- Sprecher Jörg Bodanowitz der Zeitung. Bei der Techniker-Krankenkasse (5,5 Millionen Mitglieder) hieß es: "Wir werden unsere Vertragsverhandlungen bis Ende April abschließen. In Kürze bieten auch wir dann unseren Versicherten die Teilnahme am bundesweiten Hausarztmodell." Bei der Gmünder Ersatzkasse und den Innungskrankenkassen werde ebenfalls über solche Modelle nachgedacht.

Barmer-Sprecherin Susanne Uhrig sagte "Bild am Sonntag": "Wir haben jetzt mit dem deutschen Hausärzteverband die Rahmenbedingungen für die so genannte hausarztgeführte Versorgung abgesteckt. Darum können wir dieses Modell, das die Versorgung der Patienten verbessern wird, künftig bundesweit anbieten. Los geht es auf jeden Fall noch in diesem Jahr."

Ulla Schmidt begrüßt Initiativen

Das Gesundheitsministerium steht den Plänen offen gegenüber. "Wir begrüßen diese Initiativen verschiedener Krankenkassen, weil sie dem Hausarztmodell zum Durchbruch verhelfen. Die Qualität steigt und die Beiträge werden effizienter verwendet", sagte eine Sprecherin.

Beim Hausarztmodell verpflichtet sich der Patient, außer in Notfällen stets zunächst seinen Hausarzt aufzusuchen. Dieser übernimmt die Behandlung und überweist den Patienten bei Bedarf an Spezialisten oder Kliniken. Der Hausarzt führt und koordiniert die Behandlung und ist für den Patienten Pilot im komplexen Gesundheitswesen. Die Kassen versprechen sich davon die Vermeidung aufwendiger Doppeluntersuchungen und damit Kosteneinsparungen.

Praxisgebühr schlägt durch - 500.000 Patienten weniger

Die Praxisgebühr schlägt offensichtlich voll durch: Im Norden nahmen nach einem Bericht der "Lübecker Nachrichten" vom Sonnabend im ersten Quartal 10,4 Prozent weniger Patienten in den Wartezimmern Platz als vor einem Jahr. Habe die Kassenärztliche Vereinigung Schleswig-Holstein (KVSH) in Bad Segeberg im ersten Quartal 2003 noch rund vier Millionen Patienten gezählt, seien es in den ersten drei Monaten dieses Jahres fast eine halbe Million weniger gewesen.

"Die Praxisgebühr hat viele abgeschreckt", meinte Robert Quentin von der KVSH überzeugt. Es sei ein Trugschluss anzunehmen, die Menschen seien weniger krank. Die stärksten Einbußen hätten Frauenärzte (minus 9,5 Prozent), Hals-Nasen-Ohrenärzte (minus 16 Prozent) und Orthopäden (minus 18 Prozent) zu verzeichnen gehabt.

Deutlich weniger Patienten als befürchtet hatten sich zwar behandeln lassen, aber die zehn Euro nicht gezahlt: Die KVSH spricht von 4000 Fällen im Norden, entsprechend einem finanziellen Defizit von 40 000 Euro. Vor Jahresfrist hatten die Ärzte noch Ausfälle von zwei Millionen Euro prognostiziert.

DPA

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