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Globalisierung Herr Li versteht die Frage nicht

Chinesen haben vergangenes Jahr die marode Maschinenbaufirma Kelch gekauft. Jetzt müssen alle länger arbeiten, und der neue Chef spricht nur Chinesisch. Die Geschichte eines Kulturschocks im Schwäbischen.
Von Beate Flemming

Damit von Anfang an keine Missverständnisse aufkommen: Niemand bei der Firma Kelch hat was gegen Herrn Li. Im Gegenteil. "Sehr freundlich" sei der Herr Li, sagen die Mechaniker an den Maschinen. "Man muss wirklich keine Angst vor ihm haben", sagt die Marketingleiterin. An diesem sonnigen Morgen schlurft Li Tiehuan, 46, durch die Kelch-Werkshalle im schwäbischen Schorndorf. Es riecht nach Öl und Metall. Kelch ist ein Maschinenbauunternehmen, mitten im Autozulieferer-Speckgürtel um Stuttgart. Mit hochpräzisen Halterungen, genannt Werkzeugaufnahmen, hat sich Kelch, gegründet 1942, einen Namen in der Branche gemacht.

Immer dabei: der Dolmetscher

An Lis linker Seite schlurft Dolmetscher Xu Chengji, den alle "Herr Schü" nennen. An der anderen sein Gast aus China, der mit einer Digitalkamera jede interessante Maschine knipst. Li winkt fröhlich der Mitarbeiterin zu, die den Getränkeautomaten befüllt, rückt seinem Gast die Krawatte zurecht, klopft Betriebsleiter Achim Benz auf die Schulter.

Plötzlich lachen die drei Chinesen sehr laut "he he he he ha ha" - genau wie die Schauspieler in diesen alten chinesischen Kung-Fu-Filmen. Und genau wie bei diesen Filmen erschließt sich den nicht-chinesischen Betrachtern dieser Szene eher weniger, worüber man sich gerade dermaßen nicht einkriegt. Herr Schü versucht vergebens, die Pointe zu erklären. Benz, der die Lachsalve ausgelöst hat, aber nicht weiß, warum, lacht vorsichtshalber mit. "Die Kommunikation ist schon schwierig", sagt er.

Eine Heuschrecke - aus China

Das ist ein Problem, weil Herr Li der Chef bei Kelch ist. Und der Chef wird immer von seinem Schatten begleitet, einem Dolmetscher, und in der Regel kommt der auch aus China, der neueste hat sogar den gleichen Nachnamen wie sein Chef: Li. Seit über einem Jahr hat Li Tiehuan hier das Sagen. Seither gehört Kelch der Harbin Measuring & Cutting Tool Group aus Harbin in Nordostchina. HMCT, rund 3600 Mitarbeiter, ist ein 100-prozentiges Staatsunternehmen, Li dort stellvertretender Direktor. Er wurde Ende April 2005, auf dem Höhepunkt der hiesigen Heuschreckendebatte, als Geschäftsführer zum schwäbischen Tochterunternehmen abkommandiert. Ein ungewöhnlicher, aber kein Einzelfall.

Die Chinesen kommen: Sechs Fälle listet allein die Industrie- und Handelskammer (IHK) des Bezirks auf. Im Fall Kelch geht es zwar nicht um so viel Geld wie bei der Drogeriekette Rossmann, die nun zu 40 Prozent der chinesischen Hutchinson Whampoa gehört. Aber er ist auch nicht so schnell erzählt wie das Aus, das mit dem Verkauf der Grosse Jac Webereimaschinen aus Burlafingen an die Qingdao Hisun Garment Group besiegelt wurde.

Rettungsplan war gescheitert

"Kelch? Eine verrückte Geschichte", sagt ein Mann von der zuständigen IHK. "Bevor die Chinesen kamen, hatten die einen Rettungsplan: 40-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich. Die Mitarbeiter hatten zugestimmt. Dann hat die Gewerkschaft sich quer gestellt. Nun arbeiten sie unter den Chinesen: 40 Stunden pro Woche, ohne Lohnausgleich!"

Für Simone Theuerkauf, Marketing- und Pressefrau bei Kelch, sind es als Mitarbeiterin der Verwaltung sogar 42 Stunden, aber das "nehme ich gern in Kauf", sagt sie. "Wir haben wieder eine Zukunft." Jeden Morgen um sieben Uhr betritt sie die Zentrale, die 1985, in den fetten Jahren, eingeweiht wurde und mal wieder einen Anstrich brauchte. Herr Li und sein Dolmetscher sitzen dann schon im zweiten Stock. Li an seinem Schreibtisch, der Übersetzer auf dessen Ecke. Die Tür steht offen. Oft telefoniert Li mit China. Um 10 Uhr Ortszeit Schorndorf, kurz vor 17 Uhr Ortszeit und Feierabend in Harbin, ist noch mal Videokonferenz. Da berät Li mit den Direktoren von HMCT über die Zukunft der Kelch & Links GmbH, wie Kelch nun offiziell heißt. Auf Chinesisch. Li kann kein Englisch und auf Deutsch bisher nur "guten Tag". Unter anderem deshalb ist für die noch 170 Mitarbeiter von Kelch relativ unklar, wie ihre Zukunft aussieht. Deshalb lernt Theuerkauf an der Volkshochschule Chinesisch.

Die Welt hinter den Wörtern ist nicht zu übersetzen

Dolmetscher Schü war in dieser Beziehung nämlich nicht wirklich eine Hilfe. Li spricht nicht nur eine sehr schwierige Sprache, er kommt auch aus einer komplett anderen Unternehmenskultur. Für Herrn Schü, der seine Deutschkenntnisse während eines Maschinenbaustudiums im DDR-Leipzig erwarb, ist es zwar leicht, seinem Chef die chinesischen Begriffe für Rohmateriallager und Werkzeugaufnahme zu übermitteln. Aber die Welt, die sich hinter Wörtern wie "Tarifverhandlungen" und "Teilzeitjobs" bewegt, lässt sich kaum dolmetschen. Sie liegt außerhalb der Vorstellungswelt von Li und Schü und Li.

Das Interview mit Herrn Li ist auch deshalb zum Haareraufen. Jede Frage an Li muss man dreimal stellen, dreimal übersetzt Schü, und bestimmt die Hälfte dessen, was Li erwidert, scheint bei Schü hängen zu bleiben. Dabei sitzen Li und Schü lächelnd am schwarzen runden Tisch des Besprechungszimmers. Sie verdampfen eine Knoblauchfahne, als hätten sie sich zum Frühstück zwei Schöpfkellen Kebabsoße "mit scharf" verabreicht. Zum Einstieg also erst mal eine Frage, die im Raum steht. "Wie schmeckt Ihnen das Essen in Deutschland, Herr Li?" Lange chinesische Ausführungen von Li. Die Übersetzung: "Gut."

Einkauf im Asia-Shop

Schon mal Kässpätzle probiert? Wieder Li lang auf Chinesisch. Schließlich Schü: "Herr Li versteht die Frage nicht." Gehen Sie hier ins China-Restaurant? Schü antwortet gleich: "Nein, das ist gar nichts für uns." - "Herr Li und Herr Schü kochen jeden Abend selbst", ergänzt Theuerkauf. "Sie kaufen beim Asia-Shop ein, Herr Li ist ein ausgezeichneter Koch. Die beiden", sagt sie, "teilen sich unsere Firmenwohnung." Die Dolmetscher wohnen immer dort, sie sind quasi rund um die Uhr im Dienst.

Warum HMCT Kelch gekauft hat? "Es geht um High-Tech-Know-how. Kelch mit seinen hervorragenden Produkten soll ein Brückenpfeiler zum Weltmarkt sein", sagt Schü. Der Plan: Die Einstellgeräte, die HMCT herstellt, werden nach Schorndorf geschickt, sollen hier verfeinert werden. Mit ihnen will HMCT den europäischen Markt erobern. Globalisierung mal andersrum. Normalerweise lauten die Zeitungsmeldungen ja: "XY verlagert Produktion nach China". Für HMCT zählt: Made in Germany verkauft sich besser. Zwei Millionen Euro hat die chinesische Konzernmutter schon investiert, für neue Fertigungsmaschinen und eine neue EDV. HMCT plant, Kelch-Entwicklung und -Vertrieb zu stärken. Für das Gelände wurde ein Zehn-Jahres-Mietvertrag abgeschlossen.

Lauter gute Nachrichten. Aber was ist mit den Lohnkosten? Die sind in Harbin doch viel geringer? Was verdient denn ein HMCT-Mitarbeiter so pro Monat?

"HMCT hat ein Vereinigungslohnsystem", übersetzt Schü. Und auf wie viel einigt man sich? "Der Mitarbeiter sagt seinem Vorgesetzten, wie viel Geld er verdienen will, und dann bekommt er das." Na ja, jedenfalls sind es rund 200 Euro für einen Ingenieur.

Nicht mehr im Arbeitgeberverband

Eine der ersten Amtshandlungen von Li bestand darin, aus dem Arbeitgeberverband auszutreten. HMCT hatte das zur Bedingung bei den Kaufverhandlungen gemacht. Und HMCT war so ziemlich der einzige ernst zu nehmende Interessent, der das Pleite gegangene Familienunternehmen kaufen wollte. Für einen "höheren einstelligen Millionenbetrag". Sagt Ralf Liebrich, 47, Geschäftsführer bei Kelch. Liebrichs Berufung war Lis zweite Amtshandlung. Liebrich wurde bei einer Interims-Manager-Agentur eingekauft. Er trägt sein Haar kurz, den Anzug korrekt, eine dynamisch geschnittene Designerbrille. Sein Job: zwischen den Kulturen vermitteln. Dazu gehört, dass auch Liebrich versucht, neben seiner 55-Stunden-Woche Chinesisch zu pauken. Er macht dabei ungefähr so viele Fortschritte wie Li in Sachen Deutsch.

Aber was Li betrifft und die chinesische Art, ein Unternehmen zu lenken, da lernt Liebrich täglich dazu. "Da herrscht einfach eine völlig andere Einstellung", versucht er zu übersetzen. "Das Gemeinwohl ist höher als die Wünsche der Einzelnen. Auch das kaufmännische Denken ist etwas anders als hier." Leasing, Kredite, Cash-flow: Liebrich versucht gerade, Li die alltäglichen europäischen Bilanzraffinessen näher zu bringen. "Nicht einfach", sagt Liebrich. Denn die chinesische Bilanzlogik sieht laut Liebrich ziemlich genau so aus wie das gute alte Haushaltsbüchlein. Links die Einnahmen. Rechts die Ausgaben. Sind die Einnahmen größer als die Ausgaben, kann man investieren. Sonst nicht.

Mehr als nur Sprachprobleme

Ein zusätzliches Problem: "Der Chinese lässt nicht sofort erkennen, wenn er etwas nicht verstanden hat", erzählt Liebrich. Er sagt beim Vormittagsmeeting: "Ja, ja." Am Nachmittag will er dann noch mal alles hinterfragen. Da die Chinesen alles in der Gruppe entscheiden, wird jeder mit einbezogen. Beim vierten Meeting muss man dann noch mal alles gemeinsam durchgehen. Noch nie habe Li verärgert reagiert, sagt Liebrich. "Der Kollege stellt immer ein Lob vorweg. Erst dann kommt er auf den Kern der Sache. Da muss man sehr aufmerksam sein."

Der Kern der Sache: die Produktionskosten. Zwei Maschinen gingen schon nach Harbin, zusammen mit zwei Mitarbeitern, die ihre chinesischen Kollegen anlernten. "Schritt für Schritt werden die Chinesen das Know-how erwerben", sagt Liebrich. "In 10 bis 15 Jahren wird der chinesische Markt aussehen wie der europäische."

Globalisierung im Zeitraffer

Die Kelch-Mitarbeiter müssen Globalisierung im Zeitraffer lernen. Mit jedem der 170 haben Liebrich und Li nach Austritt aus dem Arbeitgeberverband einen Einzelvertrag geschlossen. Liebrich würde am liebsten weg von der Bezahlung nach Zeit hin zur Bezahlung pro Stück. Wer die vergangenen zehn Jahre bei Kelch an Maschine x stand, muss so flexibel sein, bei der Kelch & Links GmbH Maschine y und z zu bedienen. Oder den Computer in der Buchhaltung. Gewerkschaften seien für solche Vorhaben "zu unflexibel".

Das sieht Betriebsrat Ralf Spöcker ganz anders. Jede Menge Vorschläge habe die IG Metall den alten Chefs unterbreitet - diese aber hätten unflexibel reagiert. Für die Pressesprecherin und alle, die eine leitende Funktion bei Kelch bekleiden und jetzt die blausilberne HMCT-Firmenkrawatte aus Polyester tragen, ist Spöcker ein rotes Tuch. Er soll schuld sein, dass es so weit gekommen ist. Mit "es" ist Herr Li gemeint, die Tatsache, dass ein chinesisches Staatsunternehmen ein deutsches Traditionsunternehmen kaufen konnte. Wenn der Fall Kelch als Drama aufgeführt würde, wäre Spöcker darin der Antagonist.

Das Drama handelt von der Angst und der Behäbigkeit. Es beginnt nach der Sommerpause 2004. Die Kelch-Mitarbeiter kehren aus dem Urlaub zurück. Auf der Betriebsversammlung projiziert ihnen eine Unternehmensberatung per Beamer den Untergang an die Wand. Der Stahlpreis: gestiegen um 60 Prozent. Der Verkaufspreis: gefallen um 50 Prozent. Auf jede Werkzeugaufnahme, die Kelch verkauft, muss der Chef praktisch einen Zehn-Euro-Schein draufkleben, bildlich gesprochen. Als Gegenmaßnahme schlägt die Unternehmensberatung vor: 40-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich. Weihnachts-, Urlaubsgeld und Schichtzulagen - gestrichen. Das Ganze nennt sich "Restrukturierungsplan". In einer spontanen Mitarbeiterumfrage stimmen diese mehrheitlich dem Plan zu. Aber nicht die IG Metall, der Spöcker den Plan vorträgt.

Insolvenz als Chance

"Der Unternehmensberater war kein Freund der Gewerkschaften", sagt Spöcker, 44. "Der Vorschlag bedeutete doch erhebliche Einbußen. Bis zu 30 Prozent Minus pro Stunde." Spöcker sitzt in einem düsteren Büro im ehemaligen Verwaltungstrakt gleich neben der Werkshalle. Er trägt nicht die HMCT-Firmenkrawatte. Und dass es die Einbußen für die Beschäftigten jetzt trotzdem gibt - nun ja, man muss sich doch wenigstens wehren.

"Eine Insolvenz ist eine Chance", sagt Anne Rieger, die für Kelch zuständige IG-Metallerin. "Je früher ein Unternehmen, dem Zahlungsunfähigkeit oder Überschuldung droht, in die Insolvenz geht, desto größer ist die Chance, dass es erhalten bleibt und damit möglichst viele Arbeitsplätze." "Herr Li ist auf den Betriebsratssitzungen anwesend", so Spöcker, mehr hat er über Herrn Li nicht zu sagen. Lange Jahre war er Vorsitzender des Betriebsrats, seit der letzten Wahl ist er es nicht mehr. "Wir haben Mittagspause", sagen die Arbeiter auf die Frage nach Spöcker und packen Thermoskanne, Brote und "Bild" aus.

Auch das Mittagessen ist outgesourct

Li nimmt am Cheftisch der Kantine Platz. Der lichteste Raum im Unternehmen. Viel helles Holz und Glas. Die Essenszubereitung ist "outgesourct". Li hat sich für Hähnchen mit Pommes und Ketchup entschieden. Liebrich übertönt das Schmatzen, hervorgerufen durch das Kauen mit offenem Mund, mit Smalltalk über den Zustand des Mittelstands im örtlichen Industriegebiet. Das Unternehmen linker Hand: pleite. Das Unternehmen rechter Hand: "Insolvenz angemeldet, hat man da jetzt was Neues gehört?"

Dann schwärmt Liebrich von der Kantine bei HMCT in China: "Ein Spezialitätenrestaurant, bis abends geöffnet. Die Mitarbeiter speisen hier sogar mit Familie." Herr Li war gerade für zwei Wochen dort, Heimaturlaub. Vermisst er manchmal seine Frau, seinen 19-jährigen Sohn, seine Heimat? "Herr Li sagt, er hat keine Zeit, an seine Frau oder an seine Heimat zu denken", dolmetscht Herr Schü. Was macht Li am Wochenende? "Er spaziert durch die Weinberge."

Wieso Angst?

Wolfgang Kelch, groß und kräftig, sitzt in einem Sessel seines Wohnzimmers, im offenen Kamin liegen dekorativ Holzscheite. Welche Gefühle haben Sie, wenn Sie an Kelch vorbeifahren? "Ich weiß nicht, welche Gefühle ich habe", sagt er. Durch das Fenster hat man einen weiten Blick, bis auf die Weinberge. 1942 fing Kelchs Vater an, Messmatrizen herzustellen. Es ging um die genaue Einpassung von Patronenkartuschen, ein kriegswichtiges Produkt. Unter Wolfgang, der 1967 die Geschäftsführung übernahm, ging es steil aufwärts, 1998 übergab der an seinen Sohn Matthias. "Aber wenn", sagt der Senior, "muss man die Fehler bei mir suchen. Wir hätten viel früher in Billiglohnländer gehen müssen, aber ich dachte: Für so was sind wir viel zu klein."

Herr Li und der Gast aus China stehen auf dem Besucherparkplatz und rauchen. Ob Herr Li manchmal die Angst seiner Mitarbeiter spürt, die um ihn herum arbeiten? "Wir können nicht verstehen, wieso die Deutschen Angst vor uns oder China haben? Sie sollten sich freuen, dass eine Milliarde Menschen endlich auch am Wohlstand teilhaben können."

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