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GfK-Konsumklimaindex Das absurde Menschenbild der Marketingexperten


Die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) meldet alarmistisch: Die Deutschen wollen weniger shoppen! Schuld daran seien die internationalen Krisen. Wie weltfremd kann man eigentlich sein?
Ein Kommentar von Rolf-Herbert Peters

Um 20 Uhr sitzt Familie Mustermann in Kleinkleckersdorf vor der Tagesschau. Sie starrt auf blutüberströmte Kinder aus dem Gaza-Streifen. Auf verstümmelte Soldaten in der Ukraine. Sie verfolgt entsetzt, wie tote Christen im Irak abtransportiert werden. Da sagt Vater Mustermann: "Oops! Bei dieser verschärften geopolitischen Lage sinkt meine Konjunkturerwartung." Mutter Mustermann greift noch einmal in die Nüsschen und pflichtet dem Gatten bei: "Ja, Günther, die Sanktionen gegenüber Russland beeinträchtigen die Ausfuhren bereits spürbar."

Kevin Mustermann schaut seine Eltern traurig an: "Auch bei mir ist die Verunsicherung im Hinblick auf die weitere gesamtwirtschaftliche Entwicklung in Deutschland spürbar angestiegen. Lass uns deshalb lieber nicht morgen in den Media Markt fahren und mir ein neues iPhone kaufen." Mama Mustermann streichelt ihm über den Kopf: "Bist ein guter Junge. Nicht nur dein Optimismus hat sich im August spürbar abgeschwächt. Auch ich kaufe morgen lieber mal keinen Cheddar, sondern nehme die einfachen Scheibletten."

"Ich konsumiere, also bin ich"

Liest man die heutige Pressemitteilung mir der Überschrift "Dämpfer fürs Konsumklima: Verbraucher sehen positive Konjunkturentwicklung gefährdet", müssen sich die Forscher der GfK das Leben der Deutschen in etwa so wie bei den Mustermanns vorstellen: gefangen in tumbem Konsumrationalismus. Die Dialoge stammen weitgehend aus den Formulierungen der GfK-Mitteilung.

Wie weltfremd müssen die Marketingexperten sein, wenn sie den Menschen diese banale Ratio zuschreiben: Wir kaufen weniger "aufgrund gesunkener Konjunkturerwartung." Noch sind die Menschen glücklicherweise empathische Wesen. Sie halten die Nachrichten zur Zeit kaum aus. Wer die Kriegsbilder sieht, hat keine Lust mehr auf Konsum, so wie er nach der Tagesschau auch keine Lust mehr auf Sex hat. Er denkt dabei schon lange nicht an die deutsche Außenwirtschaft. Er denkt an Gerechtigkeit, an Helfen, an Sein und Haben, an Gott.

Die Ontologie der Marktwirtschaft "Ich konsumiere, also bin ich" zeigt in solchen Momenten seine ganze Absurdität. Das iPhone ist eben nicht alles. Sokrates hat diese Erkenntnis mal so formuliert: "Wie zahlreich sind doch die Dinge, derer ich nicht bedarf." Besonders zynisch an dem GfK-Alarmismus ist, dass der Konsum ein wesentlicher Grund für die global tobenden Kriege ist. Die meisten Bewohner dieser Erde sind nämlich von den Fleischtöpfen mehr oder minder abgeschnitten. 95 Prozent von ihnen sind ärmer als wir Deutschen. Ihr "Verbraucher-Optimismus", wie die GfK die Kauflust nennt, ist nicht wie bei uns von 8,9 auf 8,6 Punkte gesunken, sondern er liegt bei 0. Gezwungenermaßen. Das macht auf Dauer aggressiv.


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