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Schreckensszenario "Grexit": Was passiert, wenn Griechenland aus dem Euro fliegt?

Vom "Bank Run" in Griechenland bis zu höheren Steuern in Deutschland: Sollten die Griechen den Euro verlassen, könnte das gravierende Auswirkungen haben. So sieht das Katastrophenszenario aus.

Von Daniel Bakir

Ein "Bank Run", also ein Ansturm auf Banken und Geldautomaten, wäre im Falle eines Grexits wahrscheinlich

Ein "Bank Run", also ein Ansturm auf Banken und Geldautomaten, wäre im Falle eines Grexits wahrscheinlich

Die Griechenland-Krise spitzt sich zu: Vom 11. Februar an akzeptiert die Europäische Zentralbank griechische Staatsanleihen nicht mehr als Sicherheit. Das bedeutet, dass griechische Banken auf regulärem Weg kein Geld mehr von der EZB bekommen. Das einzige, was die Griechen von da an noch am Leben hält, ist ein Nothilfe-Programm namens ELA (Emergency Liquidity Assistance). Es versorgt Griechenland vorerst weiter mit Geld, wenn auch zu etwas höheren Zinsen. Der EZB-Rat kann dieses als Zwischenlösung gedachte Programm aber jederzeit stoppen.

Die Folgen eines solchen Stopps wären verheerend. Weil Griechenland nicht mehr an frische Euros käme, müsste das Land wohl wieder eine eigene Währung einführen. "Wenn die griechische Regierung Reformen verweigert, wäre ein Austritt aus der EU und dem Euro nicht auszuschließen", sagt Jürgen Matthes vom Institut der deutschen Wirtschaft dem stern. Der Volkswirt hat den "Grexit" zusammen mit dem Kollegen Thomas Schuster in einer aktuellen Studie durchgespielt. "Ein Austritt aus dem Euro würde Griechenland vermutlich wesentlich mehr schaden als Europa", sagt Matthes.

Wie groß wäre das Chaos in Griechenland?

"Für viele Griechen würde es ein böses Erwachen geben", prophezeit Ökonom Matthes. Sollten die Griechen aus dem Euro austreten, würde es zum Bank-Run kommen. Bereits in den vergangenen Monaten haben die Griechen hohe Summen von ihren Sparbüchern abgehoben. Kommt der Grexit, würden die Sparer wohl umgehend sämtliche Geldautomaten leerräumen. Die griechischen Banken würden kollabieren.

"Eine neue Währung kann man nicht über Nacht einführen", sagt Matthes. "Die Liquiditätsversorgung würde vorübergehend zusammenbrechen. Die Menschen könnten kein Geld mehr abheben, Unternehmen würden keine Kredite bekommen." Die neue Währung würde zudem gegenüber dem Euro deutlich abgewertet werden, die Schulden in Euro zurückzuzahlen, wäre dann noch schwieriger.

Geht Europa mit unter?

Die milliardenschweren Hilfskredite hat Griechenland ursprünglich ja nicht nur aus Nächstenliebe bekommen. Befürchtet wurde vielmehr eine Kettenreaktion, die die gesamte Eurozone in den Abgrund reißen könnte. Mittlerweile sehen das viele Experten gelassener. "Die Gefahr von Ansteckungseffekten ist aktuell relativ gering. Das sieht man auch daran, dass die Staatsanleihen anderer Krisenstaaten trotz der Irritationen um Griechenland nicht nennenswert gestiegen sind." Will heißen: Obwohl die Griechenfrage offen wie nie ist, vertrauen die Märkte anderen Sorgenkindern wie Spanien ihr Geld an.

Muss Deutschland die Rechnung zahlen?

Der Worst Case geht so: Griechenland erklärt, seine Schulden nicht zurückzuzahlen, und die deutschen Bürgschaften werden fällig. Um das Loch in der Kasse zu füllen, holt sich die Bundesregierung das Geld anschließend über höhere Steuern bei der eigenen Bevölkerung zurück. Ökonom Matthes geht aber nicht davon aus, dass ein Grexit direkt auf den deutschen Steuerzahler durchschlagen muss. "Sollte Griechenland seine Schulden nicht bezahlen, braucht Deutschland nicht zwingend die Rechnung zu zahlen."

Dann schlägt die Stunde der Finanztrickser. Denkbar ist etwa, dass der Rettungsschirm die alten Kredite einfach mit neuen ablöst. "Damit würde zwar eine Art Schattenhaushalt geschaffen, aber die Bürgschaften der Euroländer würden nicht fällig", sagt Matthes. Mit anderen Worten: Deutschland muss nicht sofort zahlen, man würde das Problem stattdessen vor sich herschieben und hoffen, dass man in Zukunft eine Lösung findet.

Schadet ein Grexit unserer Wirtschaft?

Hier kommt die gute Nachricht. Griechenland ist als Wirtschaftsfaktor nicht besonders relevant. "Wenn keine nennenswerten Ansteckungseffekte auf andere Staaten entstehen, sind die Auswirkungen überschaubar", sagt Matthes. "Griechenland ist kein großer Handelspartner und die Konjunkturaussichten für Deutschland und die Eurozone haben sich zuletzt wieder aufgehellt."

Kommt es zum Börsencrash?

Auf kurzfristige Schocks reagieren die Börsen sofort. Die Frage ist, ob der Schock eine Panik auslöst oder ob gegenteilige Effekte einen Absturz abfedern. Da sich die übrigen Euro-Krisenstaaten derzeit passabel entwickeln und das Geld bei der EZB locker sitzt, könnte eine Abwärtsspirale vermieden werden. "Bei ausbleibenden Ansteckungseffekten stehen die Chancen gut, dass es keinen nachhaltigen Absturz an den Börsen gibt", sagt Matthes.